Aphorismus #843

Wort zum Sonntag #70

Die Liebesreligion als Religion der Gewalt

Die folgenden Abschnitte sind dem Buch „Jesus und Ödipus“ des Sozialpsychologen Gerhard Vinnai entnommen. Steht man manchmal fassungslos da, wenn mal wieder ein Fundi in den USA durchdreht und einen Koran verbrennen will- kann er gerne machen, wenn er auch die Bibel, die Veden, die Schriften des Dalai Lamas, die Hl. Schriften des Grünen Schleims von Onk und all den anderen religiösen Müll obendrauf schichtet-, oder wenn ein katholischer Würdenträger ein scheinheiliges Doppelleben führt, wenn Priester aller Konfessionen in zahllosen Bürgerkriegen zum Völkermord aufrufen, wenn die kleinen und großen Päpste in ihren Gemeinden und Kirchen für Zucht Ordnung sorgen und also alle ausschließen, die nicht ihrer Meinung sind- ist man angesichts dessen manchmal fassungslos, wie wenig dies mit dem wohlfeilen Geseier von der christlichen Nächsten-, ja Feindesliebe zu tun hat, so wird in diesen wenigen Zeilen klar, wie die Mechanismus funktionieren, die dazu führen, vor allem aber, wie sehr Gewalt von Anfang an zum Christentum gehörte. Es ist keine Fehlentwicklung, keine Degeneration, erst recht nicht eine Glaubensprüfung oder gar das Werk des Teufels, nein, die angebliche Religion der Liebe ist zuallererst und zuallerletzt eine der Gewalt:

Liebe kann nicht als göttliches Gebot von der Kanzel verkündet werden, deshalb haben alle Liebespredigten einen falschen Tonfall. Moralische Gebote, wie sie von Jesus verhängt werden, gewinnen ihre Macht letztlich durch die Androhung des Liebesentzugs. Die Androhung des Liebesentzugs durch die Autorität, die in der Gewissensinstanz, im Über-Ich, verinnerlicht ist, sorgt letztlich dafür, daß die Gebote eingehalten werden. (S. 156) …
In der christlichen Religion wird versucht, die Einhaltung von Geboten durch die Androhung zu erreichen, bei ihrer Mißachtung der Liebe Gottes verlustig zu gehen: Wer die Gebote des Herrn mißachtet hat keinen Anspruch mehr auf seinen Schutz und seine Liebe. Aber läßt sich Liebesfähigkeit durch die Androhung des Liebesentzugs hervorbringen? Verlangt die Entfaltung von Liebesfähigkeit nicht vor allem die Erfahrung von sich wiederholender spontaner, anstatt bloß moralisch verordneter Zuwendung? … Wo Aggressivität, der letzlich niemand wirklich entkommen kann und die ein notwendiger Teil jeder Lebendigkeit ist, allzu sehr verdammt wird, verschwindet sie nicht, sondern nimmt die Gestalt des Hasses auf das eigene Selbst an. Wer sich überfordernden Geboten unterwerfen muß, die nur um den Preis der Abtötung der eigenen Lebendigkeit einzuhalten sind, muß sich in seinen eigenen Henker verwandeln. Das erlaubt kaum, die Selbstliebe zu entwickeln, die nötig ist, um andere Menschen zu lieben, die mit dem eigenen Selbst verwandt sind. (S.157) …
Verschärfte Gebote verschärfen innere Widersprüche zwischen Über-Ich-Anforderungen und ihnen widersprechenden Triebregungen und bringen als Konsequenz eine sich verschärfende innere Zerrissenheit hervor. Die Eindämmung von eigenen Aggressionen durch Tabus, die sie abwehren sollen, verlangt notwendig mehr verinnerlichte Aggression gegen das eigene Selbst, die als Unlust erfahren wird. Fällt diese Unlust zu massiv aus, entsteht in der Psyche der Drang, sich durch amoralische aggressive Triebdurchbrüche Entlastung zu verschaffen. Verbote erzeugen immer auch das Begehren, sie zu überschreiten, das Verbotene reizt besonders. Je belastender Verbote ausfallen, desto mehr begünstigen sie insgeheim diesen Drang. Die übersteigerte Moral gebiert so die Unmoral. Sie begünstigt im gesellschaftlichen Rahmen eine moralische Arbeitsteilung zwischen einer moralisierenden Minderheit, die sich für etwas Besseres hält, und einer Masse, die sich kaum um die Moral schert. (S. 157 – 158) …
Lieben diejenigen, die glauben, alle Menschen lieben zu können, im Grunde vielleicht nur auf fragwürdige Art sich selbst? Wollen sie nicht vielleicht heimlich bloß, daß alle anderen sie lieben? Lieben die, die alle Menschen lieben wollen, nicht bloß auf narzißtische Art ihre angebliche Tugendhaftigkeit? Lieben sie nicht mehr die Ideale, mit denen sie sich identifizieren, als andere Menschen? Nietzsche hat fromme Christen sehr bissig als „Spezies der moralisierenden Onanisten und Selbstbefriediger“ [1] bezeichnet. Je ausgeprägter die narzißtischen Anteile der Liebe sind, desto gleichgültiger wird die Qualität ihrer Objekte: Liebe schlägt so in Kälte um. (S.159)…
Wer glaubt, die menschliche Aggressivität vor allem durch Liebe und Friedfertigkeit fordernde Gebote neutralisieren zu können, verkennt ihre Macht. Wo das Aggressionspotential der Gattung Mensch wirklich zur Kenntnis genommen wird, wird sichtbar, daß es das Verhältnis zum Nächsten in einem Ausmaß zu stören vermag, das durch Liebesgebote kaum zureichend bekämpft werden kann. (S.160)…
Der Erfolg der ethischen Liebespropaganda kann angesichts der bisherigen Gewaltgeschichte der Menschheit nicht überzeugen. Alle Bemühungen, ihre Anforderungen praktisch werden zu lassen, haben bisher nicht allzu viel erreicht. Ethische Gebote, die die Gewalt verurteilen, und soziale Zwänge, die sie „polizeilich“ abstützen, sind wohl unverzichtbar, aber sie allein können die destruktiven Potentiale der menschlichen Triebhaftigkeit nicht bändigen. Die christliche Ethik hält sich durch das Versprechen aufrecht, daß die Tugendhaften mit Belohnungen in einem besseren Jenseits rechnen können. Nicht nur, daß dieser Glaube zunehmend zerfallen ist, er war auch früher in frommen Zeiten schon relativ wirkungslos. (S.161) …
Bewußt bearbeitete Aggressivität kann eher entschärft und ungefährlich gemacht werden als bloß durch soziale Tabus und Über-Ich-Forderungen abgewehrte. Soziale Normen, die die aggressive menschliche Triebausstattung nicht angemessen zur Kenntnis nehmen und deshalb allzu viel Friedfertigkeit verlangen, müssen notwendig übertreten werden. Diese permanente Übertretung produziert statt mehr wechselseitigem Verständnis notwendig mehr Gleichgültigkeit und Zynismus und damit auch mehr Gewalt. Eine Moral, die nicht eingehalten werden kann, wirkt zerstörerisch, weil sie die Diskreditierung alles Moralischen begünstigt. Anstatt mehr ethischer Propaganda sind vor allem soziale Verhältnisse nötig, unter denen der Andere, der Fremde, der Gegner noch praktisch als jemand erfahren werden kann, mit dem man als menschliches Wesen verwandt ist, und die es erlauben, leichter zu erkennen, daß man mit ihm in einer gemeinsamen Welt, wie vermittelt auch immer, gemeinsame Interessen hat. (S.162)…
Wie problematisch die christliche Liebesethik ist, läßt sich schon dem Neuen Testament entnehmen. Jesus, der die Gebote der Nächsten- und Feindesliebe in der Bergpredigt aufrichtet, hält sich selbst kaum an diese. Der Stifter selbst scheint nicht wirklich an die Macht seiner Liebesgebote zu glauben. (S.163)…
Die bereits im Matthäus-Evangelium [2], dem ersten Text des Neuen Testaments, sichtbar werdende simple Aufteilung der Menschen in gute und böse, in Schafe und Böcke, wobei den ersten das Heil zukommen soll während letzteren Verdammnis, Gewalt und Vernichtung drohen, wird am Ende der Bibel, in der Offenbarung des Johannes, besonders drastisch vorgeführt. Die durch die Liebesgebote und Aggressionstabus der Bergpredigt abgewehrten zerstörerischen Regungen kommen hier wieder völlig ungehemmt und auf erschreckend brutale Art zum Vorschein. Den Gläubigen wird hier nicht nur ein Bild der Rettung angeboten, ihre Identifikation mit den „Guten“ im Text erlaubt ihnen darüber hinaus, die vorher abgewehrten Aggressionen durch eine Identifikation mit einer erbarmungslos strafenden göttlichen Macht zu genießen. Die Liebesreligion endet mit einem von den Guten veranstalteten Schlachtfest und widerlegt sich damit zugleich selbst. (S.165)…
In den Bildern der Offenbarung sind die Menschen radikal in Gute und Böse aufgeteilt, was dazwischen liegt, was beide verbinden könnte, ist nicht vorhanden oder wird als „lau“ ausgespien. Der Theologe und Psychoanalytiker Raguse benennt das Fatale, das aufgrund dieser Spaltung beim Leser ausgelöst werden kann. „Die Spaltung erlaubt dem Leser die Identifikation mit einem nur-guten und reinen Objekt, und zugleich die Möglichkeit, ein äußerstes Maß an Sadismus ohne jedes Schuldgefühl auszuleben, weil der Sadismus sich auf das böse Objekt richtet, für das es keine Sorgen geben darf. Als Vorbild kann sich der Leser dafür Gott selber nehmen, der mit den Ungläubigen – in der Phantasie des Lesers – real so verfährt, wie dieser es sich vorstellt. Damit wird die Eigenschaft Gottes als eines guten Objektes in keiner Weise berührt, weil es gut ist, das Böse zu beseitigen. Der Sadismus und die Rachegelüste der Glaubenden sind deshalb durch Gott immer schon gerechtfertigt.“[3] … Weil der Glaube an die erlösende Kraft der Liebe in der christlichen Lehre offensichtlich nicht ausreicht, sucht sie das Heil letztlich wieder in der Androhung von brutaler Gewalt, die die Feinde strafen soll. Den insgeheim an der Macht des Guten Zweifelnden wird ein Umgang mit der Destruktivität zugebilligt, der noch hinter das „Auge um Auge, Zahn um Zahn“ des Alten Testaments zurückfällt. Ihre Rachegelüste brauchen sie noch nicht einmal entsprechend der mosaischen Lehre an ein Äquivalent des ihnen Angetanen zu binden, sie dürfen völlig maßlos sein. Daß die meisten Christen die Erbarmungslosigkeit, die in biblischen Texten immer wieder sichtbar wird, gerne übersehen, zeigt, daß die Aggressionstabus, die die christliche Lehre verordnet, bei ihren Anhängern fatale Wirkungen zeitigen können. Solche Tabus begünstigen offensichtlich nicht zuletzt die Verleugnung des aggressiven Potentials der eigenen Anschauungen und sorgen so allzu leicht dafür, daß die verdrängte oder abgespaltene eigene Aggressivität auf prekäre Art wirksam wird. Die Offenbarung des Johannes fällt sicherlich weit hinter die Lehren der Bergpredigt zurück, aber sie kann auch als die geheime Wahrheit der Bergpredigt gelesen werden. Nietzsche bemerkt: „Unterschätze man übrigens die tiefe Folgerichtigkeit des christlichen Instinktes nicht, als er gerade dieses Buch des Hasses mit dem Namen des Jüngers der Liebe überschrieb.“ [4] Nicht nur die „Kriminalgeschichte des Christentums“ (Deschner), auch seine heiligen Texte zeigen, daß das Christentum in vielem von dem lebt, was es zu überwinden vorgibt. (S. 167 – 168)

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[1] Nietzsche, F.: Zur Genealogie der Moral. Werke II, Hgb. Schlechta, K., Darmstadt, 1994, S. 864
[2] Vinnai hat vorher folgende Stellen zitiert: Mt 10, 14-15.32-33.38; 13, 41-42.49-50; 18, 5-6; 21, 43-44; 23, 32-33 und natürlich den „Klassiker“ Mt 25!
[3] Raguse, H.: Psychoanalyse und biblische Interpretation. Stuttgart, 1993, S. 156 f.
[4] Nietzsche, F.:Zur Genealogie der Moral. Werke in 3 Bänden. Hgb. K. Schlechta, Darmstadt, 1994, S. 795

Kanzelmärchen #3

Jeder Mensch glaubt!

Jeder glaubt. Ausnahmslos. Jeder! Wenn nicht an einen Gott, dann eben an das Schicksal, die Sterne, die Evolution, an eine Ideologie, an Freitag den 13ten oder an Erdstrahlen… Egal was. Der Mensch glaubt, jeder, auch der Atheist.

Noch nie gehört? Noch nie dem arroganten Grinsen eines Vertreters göttlicher Weisheiten begegnet, der meinte, damit jeglichen Atheismus endgültig ad absurdum führen zu können? Noch nie in trauter Runde nach ein paar Bieren „Einen Glauben braucht ein jeder!“ vernommen?  Wohl kaum. Dass jeder glaubt, ja glauben muss, das ist für die Gläubigen eine Binsenweisheit. Schließlich glauben sie ja selbst! Welch umwerfende Logik! Dass es schlicht Unfug ist, interessiert die Vertreter des organisierten wie des frei fluktuierenden Aberglaubens nicht. Einen Nicht-Gläubigen darf es einfach nicht geben, denn nicht der Unglaube, sondern der Nicht-Glaube stürzt die Verfechter der Glaubenswahrheiten in größte Aporie!
Man könnte sich mit einem entschiedenen „Nein!“ als Kommentar zum Unfug des „Jeder glaubt etwas“ begnügen, aber so einfach möchte ich es in den „Kanzelmärchen“ den Propagandisten göttlicher Wahrheiten nicht machen. Ihre Lehren und „Weisheiten“ kommen hier auf den Prüfstand, ihre Vereinnahmung der Wirklichkeit und ihr Herrschaftsanspruch über den philosophisch-weltanschaulichen Diskurs ebenso. Im Gegensatz zu ihrem Gejammere, dass das Abendland immer unchristlicher werde, haben die Kirchen noch viel zu viel Einfluss in Deutschland. Spätestens an hohen Feiertagen merkt man das, wenn die festlich gewandeten Würdenträger in die dankbar auf sie gerichteten Kameras andachtsvoll hineinglotzen sehen und noch bereitwilliger in jedes ihnen willfährig  vorgehaltene Mikrofon salbadern. Ein schauriges Schauspiel, das sich jedes Weihnachten, jedes Ostern, jedes Pfingsten, jede Bischofskonferenz und jede Generalsynode wiederholt. „Herr erlöse uns vor diesem Übel!“ Das wäre mal ein sinnvolles Gebet, wenn es denn helfen würde. 😉
Atheismus ist im Gegensatz zu den Religionen keine Angelegenheit für irgendwelche äffischen Zeremonien, für in Scheinheiligkeit erstarrte alte Herren und für ein tumbes Volk, das zu fressen hat, was ihm vorgesetzt wird. Atheismus ist nichts für Denkfaule, für Köhler und für die Gefangenen ihrer simpel gestrickten Weltbilder. Atheismus ist etwas für denkende Menschen, die nachbohren, die nachfragen, die sich nie zufrieden geben mit billigen Antworten. Diesem empirisch und logisch begründeten Atheismus stoßen viele, allzu viele Thesen der vereinten Glaubensfront sauer auf. Schon allein deswegen muss der Atheismus desavouiert werden, z.B. indem die Mär vom Glauben als conditio humana, die Legende vom Jedermann-Glauben erzählt wird und so en passant auch  der Atheismus vereinnahmt wird.

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Und was ist jetzt die Narrenkappe?

Kanzelmärchen #1

Von gottloser Unmoral und ethischer Beliebigkeit

Bischof Mixa hat Ostern 2009 in seiner Predigt mal wieder das getan, was so gerne von den Würdenträgern des organisierten Aberglaubens getan wird: er hat ein Märchen erzählt. Diesmal keines aus der Bibel, sondern eines aus der Gegenwart. Eines über den Lieblingsgegner der römischen Krägen, über den Ursprung alles Bösen seit der Aufklärung, über den vermaledeiten Atheismus. Der erhebt je länger je mehr keck sein Haupt und vergrault dem Klerus die Kundschaft. Dagegen muss angegangen werden. Mit allen Mitteln. Und seien diese noch so idiotisch und noch so leicht zu durchschauen! Getreu dem Motto: Du musst deinen Gegner nur lange genug mit Dreck bewerfen, es wird bestimmt etwas haften bleiben. Das Rauschen im Blätterwald nach dem bischöflichen Ausraster war zwar diesmal heftiger als gewohnt, jedoch wird das weder ihn noch die anderen Kanzeldemagogen von ihrer plumpen plumpen Dämonisierung des Atheismus abhalten.
Hier nun ein wenig Futter für die ach so „spaßigen“ Diskussionen mit den Frommen und Frömmlern dieser Erde. Denn nichts macht es den Glaubensaposteln leichter, als wenn die Ungläubigen sich nicht zu wehren wissen. Es braucht schon ein wenig mehr als nur ein billiges „Jesus hat nie gelebt!“, will man in einem Disput mit den frommen Hansguckindielufts bestehen. Dieser Text ist die Nummer 1 einer kleinen von mir geplanten Reihe, in der ich einige ihrer beliebtesten Vorwürfe gegen den Atheismus einerseits und ihre angeblich ewigen Wahrheiten andererseits  genauer unter die Lupe nehmen möchte. Wer der Meinung ist, dass ich dabei zu schroff bin, mich dabei einer zu herben Sprache bediene, und doch bitteschön mehr Respekt vor den Glauben anderer zeigen sollte, dem kann ich nur entgegnen: vor meinem Nichtglauben, vor meinem Pochen auf den Vorrang der Vernunft zeigt das fromme Bodenpersonal auch keinen Respekt. Quid pro quo, meine Herren, meist sind es ja Herren, die in den Hierarchien bestimmen. aber das bekommt man nicht von Leuten, die meinen Gott stünde auf ihrer Seite.