Aphorismus #1022

Niemals in meinen ganzen Leben werde ich akzeptieren, dass jemand mich ‚Der Jude Tenenbom‘ oder einen ‚jüdischen Hysteriker‘ nennt.

Was ist das für ein Land, in dem man jemanden ‚Der Jude Tenenbom‘ oder einen ‚jüdischen Hysteriker‘ nennen kann, ohne dass dies der Öffentlichkeit auffällt?

Hier zeigt sich, wie tief Antisemitismus in der deutschen Gesellschaft verwurzelt ist: Derart tief, dass man nicht einmal wahrnimmt, dass etwas antisemitisch ist.

Tuvia Tenenbom, New Yorker Autor, der in einem Teil unserer Mainstream-Medien genau so tituliert wird, und deren Vertreter sich beharrlich weigern, den darunter liegenden tief verwurzelten Antisemitismus auch nur im Ansatz als solchen zu erkennen.
Ein Fall, der bezeichnenderweise KEINEN Skandal ausgelöst hat.

Wie? Das ist KEIN Antisemitismus? Vielleicht kann ich ja damit etwas auf die Sprünge helfen (was ich aber kaum zu hoffen wage):

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Aphorismus #981

Wort zum Sonntag Montag #87

Trau keinem Wolf auf wilder Heiden
Auch keinem Juden auf seine Eiden
Glaub keinem Papst auf sein Gewissen
Wirst sonst von allen Drein beschissen.

Dieses gelungene Beispiel von bäuerlicher Legendenbildung*, deutschem Antisemitismus** und protestantischer Arroganz*** verdanken wir niemandem anderem als Martin Luther und seiner gerne vergessenen Schrift „Von den jüden und iren lügen“, 1543 – Das nenne ich mal Altersweisheit…

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* Dass die Grausamkeit und Gefährlichkeit des Wolfes für den Menschen ins Reich der Fabel gehört, sollte sich inzwischen herumgesprochen haben, jedoch die neuerlichen Diskussionen, seit er sich wieder in Deutschland niedergelassen hat, zeigt, dass dem nicht so ist.
** Der eliminatorische Antisemitismus der Nazis speist sich aus vielen Quellen:
– dem christliche Antijudaismus
– den Judenpogromen des Mittelalters
– Luthers teils christlich, teils ökonomisch, teils „deutsch“ motiviertem Judenhass
– dem „vernünftigen“ und säkularisierten Antisemitismus mancher Aufklärer
– dem „Die Juden sind unser Unglück!“ des Kaiserreichs
– der Rasse-Ideologie des späten 19. Jahrhunderts
– dem deutschesten aller Gefühle, nämlich dem, von der Geschichte betrogen worden zu sein
….
*** Dass Luther an die Stelle des Papstes die Bibel setzte und „Gottes Wort“ mit absoluter Macht über die Gläubigen ausstattete, dass er selbst meinte, ER habe die rechte Auslegung, also die WAHRHEIT gepachtet, war stilbildend für seine Nachfolger in den zahllosen protestantischen Kirchen, Gruppen, Grüppchen und Sekten. Bis heute.

Aphorismus #940

Die Kirche – und der Papst geht da wieder „vorbildlich“ voran – sieht sich gerne als Opfer. Ganz deutlich war das bei den Missbrauchsskandalen. Als Schuldige hatte man schnell die Medien ausgemacht, manche ganz hartgesottenen Kirchenfürsten dann auch noch junge Schwule, die die ansonsten völlig tadellosen Priester verführt hätten. Man kultiviert in Rom gerne Verschwörungstheorien, die von einer vom Weltjudentum gesteuerten Attacke auf die Kirche und den Papst phantasieren. Diese Opferstrategie ist natürlich praktisch, aber sie führt auch dazu, dass die Aggressivität deutlich ansteigt. Denn man sieht sich ja angegriffen und in der Defensive und muss sich nun – schon um die höhere Ehre Gottes zu verteidigen – wehren …

Aus dem lesenswerten Interview, das Reinhard Jellen mit dem katholischen Theologen David Berger über dessen neues Buch „Der heilige Schein“ geführt hat.

Aphorismus #899

Wort zum Sonntag #77

Mörderischer Glaube

Wenn ein gewöhnlicher Mörder einen Mord begeht, dann geschieht dies meist im Familien- und Bekanntenkreis und ist, wie es so schön heißt, eine Beziehungstat. Gewöhnlich bleibt es bei einem Mord, dem am Partner, der Partnerin. Selten kommt ein zweiter hinzu, z.B. der am (vermeintlichen) Rivalen etc. pp. Das hat oft eine lange Vor- und/ oder Leidensgeschichte aus Liebe, Verehrung, Abhängigkeit, Hass, Zurückweisung, Demütigung und anderen schier nicht zu bändigenden Gefühlen. Solche Taten sind schnell aufgeklärt und im Gegensatz zu Krimis meist wenig spektakulär.
Wenn ein Mensch zum Mörder wird, ist das die große Ausnahme, wir haben so etwas wie eine angeborene Beißhemmung unserer eigenen Spezies gegenüber. Mordet ein Mensch wiederholt, dann hat er diese Beißhemmung entweder nie entwickeln können und ist als Sadist und Soziopath eher der Fall für die forensische Psychiatrie als für das Strafrecht; oder er ist als Auftragsmörder weit mehr Hollywood-Stoff als real. Und doch gibt es sie, die Mehrfachmörder. Wie bei vielen anderen Dingen kann sich ein Mensch- gewollt oder ungewollt sei mal dahingestellt- gegen die eigene menschliche Natur stellen, sie verleugnen und so die Unversehrtheit des menschlichen Lebens als Gut, das geschützt werden muss, mit seinem Handeln negieren. Was dabei im Kopf des Killers wirklich vorgeht, ist wohl kaum nachzuvollziehen. Unmenschlichkeit hat eine ganz eigene „Logik“.
Bei bisher genannten Beispielen handelt es sich um Einzeltäter, sie stellen sich selbst außerhalb der menschlichen Gemeinschaft- und sei es nur für den Augenblick der Tat-, oder sie sind nie in dieser gewesen, konnten nie zum sozialen und mitfühlenden Wesen heranwachsen. Gäbe es nur diese Art Mörder, nur die Beziehungstäter, nur die Berufskiller und nur die Soziopathen, die Weltgeschichte wäre garantiert anders verlaufen. Sie wäre nie dieses endlose Blutvergießen geworden, als das wir sie kennen, als eine immer währende Geschichte von Kriegen, Eroberungen, Sklaverei, Völkermord und allen erdenklichen Gräueln, die so gerne als Verbrechen gegen die Menschlichkeit bezeichnet werden, aber wohl besser Verbrechen gegen die Menschheit des Menschen genannt werden sollten: Verbrechen gegen seine Menschenwürde, seine Menschenrechte, seine Persönlichkeit, sein Leben.
Dabei fällt auf, dass es drei Gründe für diese Verbrechen gibt, drei Gründe die eng miteinander verwoben sind, so dass sie nur schwer zu trennen sind. Es sind Macht, Ressourcen und Religion. Darauf lassen sich m.E. die Ursachen der meisten Kriege, Eroberungen, Massaker und  Vertreibungen der Weltgeschichte zurückführen. Mal steht das eine, mal das andere im Vordergrund. Mal ist es die grenzenlose Gier nach Land und Rohstoffen, mal der Wille andere Völker zu versklaven. Und damit der gemeine Mann nicht nachdenken muss und also ins Zweifeln kommt, dafür gibt es die Religion, die große Klammer, die allgegenwärtige Rechtfertigung für jede Sauerei in der Menschheitsgeschichte. „Deus vult!„- Gott will es-, was kann man dagegen noch sagen?

Aphorismus #680

Die Passion des Juden

Darf man das?

So blasphemisch über die Passion Christi reden?

Darf man das?

Antisemitismus durch den Kakao ziehen? Nicht nur den des Herrn Gibson, sondern auch den grundsätzlichen des Christentums an sich?

Darf man das?

Sich lustig machen über die Dumpfheit der Massen, die jedem Führer hinterherlaufen, wenn er nur „nett“ ist und die eigenen Erwartungen erfüllt?

Darf man das?

Klar darf man das, aber nicht nur das!
Manchmal MUSS man es auch!
Und welcher Tag wäre dazu besser geeignet als der Karfreitag?

Auch wenn der Film „Die Passion Christi“ nicht mehr aktuell ist, die Denke dahinter, das dumpfe antisemitische Vorurteil, die Glorifizierung des Leids eines Einzelnen, um das Leid der vielen vergessen zu machen, die geschickte Verbindung aus religiöser Botschaft und handfesten Kommerz- die sind es nach wie vor. Darum heute dieses Video.

P.S.: Und wenn jemand meint die üblichen Vorurteile zu Southpark aufwärmen zu müssen, wie „primitiv“, „versaut“, „antisemitisch“ oder „niveaulos“, der möge bevor er sie hier in der Länge ausbreitet, einmal diese Episode anschauen, nicht bei den zugegeben manchmal sehr schrägen und auch billigen Stilmitteln hängen bleiben, sondern das Video komplett ansehen, dann wird er (hoffentlich) merken, dass hinter all dem Klamauk tatsächlich Inhalt und Aussage stehen. Mir ging es mit meinen Vorurteilen nicht anders. 😉

Aphorismus #640

Wort zum Sonntag #41

Die Geschichte eines Autodafés

5 Er hatte drei Tage vor seiner Gefangennahme ein Gesicht, er sah sein Kopfkissen von Feuer ergriffen; da wandte er sich an seine Umgebung und sprach prophetisch: „Ich muß lebendig verbrannt werden“.

8 (Nach Verhaftung und Verhör) P. ging heiter mit schnellen Schritten weiter und wurde in die Rennbahn geführt; es war aber in der Rennbahn ein solcher Lärm, daß man nichts verstehen konnte.
9 Als er in die Rennbahn eintrat, erscholl eine Stimme vom Himmel: „Mut, P., halte dich männlich!“ Den Redenden sah niemand, die Stimme aber hörten alle, die von den Unsrigen anwesend waren. Wie schon gesagt wurde, war bei seinem Eintreten der Lärm groß, da man gehört hatte, daß P. ergriffen worden war.
Und in dem Getümmel hat jeder gehört, was er hören wollte….
11 Da erklärte der Statthalter: „Ich habe wilde Tiere, denen werde ich dich vorwerfen lassen, wenn du nicht anderen Sinnes wirst.“ Der aber entgegnete: „Laß sie kommen; denn unmöglich ist uns die Bekehrung vom Besseren zum Schlimmeren; ehrenvoll aber ist es, sich vom Schlechten zur Gerechtigkeit hinzuwenden.“ Jener aber fuhr fort: „Wenn du dir aus den Tieren nichts machst, lasse ich dich vom Feuer verzehren, sofern du deine Meinung nicht änderst.“ Darauf sagte P.: „Du drohst mir mit einem Feuer, das nur eine Stunde brennt und nach kurzem erlischt; denn du kennst nicht das Feuer des zukünftigen Gerichtes und der ewigen Strafe, das auf die Gottlosen wartet. Doch was zögerst du? Hole herbei, was dir gefällt!“
12 Da fanden sie es für gut, einstimmig zu schreien, P. solle lebendig verbrannt werden. Es mußte ja auch das an seinem Kopfkissen ihm geoffenbarte Gesicht sich erfüllen; er hatte dieses beim Gebete brennen sehen und zu den Gläubigen, die bei ihm waren, hingewandt die prophetischen Worte gesprochen: „Ich muß lebendig verbrannt werden“.
Damit es der letzte Depp kapiert: Es ist eine Prophezeiung!
13 Das wurde schneller ausgeführt, als es erzählt werden kann. Die Volksmassen trugen auf der Stelle aus den Werkstätten und Bädern Holz und Reisig zusammen; die größten Dienste leisteten dabei bereitwilligst die Juden, wie sie es gewohnt sind.
Ja, klar. Die Juden sind unser Unglück! Schon immer!
15 Als er sein Gebet vollendet hatte, zündeten die Heizer das Feuer an. Mächtig loderte die Flamme empor; da schauten wir, denen diese Gnade gegeben war, denen es auch vorbehalten war, das Geschehene den anderen zu verkünden, ein Wunder. Denn das Feuer wölbte sich wie ein vom Winde geschwelltes Segel und umwallte so den Leib des Märtyrers; dieser aber stand in der Mitte nicht wie bratendes Fleisch, sondern wie Brot, das gebacken wird, oder wie Gold und Silber, das im Ofen geläutert wird. Auch empfanden wir einen Wohlgeruch wie von duftendem Weihrauch oder von einem anderen kostbaren Rauchwerk.
Gott war es nicht nach Fleisch, sondern nach Brot. Hätte er doch gleich sagen können, und nicht solche Umstände machen müssen. Es stinkt nicht zum Himmel, sondern ein Wohlgeruch verbreitet sich: Zur Vision und Audition gesellt sich nun die Phantosmie. Wo aber bleibt die Phantogeusie? Oder hat der liebe Gott nicht mehr auf der Pfanne?
16 Als endlich die Gottlosen sahen, daß sein Leib vom Feuer nicht könne verzehrt werden, befahlen sie dem Konfektor, hinzuzutreten und ihm den Dolch in die Brust zu stoßen. Als das geschah, kam eine solche Menge Blut hervor, daß das Feuer erlosch und das ganze Volk erstaunt war über den großen Unterschied der Ungläubigen und der Auserwählten.
Wow! Weder Flammen noch Rauch konnten dem Standhaften was anhaben, also zückt der Vollstrecker den Dolch und es gibt ein Blutbad. Im wahrsten Sinne des Wortes.
17 Als aber der Nebenbuhler, der Verleumder und Böse, der Gegner der Gerechten, die Größe seines Martyriums, seinen von jeher unbefleckten Wandel und ihn selbst sah, wie er mit dem Kranze der Unvergänglichkeit geschmückt war und einen unbestrittenen Kampfpreis davontrug, da arbeitete er darauf hin, daß wir seine Überbleibsel nicht davontragen sollten, obschon viele dies zu tun und an seinem heiligen Leibe Anteil zu haben beehrten. Er veranlaßte also den Niketes, den Vater des Herodes und Bruder der Alke, den Prokonsul zu ersuchen, er möge seinen Leib nicht herausgeben, damit sie nicht – das sind seine Worte – den Gekreuzigten verlassen und diesen anzubeten anfangen. Das sagten sie auf Antrieb und Drängen der Juden, die auch achtgaben, als wir ihn aus dem Feuer nehmen wollten; sie begreifen nicht, daß wir Christus niemals verlassen werden, der für das Heil aller, die auf Erden gerettet werden, gelitten hat als ein Schuldloser für die Schuldigen, und daß wir auch keinen andern anbeten können. Denn ihn beten wir an, weil er der Sohn Gottes ist. Den Märtyrern aber erweisen wir als Schülern und Nachahmern des Herrn gebührende Liebe wegen ihrer unübertrefflichen Zuneigung zu ihrem König und Lehrer. Möchten doch auch wir ihre Genossen und Mitschüler werden!
18 Als nun der Hauptmann den Widerstand der Juden sah, ließ er ihn mitten auf den Scheiterhaufen legen und, wie es bei ihnen Brauch ist, verbrennen. Auf diese Weise haben wir hinterher seine Gebeine bekommen, die wertvoller sind als kostbare Steine und schätzbarer als Gold, und haben sie an geeigneter Stätte beigesetzt. Dort werden wir uns mit der Gnade Gottes nach Möglichkeit in Jubel und Freude versammeln und den Geburtstag seines Martyriums feiern zum Andenken an die, welche bereits den Kampf bestanden haben, und zur Übung und Vorbereitung für die, welche ihm noch entgegengehen.
Der Märtyrerkult ist also Ursprung des Reliquienkultes der katholischen Kirche.

So weit so schlicht. Ich habe den Text des „Martyrium des Hl. Polykarp“ gekürzt aber im Wortlaut weitgehend beibehalten. Wer sich es antun mag, kann ihn komplett in der „Bibliothek der Kirchenväter“ nachlesen. Übrigens gilt diese Räuberpistole- besonders hat es mir das nicht verbrennende Feuer angetan!- als wichtiges historisches Dokument: „Dieser Text ist als eine der ganz wenigen als echt geltenden zeitgenössischen Beschreibungen (Augenzeugenbericht) einer Christenverfolgung des 2. Jahrhunderts auch historisch von Interesse.
Da weiß man, was man von den anderen „Zeugnissen“ über die Christenverfolgungen im römischen Reich zu halten hat.
Nicht besonders viel.

Wenn man bei dieser Geschichte die Protagonisten ändert, statt eines römischen Prokonsuls einen christlichen Inquisitor einsetzt und statt eines allerheiligsten Märtyrerbischofs einen ketzerischen Albigenser, so bleibt es dieselbe Geschichte: Ein Autodafé, nur dass es hier die andere Seite trifft.
Die Kirche hat sich gut „gemerkt“, was ihr von den Mächtigen angetan wurde, sie hat es tausendfach vergolten. Allerdings nicht den Mächtigen.
Vergelt’s Gott!
Lieber nicht!