Aphorismus #766

Wort zum Sonntag #59

Blasphemy the Movie

(Alle Teile bei youtube mit oder ohne die englischen Untertitel)

Nicht nur für alle Fußball-Abstinenten geeignet, sondern überhaupt eine kurzweilige Unterhaltung rund um das Thema „Coming out“- das eines Atheisten in einer katholischen Familie. In einer sehr katholischen Familie. Wer je mit Frommen zu tun hatte, oder gar seine Kindheit in bigotter Umgebung durchleiden durfte, weiß: Nichts ist so lächerlich wie die Wirklichkeit. Und nichts macht Menschen lächerlicher als  Religion. O.K: Fußball und nationale Besoffenheit kriegen das auch hin. Ist ja sowieso für viele Religion.

Aphorismus #680

Die Passion des Juden

Darf man das?

So blasphemisch über die Passion Christi reden?

Darf man das?

Antisemitismus durch den Kakao ziehen? Nicht nur den des Herrn Gibson, sondern auch den grundsätzlichen des Christentums an sich?

Darf man das?

Sich lustig machen über die Dumpfheit der Massen, die jedem Führer hinterherlaufen, wenn er nur „nett“ ist und die eigenen Erwartungen erfüllt?

Darf man das?

Klar darf man das, aber nicht nur das!
Manchmal MUSS man es auch!
Und welcher Tag wäre dazu besser geeignet als der Karfreitag?

Auch wenn der Film „Die Passion Christi“ nicht mehr aktuell ist, die Denke dahinter, das dumpfe antisemitische Vorurteil, die Glorifizierung des Leids eines Einzelnen, um das Leid der vielen vergessen zu machen, die geschickte Verbindung aus religiöser Botschaft und handfesten Kommerz- die sind es nach wie vor. Darum heute dieses Video.

P.S.: Und wenn jemand meint die üblichen Vorurteile zu Southpark aufwärmen zu müssen, wie „primitiv“, „versaut“, „antisemitisch“ oder „niveaulos“, der möge bevor er sie hier in der Länge ausbreitet, einmal diese Episode anschauen, nicht bei den zugegeben manchmal sehr schrägen und auch billigen Stilmitteln hängen bleiben, sondern das Video komplett ansehen, dann wird er (hoffentlich) merken, dass hinter all dem Klamauk tatsächlich Inhalt und Aussage stehen. Mir ging es mit meinen Vorurteilen nicht anders. 😉

Irlands Weg zurück ins Mittelalter…

… und Deutschland ist noch mitten drin!

Man mag es kaum glauben, aber die Meldung ist keine Ente, die im Sommerloch planschen geht. Es ist wahr, was das iranische irische Parlament Gestz werden ließ: In der letzten Sitzung vergangene Woche wurde ein Gesetzespaket beschlossen, das Gotteslästerung oder die Veröffentlichung von blasphemischem Material mit einer Geldstrafe von bis zu 25.000 Euro belegt. 25.000 € für ein „Ich finde Gott bescheuert.“ oder „Wer glaubt, hat einen kleinen Pimmel!“ oder „Die katholische Kirche ist die größte Schwulenorganisation weltweit. Zumindest was ihre Chefs betrifft!“? Das ist wahrlich ein HexenHammer, der in Dublin geschwungen wird. Da wird das wenigstens im Ansatz laizistische Europa nun von Osten (Polen) Süden (Italien, Spanien und Portugal)  und Westen (Irland) her klerikal eingekesselt. Und ganz im Zeichen eines erneuten schnell beleidigten religiösen Fanatismus, der weltweit um sich greift: unter Muslimen sowieso, unter Evangelikalen und christlichen Fundamentalisten ebenfalls, unter den Katholiken ebenfalls. Ganz im Zeichen der Voraufklärung wird wieder einmal eine Meinung, eine Haltung, eine Ansicht bestraft. Diesmal sind es keine politischen Äußerungen wie weiland in der BRD, als sich  unter dem Etikett „Berufsverbot“ so herrlich die alte Blockwart-Mentalität gegen „die anderen“ ausleben ließ. Diesmal geht es einen Schritt weiter zurück: zurück zu den Anfängen der Gesinnungsschnüffelei, zu den Gedankenverbrechen, zur Inquisition, zum Index und zur Zensur.

Dabei ist das alles so lächerlich!

Überall sonst, wo sich Fanatiker ereifern, sei es in politischen Dingen, sei es bei einem Fußballspiel, sei es bei Krawallen jeglicher Art- ÜBERALL SONST werden die Fanatiker, die Brandstifter, die Täter verfolgt, verhaftet und verurteilt. Das ist im Hamburger Schanzenviertel so, oder in der Pariser banlieu, oder auch um die Fußballstadien dieser Welt.  ÜBERALL! Nur bei Religion ist es anders! Da soll auf einmal in Umkehrung der Tatsachen derjenige büßen, der es gewagt hat, von seiner Meinungsfreiheit Gebrauch zu machen! Nicht der Mob wird zur Rechenschaft gezogen, der „Tod den Dänen“ skandiert, oder wie dergleichen Ausraster heißen mögen, weil irgendwelche Wirrköpfe meinen, sie müssten ihren besch Allah, ihr Jesulein süß, ihre Himmelskönigin oder sonst einen beknackten Gott „verteidigen“. Und „verteidigen müssen“ sie, weil sie sich beleidigt fühlen, weil ihr Götze „Respekt“ von aller Welt fordert, auch und gerade von denen, die ihn für einen Fieberwahn oder ein Trugbild halten. Und weil ihr ach so Super-Gott weder Hände, noch Beine, noch einen Mund hat, deswegen rennen sie für ihn auf die Straßen, schreien sich heiser gegen alle Feindes ihres Götzen und mit ihren Händen wissen sie auch weit Schlimmeres anzufangen, als nur zu beten.

Davon ist Irland noch weit entfernt!

Ja. Stimmt. Das irische Parlament hat „nur“ einen alten Blasphemieparagraphen ausgegraben und aktualisiert. Nur. Aber es ist ein Schritt in die falsche Richtung. Zurück ins Mittelalter. Die Iren sollten alles tun, dass sie diesen Paragraphen wieder aufheben. Würde sie sehr sympathisch machen und beim nächsten Pub-Besuch mein Pint Guiness noch besser schmecken lassen.

Bild via Link

Und Deutschland ist noch mitten drin!

Auch in Deutschland gibt es einen Paragraphen zum Thema Gottesläasterung § 166 StGB. Und was für einen!

(1) Wer öffentlich oder durch Verbreiten von Schriften (§ 11 Abs. 3) den Inhalt des religiösen oder weltanschaulichen Bekenntnisses anderer in einer Weise beschimpft, die geeignet ist, den öffentlichen Frieden zu stören, wird mit Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren oder mit Geldstrafe bestraft.
(2) Ebenso wird bestraft, wer öffentlich oder durch Verbreiten von Schriften (§ 11 Abs. 3) eine im Inland bestehende Kirche oder andere Religionsgesellschaft oder Weltanschauungsvereinigung, ihre Einrichtungen oder Gebräuche in einer Weise beschimpft, die geeignet ist, den öffentlichen Frieden zu stören.

Das sind nicht längst überholte Worte aus Krähwinkels Schreckenstagen, sondern es ist geltendes Recht in der Bundesrepublik Stand 2009! Wenn es nicht so lächerlich wäre, man könnte nur heulen. Über so viel Borniertheit. Über so viel Anbiederung. Über so viel Angst vor der Freiheit! Und wie üblich ist die „moderne“ Begründung natürlich nicht eine, die sagt: wir lassen unseren Christengott doch nicht dem Unglimpf der Muselmanen oder gar der Gottlosen anheim fallen, sondern sie lautet so schlicht wie unlogisch: wer den öffentlichen Frieden stört, der ist der Böse. Nicht der Fahnenverbrenner, sondern der Lästerhafte! Der gehört hinter Schloss und Riegel. Wahrlich nicht weit entfernt von Heines Schildeung!

Erinnerung aus Krähwinkels Schreckenstagen

Wir Bürgermeister und Senat,
Wir haben folgendes Mandat
Stadtväterlichst an alle Klassen
Der treuen Bürgerschaft erlassen.

Ausländer, Fremde, sind es meist,
Die unter uns gesät den Geist
Der Rebellion. Dergleichen Sünder,
Gottlob! sind selten Landeskinder.

Auch Gottesleugner sind es meist;
Wer sich von seinem Gotte reißt,
Wird endlich auch abtrünnig werden
Von seinen irdischen Behörden.

Der Obrigkeit gehorchen, ist
Die erste Pflicht für Jud und Christ.
Es schließe jeder seine Bude
Sobald es dunkelt, Christ und Jude.

Wo ihrer drei beisammen stehn,
Da soll man auseinander gehn.
Des Nachts soll niemand auf den Gassen
Sich ohne Leuchte sehen lassen.

Es liefre seine Waffen aus
Ein jeder in dem Gildenhaus;
Auch Munition von jeder Sorte
Wird deponiert am selben Orte.

Wer auf der Straße räsoniert,
Wird unverzüglich füsiliert;
Das Räsonieren durch Gebärden
Soll gleichfalls hart bestrafet werden.

Vertrauet Eurem Magistrat,
Der fromm und liebend schützt den Staat
Durch huldreich hochwohlweises Walten;
Euch ziemt es, stets das Maul zu halten.

Heinrich Heine: Gedichte 1853 und 1854

Aphorismus #369

Von allen merkwürdigen „Verbrechen“, welche die Menschheit aus dem Nichts konstruiert hat, ist „Gotteslästerung“ das verrückteste, dicht gefolgt von „obszönem Betragen“ und „Exhibitionismus“.

Robert A. Heinlein (1907 – 1988): Die Leben des Lazarus Long (Time Enough for Love)– Aus den Tagebüchern des Lazarus Long. Weitere Aphorismen von Heinlein habe ich hier.