Aphorismus #938

Faulheit und Feigheit sind die Ursachen, warum ein so großer Teil der Menschen, nachdem sie die Natur längst von fremder Leitung frei gesprochen (naturaliter maiorennes), dennoch gerne zeitlebens unmündig bleiben; und warum es Anderen so leicht wird, sich zu deren Vormündern aufzuwerfen. Es ist so bequem, unmündig zu sein. Habe ich ein Buch, das für mich Verstand hat, einen Seelsorger, der für mich Gewissen hat, einen Arzt, der für mich die Diät beurteilt, u.s.w., so brauche ich mich ja nicht selbst zu bemühen. Ich habe nicht nötig zu denken, wenn ich nur bezahlen kann; andere werden das verdrießliche Geschäft schon für mich übernehmen.

Wer hat’s geschrieben? – Bitte erst mal selbst überlegen. Die Auflösung gibt es hier.

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Aphorismus #822

Wort zum Sonntag #67

Die Kritik der Religion ist die Voraussetzung aller Kritik.
Karl Marx

Eine kleine Zitatensammlung*

Religion ist eine menschliche Erfindung, die sich schleichend ausbreitet. Man weiß sehr wohl, wie sie beginnt, wie sich schüchtern die ersten Kulte etablieren und dann entwickeln, wie die ersten Götter Gestalt annehmen und diverse Funktionen bekommen, und wie sich ihre Zahl verringert, bis es schließlich nur noch einen gibt.

Umberto Eco

Die Religion hat viel Schlechtes und nur wenig Gutes hervorgebracht.

Claude Adrien Helvétius (1715 – 1771), französischer Philosoph

Gefängnisse werden mit den Steinen des Gesetzes erbaut, Bordelle mit den Backsteinen der Religion.

William Blake (1757 – 1827), englischer Dichter

Das ethische Verhalten des Menschen ist wirksam auf Mitgefühl, Erziehung und soziale Bindung zu gründen und bedarf keiner religiösen Grundlage. Es stünde traurig um die Menschen, wenn sie durch Furcht vor Strafe und Hoffnung auf Belohnung nach dem Tode gebändigt werden müssten.

Albert Einstein (1879 – 1955)

Religion ist Feigheit vor dem Schicksal. Nichts weiter.

Rudolf von Delius (1878 – 1946), deutscher Schriftsteller und Philosoph

Die Religion stützt sich vor allen und hauptsächlich auf die Angst.

Ich betrachte die Religion als Krankheit, als Quelle unnennbaren Elends für die menschliche Rasse.

Bertrand Russell (1872 – 1970)

Der Mensch macht die Religion, die Religion macht nicht den Menschen.

Die Kritik der Religion endet mit der Lehre, dass der Mensch das höchste Wesen für den Menschen sei, also mit dem kategorischen Imperativ, alle Verhältnisse umzuwerfen, in denen der Mensch ein erniedrigtes, ein geknechtetes, ein verlassenes, ein verächtliches Wesen ist.

Karl Marx (1818 – 1883)

Der Religion ist nur das Heilige wahr, der Philosophie nur das Wahre heilig.

Ludwig Feuerbach (1804 – 1872)

Die Religion ist eine Krücke für schlechte Staatsverfassungen.

Religionen sind Kinder der Unwissenheit, die ihre Mutter nicht lange überleben.

Arthur Schopenhauer (1788 – 1860)

Denken Sie an den betrübenden Kontrast zwischen der strahlenden Intelligenz eines gesunden Kindes und der Denkschwäche des durchschnittlichen Erwachsenen. Wäre es so ganz unmöglich, dass gerade die religiöse Erziehung ein großes Teil Schuld an dieser relativen Verkümmerung trägt?

Eine Neurose ist individuelle Religiosität, und Religion ist eine universelle Zwangsneurose.

Religion – den Wahn erkennt natürlich niemals, wer ihn selbst noch teilt.

Sigmund Freud (1856 – 1939)

Die Religion ist eine Art geistigen Fusels, in dem die Sklaven des Kapitals ihr Menschenantlitz und ihre Ansprüche auf ein halbwegs menschenwürdiges Leben ersäufen.

Lenin (1870 – 1924)

Die Religion der Liebe, die christliche, ist seit mehr als achtzehn Jahrhunderten gegen alle Andersdenkenden eine Religion des Hasses, der Verfolgung, der Unterdrückung gewesen. Keine Religion der Welt hat der Menschheit mehr Blut und Tränen gekostet als die christliche, keine hat mehr zu Verbrechen der scheußlichsten Art Veranlassung gegeben; und wenn es sich um Krieg und Massenmord handelt, sind die Priester aller christlichen Konfessionen noch heute bereit, ihren Segen zu geben, und hebt die Priesterschaft der einen Nation gegen die feindlich ihr gegenüberstehende Nation flehend die Hände um Vernichtung des Gegners zu einem und demselben Gott, dem Gott der Liebe, empor.

August Bebel (1840 – 1913), deutscher sozialistischer Politiker
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* Man möge mir nachsehen, dass ich diesmal nur auf die Wikipedia-Artikel der Autoren verlinke und keine Quellenangaben mache- mehr war aus zeitlichen Gründen leider nicht drin. Jedoch sind es seriös scheinende Quellen aus dem Netz, aus denen die Zitate entnommen sind.

Aphorismus #773

Wort zum Sonntag #60

Warum ich kein Christ bin – Teil V

Teil I: Die Bibel, ein orientalisches Märchenbuch

Teil II: Erbsünde – Gott, was sind wir alle schlecht!

Teil III: Gnade dir Gott! Die selbst ernannte Religion der Liebe kennt keine Gnade, keine Liebe, keine Menschlichkeit

Teil IV: Christlicher Verfolgungswahn – Ketzer, wohin man blickt!

Tei VI: Das Weib schweige in der Gemeinde. Und nicht nur dort!

Teil VII: Von wegen „lieber Gott“

5. Der größte Feind der Vernunft ist das Christentum (und die anderen Religionen)

5.1. Am Anfang war das Wort? Von wegen!

Das Wort, der Logos am Anfang? Vor allem anderen? Nichts weniger als das will das Johannesevangelium seinen Lesern weismachen:

Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und Gott war das Wort. Dasselbe war im Anfang bei Gott. Alle Dinge sind durch dasselbe gemacht, und ohne dasselbe ist nichts gemacht, was gemacht ist.  In ihm war das Leben, und das Leben war das Licht der Menschen. Und das Licht scheint in der Finsternis, und die Finsternis hat’s nicht ergriffen. Johannes 1, 1- 5

Was da der unbekannte Verfasser Ende des 1. Jhd. n.d.Z. (nicht nur) am Anfang seines Evangeliums treibt ist Etikettenschwindel. Es ist die schamlose Usurpation des philosophischen Begriffs logos von einem, der von logos, von Logik, von Vernunft und Philosophie außer ein paar aufgeklaubten Brocken keinen Dunst hatte. Seitdem sind christliche Theologen immer wieder so verfahren: Man höre auf den Zeitgeist, nehme bestimmte Stichwörter auf, deute sie im eigenen Sinn um und schon kann man behaupten, dass Gott/ Jesus/ die Kirche die eigentliche „Erfüllung“ des menschlichen Fragens sei. Solches geschah z.B. auch bei Begriffen wie Freiheit, Gerechtigkeit, Frieden, Sinn… Und was 2000 Jahren funktionierte wird auch heute noch gerne umgesetzt.
Am Anfang war auch nicht die Tat, wie es Goethe seinem Alter Ego Faust in den Mund legte, am Anfang des Christentums wie jeder Religion steht der Mythos. Was sonst. Am Anfang jedes Glaubenssystems steht ein Gründungs-, Erwählungs- oder Schöpfungsmythos. Der älteste uns überlieferte religiöse Mythos findet sich im Gilgamesch-Epos, das dabei in seiner Weise den Menschen als „noch nicht festgestelltes Tier“ (Nietzsche) sieht. In der hebräischen Bibel, dem Tenach ist der Gründungsmythos nicht eine der beiden Schöpfungsgeschichten- die sind weit später entstanden!-, sondern die „wundersame“ Errettung der Hebräer vor den Ägyptern durch Jahwe am Schilfmeer (2. Mose 14). Aus diesem Mythos leitet sich die besondere Beziehung Israels zu Jahwe als „erwähltes“ Volk und die Jahwes zu „seinem“ Volk als Gesetzgeber, König, Richter und Retter ab. Je mehr jedoch Israel in seiner Geschichte mit anderen Völkern in Kontakt kam, je mehr es auf der Bühne der Weltgeschichte auftauchte, und es mehr und mehr andere Götter und Religionen kennen lernte, desto exklusiver wurde Jahwes Anspruch: So lange bis aus dem Wüstengott eines kleinen nomadischen Clans der Schöpfer des Himmels und der Erde wurde. Was für eine Karriere! Israel hatte in den vielen Krisen seiner Geschichte ganz gewaltig damit zu kämpfen, dass die Welt und ihre Geschicke sich so ganz anders verhielten als es die Schriften des Moses und der Propheten (vorher)-sagten. Die Lösung war in den seltensten Fällen jedoch eine echte Auseinandersetzung und Diskussion auf (religions-)philosophischer Ebene, wie sie z.B, hinter dem Projekt der Septuaginta, der Übersetzung des Tenach ins Griechische, stand. Die immer wieder erfolgte „Lösung“  des Auseinanderklaffens von erlebter Realität und geglaubtem Mythos war die vollkommene Unterordnung ersterer unter den Mythos mit anschließender Neuinterpretation und Neubewertung. Am deutlichsten wird dies in der Apokalyptik wie z..B. im Buch Daniel: Da hängen die Geschicke nicht nur Israels, sondern der ganzen Menschheit am Handeln eines Erwählten, an seinem Glauben und seinem Festhalten an Jahwe. An diesem Punkt hat das Neue Testament weitergemacht und sich immer weiter vom alttestamentarischen Schilfmeer-Mythos entfernt, bis man schließlich Israel den Rang als Volk Gottes streitig machen konnte. An die Stelle des ursprünglichen Erwählungsmythos tritt spätestens mit Paulus „das Wort vom Kreuz“ (1. Kor 1, 18). Dieser neutestamentliche Erwählungs-Mythos zerfällt in drei Teile*:

  • Jesus tut Wunder und predigt das Reich Gottes
  • Jesus stirbt am Kreuz für die Sünden der Welt
  • Jesus wird von seinem Vater am dritten Tage auferweckt

Wer sich taufen lässt und bekennt: „Kyrios Jesus! – Jesus ist der Herr!“, der   partizipiert an diesem neuen Erwählungsmythos, der ist „gerettet“ und wird einst von den Toten auferstehen zum Heil. Es bedarf nicht wirklich viel Überlegung, um zu erkennen, dass dies ein Mythos ist und ganz bestimmt kein Logos, kein vernünftiges, diskutables und falsifizierbares Wort:

  • Das Reich Gottes haben vor Jesus, zu seiner Zeit und nach ihm unzählige andere gepredigt. Auch selbst ernannte Wundertäter gab es damals so viele, als dass man keinem von ihnen hätte  Glauben schenken müssen.
  • Dass Jesu ganz gewöhnlicher Tod am Kreuz- gewöhnlich für einen des Aufruhrs Bezichtigten!- etwas besonderes war, wird auch durch ständiges Wiederholen nicht wahrer. Es ist Interpretation, nicht Tatsache. Das Leben des Brian ist auch eine Interpretation der Evangelien, eine besonders gelungene zudem. Vielleicht enthält der Film ja mehr „Wahrheit“ als die zahllosen Auslegungen aller Theologen zusammen.
  • Auch die Auferstehung ist nur Behauptung. Sie ist ohne Belege außerhalb der Reihen der Gläubigen, die eine Begegnung mit Jesus behaupteten. Und deren Geschichten sind alles andere als konsistent und glaubhaft. Wer glaubt taugt wenig als unvoreingenommener Zeuge für das von ihm Geglaubte…

Ich weiß, dass sich Gläubige durch Fakten und Zweifel nicht wirklich beeindrucken lassen. Nebbich. Wenn jedoch wie seit Johannes üblich der Mythos, die Widervernunft eines sterbenden Gottessohnes zum Logos, zur wahren Vernunft, zum Maß aller Dinge in allen Lebensbereichen erhoben wird, dann wird eine lächerliche Legende zu einem Gift, das nach 2000 Jahren Christentum noch immer seine verheerende Wirkung zeigt. Nicht Wissenschaft und Gesellschaft, nicht Moral und Politik haben sich dem Gründungsmythos irgendeiner Religion unterzuordnen sondern umgekehrt. Wenn es Christentum, Islam & Co. nicht passt, dass wir in einer säkularen Gesellschaft leben, dann muss ich mit dem alten Spruch meiner Eltern nach ergebnisloser politischer Diskussion antworten: „Geht doch rüber, wenn’s euch nicht passt!“ O.K. früher war das einfacher, da musste man nur in die DDR…
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* Der vierte Teil des Mythos, die „Menschwerdung Gottes“, wie sie die Weihnachtsgeschichten andeuten, kommt erst später dazu. in der Auseinandersetzung mit der Apotheose der römischen Kaiser.

Aphorismus #731

Wort zum Sonntag #54

Warum ich kein Christ bin – Teil I

Teil I: Die Bibel, ein orientalisches Märchenbuch

Teil II: Erbsünde – Gott, was sind wir alle schlecht!

Teil III: Gnade dir Gott!
Die selbst ernannte Religion der Liebe kennt keine Gnade, keine Liebe, keine Menschlichkeit

Teil IV. Christlicher Verfolgungswahn – Ketzer, wohin man blickt!

Teil V: Der größte Feind der Vernunft ist das Christentum (und die anderen Religionen)

Teil VI: Das Weib schweige in der Gemeinde. Und nicht nur dort!

Teil VII: Von wegen „lieber Gott“

Seit Jahren laufen den Kirchen ihre Schäflein in Scharen davon, in jüngster Zeit wieder vermehrt dank der vielen Skandale, in die das „Bodenpersonal Gottes“ verwickelt ist. Fragt man die Austretenden nach den Gründen, gibt es überraschend viele, die nicht (nur) wegen der Kirchensteuer austreten, oder weil sie mit dem ganzen Jenseits-Gedöns nichts anfangen können, sondern ein beträchtlicher Teil erklärt, dass sie ihr „Christsein auch so, d.h. ohne Kirche, leben können“. Christen ohne Kirche? Das ist natürlich für die Kirchenoberen jedweder Couleur ein Unding, eine Ketzerei, die nur noch vom Atheismus getoppt wird. Aber da ihr Gerede vom Glauben als „Voraussetzung für ein sinnvolles Leben“, von „Vergebung durch Christus“, von „ewiger Verdammnis oder Seligkeit“ kaum noch jemanden hinter dem Ofen hervorlockt, fühlen sie sich auf verlorenem Posten: Die Leute glauben jeder für sich, brauchen keine Kirche, brauchen keine Pfaffen. Wo soll das noch hinführen? Die einen drohen dann mit einem Strafgericht ihres Bosses, die anderen locken mit der „Gemeinschaft der Heiligen“, mit der christlichen Gemeinde als Gegenmodell für die böse Welt.
Natürlich ist es eine gute und ehrenvolle Sache aus dem jeweiligen Glaubensverein auszutreten, aber irgendwie ist es für meinen Geschmack bei den „Ich-kann-auch-alleine-ein-guter-Christ-sein“-Zeitgenossen nicht so recht durchdacht, was sie da sagen und glauben. Irgendwie sehen sie den Glauben an Gott, die Person Jesus Christus und auch das Christsein viel zu positiv. Positiver jedenfalls als es die ganze Angelegenheit wirklich ist. Dagegen helfen nur die Fakten. Und die hat das Christentum reichlich angesammelt, warum ich kein Christ bin, warum es überhaupt die bessere Wahl ist, kein Christ (mehr) zu sein.

Aphorismus #626

Wort zum Sonntag #39

Willing Suspension of Disbelief for the Moment

It was agreed, that my endeavours should be directed to persons and characters supernatural, or at least romantic, yet so as to transfer from our inward nature a human interest and a semblance of truth sufficient to procure for these shadows of imagination that willing suspension of disbelief for the moment, which constitutes poetic faith. [1]

Samuel Taylor Coleridge (1772 – 1834)

Literatur ist immer Erfindung. Wer eine Erzählung ‚wahr‘ nennt, beleidigt Kunst und Wahrheit zugleich.

Vladimir Nabokov (1899 – 1977)

1. Ein Beben und die Folgen

Kaum liefen die ersten Meldungen vom Erdbeben in Haiti am 12.1.2010 über die Laufbänder von CNN & Co., gab es bei den Freunden der großen Weltverschwörung schon die ersten Vermutungen, dieses Beben sei von den USA gezielt ausgelöst worden. Und je länger je mehr wurde diese Spekulation für viele Konspirationisten zur absoluten Gewissheit. Wie bei 9/11, JFK, Mondlandung und anderen großen Betrügereien sei auch dieses Katastrophe nur inszeniert worden.
Ein Erdbeben?
Der Stärke 7,0??
In 17 km Tiefe???
Sicher! Nichts leichter als das!
Die Amis schaffen zwar keinen Frieden im Irak, aber Terraforming machen sie mit links!
Wenn Wasser den Berg hinauf fließt und Dieter Bohlen etwas von guter Musik versteht, dann glaube ich das auch. Aber so ist es schlichter Unsinn, keines Gedankens würdig, wenn nicht weltweit Schwachmaten solches verbreiten würden! Vorneweg Hugo Chavez Präsident Venezuelas und selbst ernannter Erzfeind der USA. [2]

Bei jeder VT sind es immer die gleichen Schritte, die vom Zweifel an der schrecklichen Wirklichkeit zum Glauben an eine noch viel schrecklichere Welt hinter dem Vorhang führt:

  1. Ein im wahrsten Sinne des Wortes erschütterndes Ereignis tritt ein, das sich wirklichem Verstehen ob seiner Monströsität entzieht.
  2. Dieses Ereignis löst Handlungen vieler Regierungen aus, insbesondere bei den USA (und Israel).
  3. Spätestens hier kommt die „Alles ist eine große Verschwörung“-Frage: Cui bono? [3]
  4. Es wird gefolgert: Wer NACH dem Ereignis handelt und wirklich oder auch nur erdichtet „Vorteile“ daraus zieht, der muss es selbst inszeniert haben.
  5. Es wird nach „Ungereimtheiten“, „Widersprüchen“, „Vertuschungsversuchen“ und „Verbindungen“ gesucht und natürlich in Massen gefunden. Das nennt sich dann „Interessen geleitete Wahrnehmung“: Wer an Verschwörungen glaubt, wird auch Verschwörungen finden, auf Schritt und Tritt. [4]

Spätestens dann ist aus einer verständlichen Unsicherheit, aus einem nachvollziehbaren Unbehagen eine VT geworden, ein säkulares Glaubenssystem, das gespeist wird aus einem „willing suspension of disbelief for the moment“, einer „momenthaften willentlichen Aussetzung der Ungläubigkeit“. Nur dass dies nicht bloß für den Moment des Lesens eines Gedichtes geschieht, für den romantischen Zauber der Poesie, sondern fortwährend und nachhaltig. Die sich ach so argumentierende, Belege aufführende, massenhaft Zitate im Mund führende, sich objektiv gebende VT ist genau dies nicht: argumentativ, überprüfbar, objektiv, falsifizierbar. Sie ist Glaube, keine Wissenschaft. Mythos, keine Erklärung. Fiktion, kein Fakt. Aber sage das mal einen VTler! Dann wird er dir seine Wahrheit wie ein nasses Handtuch um die Ohren hauen.

Aber warum findet noch die abstruseste VT Gläubige? Warum ist der Nerd des 21. Jahrhunderts genauso anfällig für den offensichtlichen Unsinn der pseudowissenschaftlichen Erklärungen bei einem Erdbeben, wie es der mittelalterliche Bauer für die irrationale Schuldzuweisung (Die Juden haben die Brunnen vergiftet!- oder: Die rothaarige Hexe von nebenan war’s!) bei der Pest war oder der antike Soldat beim bösen Omen vor der Schlacht?
Worin liegt diese fatale Lust an der Widervernunft, an einer Welt hinter dem Vorhang, an einer anderen Wirklichkeit, die uns zu Marionetten in der Realität degradiert? Woher kommt der fanatische Glaube an noch so verrückte Geschichten, die jeder Vernunft Hohn sprechen?
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[1] In der deutschen Wikipedia wie folgt übersetzt:
Wir sind übereingekommen, dass meine Bemühungen auf übernatürliche – oder zumindest romantische – Personen und Figuren gerichtet sein sollten, aber trotzdem so, dass es möglich ist, eine Verbindung mit den Figuren aufzubauen und so diese Schatten der Einbildungskraft mit jener momenthaften willentlichen Aussetzung der Ungläubigkeit auszustatten, die ein Vertrauen in die Dichtung schafft.
[2] Wie schnell, wie irrational und doch absolut vorhersehbar eine Verschwörungstheorie (VT) inzwischen entsteht und wie ebenso konsequent neben den USA immer Israel ins Spiel kommt, ist im Artikel Wir basteln uns eine Verschwörungstheorie – Heute: Haiti im Blog Basisbanalität nachzulesen.
[3] „Die Argumentation mittels Cui-Bono-Prinzip allein kann jedoch auch zum Fehlschluss cum hoc ergo propter hoc führen, da aus dem gleichzeitigen Vorhandensein eines Interesses und eines Ereignisses, das diesem Interesse dient, nicht auf die Kausalität des Ereignisses geschlossen werden kann, das ja auch durch ebenfalls interessierte Dritte oder bloßen Zufall eingetreten sein kann.“ Wikipedia-Artikel cui bono?
[4] „Wahrnehmung wird vielmehr als ein aktiver Prozess gesehen, der sehr stark vom wahrnehmenden Subjekt gesteuert ist, von den Strukturen des vorhandenen Wissens, von den individuellen Erwartungen, Wünschen und Bedürfnissen.“ aus: Winfried Schulz, Was bestimmt die Wahrnehmung in der modernen Gesellschaft?

Aphorismus #587

Wenn das Wort bedeutete, was alle glauben, wäre ich islamophob. Ich bin dem Islam feind, ich bestehe auf dem Recht, ja der Pflicht des Aufklärers, Allah so wenig zu achten und nach Kräften zu verspotten wie irgendwelche anderen Götter von Jesus C. bis L. Ron Hubbard. Die Religionsfreiheit, die ich meine, ist die Freiheit von Religion. Damit das klar ist.

So beginnt Hermann L. Gremliza seine Kolumne in konkret 01/2010 unter den Titel „Allah raus!“. Und sie endet mit dem Satz: „Ausländer rein! Allah raus! (Die werten anderen Götter eingeschlossen.)