Aphorismus #528

Wort zum Sonntag #25

Depression in der esoterischen Mangel

0. Warum jetzt schon wieder Eso?

Wie bei meinem letzten Wort zum Sonntag möchte ich mich heute noch einmal auf das weite Feld der Esoterik begeben. Nicht aus Masochismus, sondern aus Ärger. Aus einem ziemlich argen Ärger heraus. Sozusagen aus Arger-Ärger heraus.  Woher der kommt? Nun, sobald in irgendeinem Forum, das sich nicht ausschließlich um Technik dreht, die Sprache auf Depressionen kommt, wird es wahrhaft esoterisch. Da meint jeder, der eine Tastatur bedienen kann, ER wisse Bescheid, ER kenne die Ursachen, ER brauche keine medizinischen Experten, um zu begreifen was eine Depression sei, wie man ihr beikommen könne, was der Betroffene unbedingt zu tun und zu lassen habe. Und dann wird’s esoterisch. Da ist von Energieblockaden die Rede, von unbewältigten Konflikten aus der Kindheit oder gar aus früheren Leben, von der Flucht vor den Aufgaben, die das Schicksal einen stellt usw. usf. Was nach diesen Bescheidwissern auf jeden Fall IMMER falsch ist, das sind Psychopharmaka und die Standardtherapien der modernen Psychiatrie: da würde eben nicht auf psychischer oder geistiger Ebene geheilt, sondern nur auf materieller und darum eben nicht wirklich. Blablabla…
Dagegen scheint kein Kraut gewachsen zu sein. Die Dummheit und Leichtgläubigkeit der menschlichen Spezies ist schier unendlich. Weil ich mich darüber immer wieder ärgere, weil ich es leid bin, immer wieder und wieder denselben Stuss zu widerlegen, darum behandle ich hier an Hand von „geistigen“ Aussagen über Depression dieses Thema vorläufig definitiv.  😉 Wer mehr über den derzeitigen Stand zum Thema Depression aus naturwissenschaftlicher Sicht erfahren will, findet in meinem Blog reichlich Material.
Ich habe aus dem breiten Angebot esoterischer Dampfplauderei einiges ausgewählt, was ich entweder für typisch halte, abstrus oder gemeingefährlich. den Link zur jeweiligen Seite gibt es beim Klick auf die Kapitelüberschrift. Und noch was: wenn ich von Depression rede, meine ich auch eine solche, nicht bloß ein wenig Winterblues, Melancholie oder Weltschmerz. Was dagegen hilft, bzw. was einem da wohl tut, verpufft bei einer Depression und lässt den Betroffenen eher noch depressiver mit der Frage zurück: Was mache ich falsch? Nichts, möchte ich sagen, gar nichts. Höchstens einem Schwätzer auf dem Leim gegangen zu sein.

Aphorismus #503

Unter Vorurteilen leiden Psychiatrie-Erfahrene, ihre Angehörigen und mit etwas Einschränkung auch die psychiatrisch Tätigen; Vorurteile gefährden therapeutische Fortschritte und die strukturelle Weiterentwicklung der Psychiatrie. Insofern kann und muss der Kampf gegen Stigmatisierung ein zutiefst gemeinsames Anliegen sein, das nur im echten Dialog gelingen kann. Schließlich sind die Vorurteile von heute die Fehler der Psychiatrie von gestern.

PD Dr. Thomas Bock in Soziale Psychiatrie 4/2000, S.16-18

Aphorismus #498

Gleiches zieht Gleiches an und wird durch Gleiches verstärkt. Ungleiches stößt einander ab.

Das persönliche Verhalten bestimmt die persönlichen Verhältnisse und die gesamten Lebensumstände. Deine Negativität zieht Negatives, Dunkles an und kann zu Depression und Tod führen.

Dieser Schwachsinn, das Prinzip der Resonanz, ist das vierte der sog. 7 kosmischen Gesetze, die in vielfacher Art durch das Internet geistern. Man könnte mit einem süffisanten Lächeln zur Tagesordnung übergehen. Wenn, ja wenn nicht so viele dieses transzendentale Geraune glauben würden. Und wenn ein Depressiver dies tut, wird es endgültig kriminell: seine Krankheit ist es ja, dass er nicht positiv denken geschweige denn sein kann! Da kann er noch so sehr zum Reiki-Meister rennen, sich „Heilsteine“ auf die Brust legen lassen, fasten, schmanische Rituale vollführen oder auf einem Bein um den Äquator hüpfen. Nützt alles nichts. Schade um Geld und Zeit. Wie man heute eine Depression behandelt, findet sich hier  in der Kategorie „Leben mit der Depression„. Dass solch hanebüchener Unsinn nicht nur esoterisch daherkommt, beweisen die Theorien des Psychologen Irving Kirsch, der behauptet, Antidepressiva würden nur wie Placebos wirken: weil man Positives erwartet, wird es auch geschehen. Als Psychologe ist er ja der richtig ausgebildete Fachmann, um Medikamente und ihre Wirkung zu beurteilen. Demnächst lass ich mir vom Klempner die Zähne ziehen. Lächerlich! In einer major depression erwartet man NICHTS mehr, auch nicht von Medikamenten. Höchstens den eigenen Tod erwartet man.  Und den möglichst bald. –  Ich weiß im Gegensatz zu diesem wissenschaftlichen Schwergewicht, wovon ich rede. Schlimm genug, was er da alles verzapft. Schlimmer noch ist, dass telepolis diesem Unsinn mal wieder eine Plattform gibt. Psychopharmaka-Bashing ist, so scheint es, eines der Hobbys des Redakteurs. Langsam vergeht mir die Lust als „Wächter der Nacht“ dort zu schreiben und immer wieder und wieder die gleichen Vorurteile zu widerlegen.

Aphorismus #483

Depression ist eher Grauen als Traurigkeit. Ja, eher wie Grauen. Es ist, als passiert gleich was Schreckliches, das Schrecklichste, was man sich vorstellen kann – nein, schlimmer als alles, was man sich vorstellen kann, weil da dieses Gefühl ist, dass man sofort was machen muss, um es zu stoppen, aber man weiß nicht, was man machen muss, und dann passiert es auch, die ganze schreckliche Zeit, es passiert gleich und es passiert jetzt, alles zur selben Zeit.

David F. Wallace (1962 – 2008), Unendlicher Spaß

Antidepressiva wirken nicht!

Wirklich?

Seit einigen Jahren machen immer wieder neue Studien von sich reden, in denen behauptet wird, dass die neueren Antidepressiva (AD) insgesamt oder eine bestimmte Gruppe von ihnen im Vergleich zu Placebos oder zu älteren Medikamenten nur bedingt oder gar nicht wirkten. Da ist dann das Geschrei derer groß, die sich für ausgewiesene Experten in Sachen Depression halten und z.B. meinen, diese Krankheit ließe sich auch so, ohne ADs,  in den Griff bekommen. Und für die Kritiker der ach so bösen Pharmaindustrie ist mal wieder ausgemacht, dass diese nur eines will: möglichst viel Geld machen. [1] Und die esoterischen Spinner mit ihrem okkulten Hokuspokus fühlen sich ebenfalls bestätigt. Schamanische Rituale, Rückführungen in angeblich vergangene Leben, das komplette Umkrempeln der Wohnung nach Feng Shui usw. usf. : das alles sei viel wirksamer als die Gifte aus den Chemieküchen der Pharmas. Die machten sowieso mehr krank. als dass sie helfen könnten. Und außerdem würden durch Psychopharmaka die Patienten zu willenlosen Zombies gemacht. – Umpf!- Was für ein Wahnsinn! Was für eine hirnrissige und gefährliche Weltsicht. Nur einen Tag müssten solche Sprücheklopfer eine major depression durchleiden und diese Blödmänner und vor allem Blödfrauen würden schön die Klappe halten! SIE müssen ja NICHT mit den Konsequenzen ihrer Quacksalberei leben! Warum gibt es eigentlich keine Haftung für die Kunstfehler von selbst ernannten „Lebensberatern“, „Heilern“, „ganzheitlichen Therapeuten“  und wie sie sich alle nennen, die ihr knallhartes Geschäft mit den Ahnungs-, Hilf- und Ratlosen machen? Ihr Schimpfen auf die „Schulmedizin“ hat einen handfesten Grund: to make money. Je mehr man die anderen anschwärzt, desto mehr Kundschaft kommt zu einem selbst.

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[1] Warum wird eigentlich von manchen Leuten ausschließlich den Pharmas vorgeworfen, was- weil unverzichtbare Grundlage des Kapitalismus- allen Unternehmen vorzuwerfen wäre, von der Imbissbude bis zum Rüstungskonzern, von der Änderungsschneiderei bis zu den Energie-Riesen? Wenn Kritik an der kapitalistischen Wirtschaftsweise geübt werden soll, dann richtig: am gesamten System. Pharmas wie Banken, wie Autobauer etc. tun nur, was ihre Rolle ist: möglichst viel Gewinn erzielen für die Aktionäre. Dass ihnen dabei fast alles recht ist, ist nicht böser Einzelfall, sondern hat Methode und ist der grundsätzliche Designfehler am kompletten System.  Hier, da, dort, da auch und dort ebenso gibt es mehr dazu in meinem Blog .

Aphorismus #418

Man kann die Biografie nicht trennen von dem, was auf unseren Genen passiert. Äußere Ereignisse verändern zwar nicht die Gene selbst, aber die Genregulation. Die Wechselwirkung zwischen Veranlagung und äußerer Ursache führt zur Stoffwechselstörung im Hirn.

Prof. Dr. Dr. Florian Holsboer, Leiter des Max-Planck-Instituts für Psychiatrie in München in einem lesenswerten Spiegel-Interview (Gibt es ab und zu, auch wenn sich die Redakteurin redlich bemühte, es zu versauen. Der Professor war einfach schlauer!) Gestoßen bin ich auf dieses Interview durch einen link im telepolis-Forum zu einem  Artikel mit dem reißerischen Titel „Doch kein Depressionsgen„. Dabei ging es mal wieder um eine neue Metastudie, die bewiesen habe, dass es kein Depressions-Gen gäbe. Ich konnte mich natürlich nicht zurückhalten, habe ausgiebig kommentiert und, was mich sehr freute, der Autor Stephan Schleim stieg in diese Diskussion mit ein. Allerdings stellte sich heraus: Wir konnten zusammen nicht kommen… Interessant war es auf jeden Fall.