Aphorismus #959

Was objektiv die Wahrheit sei, bleibt schwer genug auszumachen, aber im Umgang mit Menschen soll man davon nicht sich terrorisieren lassen. Es gibt da Kriterien, die fürs erste ausreichen. Eines der zuverlässigsten ist, daß einem entgegengehalten wird, eine Aussage sei »zu subjektiv«. Wird das geltend gemacht und gar mit jener Indignation, in der die wütende Harmonie aller vernünftigen Leute mitklingt, so hat man Grund, ein paar Sekunden mit sich zufrieden zu sein.

Theodor W. Adorno (1903 – 1969), Minima Moralia: 43 – Bangemachen gilt nicht

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Aphorismus #928

Okkultismus ist die Metaphysik der dummen Kerle. Die Subalternität der Medien ist so wenig zufällig wie das Apokryphe, Läppische des Geoffenbarten. Seit den frühen Tagen des Spiritismus hat das Jenseits nichts Erheblicheres kundgetan als Grüße der verstorbenen Großmutter nebst der Prophezeiung, eine Reise stünde bevor.

Theodor W. Adorno (1903 – 1969), Minima Moralia,151 – Thesen gegen den Okkultismus VI.

Aphorismus #805

Mit dem Glück ist es nicht anders als mit der Wahrheit: Man hat es nicht, sondern ist darin. Ja, Glück ist nichts anderes als das Umfangensein, Nachbild der Geborgenheit in der Mutter. Darum aber kann kein Glücklicher je wissen, daß er es ist. Um das Glück zu sehen, müsste er aus ihm heraustreten: er wäre wie ein Geborener. Wer sagt, er sei glücklich, lügt, indem er es beschwört, und sündigt so an dem Glück. Treue hält ihm bloß, der spricht: ich war glücklich. Das einzige Verhältnis des Bewusstseins zum Glück ist der Dank: das macht dessen unvergleichliche Würde aus.

Theodor W. Adorno, Minima Moralia, 72 – Zweite Lese

Aphorismus #723

Heute ist Wissenschaftlichkeit in einem Maß, vor dem einen schaudert, ihren Jüngern zu einer neuen Gestalt der Heteronomie geworden. Man wähnt, wenn man nach wissenschaftlichen Regeln sich richtet, dem wissenschaftlichen Ritual gehorcht, mit Wissenschaft sich umgibt, gerettet zu sein. Wissenschaftliche Approbation wird zum Ersatz der geistigen Reflexion des Tatsächlichen, in der Wissenschaft erst bestünde.

Der Panzer verdeckt die Wunde.

Das verdinglichte Bewußtsein schaltet Wissenschaft als Apparatur zwischen sich selbst und die lebendige Erfahrung. Je tiefer man ahnt, daß man das Beste vergessen hat, desto mehr tröstet man sich damit, daß man über die Apparatur verfügt.

Theodor W. Adorno, Vortrag „Philosophie und Lehrer“, 1961 zitiert nach: Horst Rumpf, Erstickt das Wissen an sich selbst? – Hervorhebung von mir.

Aphorismus #697

Das Elend als Gegensatz von Macht und Ohnmacht wächst ins Ungemessene zusammen mit der Kapazität, alles Elend dauernd abzuschaffen.

Theodor W. Adorno/ Max Horkheimer, Dialektik der Aufklärung, Begriff der Aufklärung

Wie so oft bei Adorno und Horkheimer braucht es mehr als nur oberflächliches Drüberhuschen, um zu verstehen, was gemeint ist. Darum ein wenig Erklärung dazu: Seit Jahrzehnten wird uns bei jeder technischen Neuerung das Paradies auf Erden versprochen, weniger schwere und dafür erfüllendere Arbeit, mehr Teilhabe an den Entscheidungen im Unternehmen, mehr Freizeit usw. Aber was passiert wirklich? Mit jeder neuen Runde der Automatisierung und Modernisierung wächst das Heer der Ausgemusterten und Nutzlosen, der Ohnmächtigen und Verelendeten. Genau um dieses Heer zu maßregeln und ja unten zu halten, dazu ist Hartz IV in erster Linie da. Und um denen, die noch Arbeit haben, das Letzte an Kraft und Einsatz abzupressen. Bis sie eines Tages ausgebrannt und gebrochen doch da landen, wo sie nie hin wollten.

Aphorismus #663

Wer, wie das so heißt, in der Praxis steht, Interessen zu verfolgen, Pläne zu verwirklichen hat, dem verwandeln die Menschen, mit denen er in Berührung kommt, automatisch sich in Freund und Feind. Indem er sie daraufhin ansieht, wie sie seinen Absichten sich einfügen, reduziert er sie gleichsam vorweg zu Objekten: die einen sind verwendbar, die andern hinderlich. Jede abweichende Meinung erscheint auf dem Bezugssystem je einmal vorgegebener Zwecke, ohne welches keine Praxis auskommt, als lästiger Widerstand, Sabotage, Intrige; jede Zustimmung, und käme sie aus dem gemeinsten Interesse, wird zur Förderung, zum Brauchbaren, zum Zeugnis der Bundesgenossenschaft. So tritt Verarmung im Verhältnis zu anderen Menschen ein: die Fähigkeit, den andern als solchen und nicht als Funktion des eigenen Willens wahrzunehmen, vor allem aber die des fruchtbaren Gegensatzes, die Möglichkeit, durch Einbegreifen des Widersprechenden über sich selber hinauszugehen, verkümmert. Sie wird ersetzt durch beurteilende Menschenkenntnis, für die schließlich noch der Beste das kleinere Übel ist und der Schlechteste nicht das größte. Diese Reaktionsweise aber, das Schema aller Administration und »Personalpolitik«, tendiert bereits von sich aus, vor aller politischen Willensbildung und aller Festlegung auf ausschließende Tickets, zum Faschismus. Wer es einmal zu seiner Sache macht, Eignungen zu beurteilen, sieht die Beurteilten aus gewissermaßen technologischer Notwendigkeit als Zugehörige oder Außenseiter, Arteigene oder Artfremde, Helfershelfer oder Opfer. Der starr prüfende, bannende und gebannte Blick, der allen Führern des Entsetzens eigen ist, hat sein Modell im abschätzenden des Managers, der den Stellenbewerber Platz nehmen heißt und sein Gesicht so beleuchtet, daß es ins Helle der Verwendbarkeit und ins Dunkle, Anrüchige des Unqualifizierten erbarmungslos zerfällt. Das Ende ist die medizinische Untersuchung nach der Alternative: Arbeitseinsatz oder Liquidation.

Theodor W. Adorno, Minima Moralia, 85 – Musterung
Mein „Hausphilosoph“ bringt mit erschreckender Klarheit zum Ausdruck, was mich seit einiger Zeit beschäftigt: die faschistische Struktur (oder der alltägliche Faschismus), in der wir leben, die sich eben nicht nur in Kriegs- und Polizeieinsätzen zeigt, sondern viel viel tiefer liegt.