Moderne Inquisition

Zwar nicht mehr mit glühenden Zangen, Daumenschrauben und anderen ausgesuchten Quälereien, aber es gibt sie immer noch: die „gute alte Inquisition“. Sobald man sich als Atheist zu erkennen gibt, sobald man sagt, dass jenseits dieser Welt die große Leere ist, treten sie auf den Plan, die neuen Inquisitoren (lat. Aufspürer, Verfolger), jene unduldsamen Zeitgenossen, mit ihren Glaubenssystemen, die ohne jede Einladung oder Aufforderung Antworten einklagen auf die Fragen, die sie stellen. Rechtfertigen soll sich der Atheist, dass er so ist, wie er ist. Wie kommt er dazu, gottlos zu sein? Was erlaubt er sich den allg. religiösen Konsens aufzukündigen? Wie kann er sich erdreisten, zu behaupten der Glaube sei im Unrecht?

Diese aufdringliche Fragerei, die damit verbundenen Unterstellungen und Verdrehungen, die ganze inquisitorische Art der Diskussion, die dem Atheisten die Pistole auf die Brust setzt, die ihm einen metaphysischen Begründungszusammenhang aufnötigt, den er nicht teilt- all dies geht mir- und ich vermute mal: nicht nur mir!- mächtig auf die Nerven. Ständig soll ich meinen Atheismus beweisen und mich dafür rechtfertigen. Wo sie selbst keinen Beweise haben für ihre kollektive Psychose, nur Hirngespinste, Phantasmorgien. Ständig soll ich ihre aberwitzigen Lehrgebäude widerlegen. Wo doch nur ein Wort reicht: lächerlich. Ständig wird von mir verlangt, ein geschlossenes und widerspruchsfreies Weltbild darzulegen, während sie selbst bei jeder Gelegenheit ihren deus ex machina hervorholen. Davon habe ich allmählich die Nase gestrichen voll. Dieses hohle Spektakel metaphysischer Phrasendrescherei mache ich nicht mehr mit. Und es kotzt mich regelrecht an, wenn die Hüter des Hl. Grals transzendentaler Unlogik, mir vorwerfen, was sie selbst sind: Eingekerkert in Systeme voller Dogmen, Tabus und Denkverbote. Unfähig zu eigenständigem kritischen Denken. Ohne jeden klaren Blick auf die Realität. Die Welt immer nach ihren ver-rückten Maßstäben messend erklären sie alles andere für falsch, oberflächlich, unethisch und materialistisch! Sie sehen, so sicher wie das Amen in der Kirche, im anderen das, was sie selbst sind! DAS verbindet sie mit allen Ideologien aller Zeiten.

Endlich ist es passiert!

Nach fast 4 Monaten ununterbrochener Herrschaft über die Bestenliste, ist gestern mein bisheriger Spitzenreiter vom 23. September 2008 mit 562 Hits überbotene worden mit 588 Seitenaufrufen. Knapp, aber geschafft!

Auslöser dafür war dieses Posting von mir im Forum von telepolis zum Thema Tibet. Darin habe ich auf meine Link-Liste zu Tibet und auf einen Artikel über den Dalai Lama hingewiesen.

Der Erfolg war durchschlagend! Der langmonatige Erstplazierte musste das Feld räumen. Dank des Dalai Lamas!

Aber keine Angst, ich werde nicht zum tibetischen Buddhismus konvertieren und zum tumben Dauergrinser erst recht nicht! Obwohl…

Olympische Helden – Peking 2008: Der Dalai Lama und seine Freunde von CIA und Co

Wie ein Held wurde der 21jährige Student David Demes am Montag dieser Woche auf dem Frankfurter Flughafen empfangen. Ein Riesenaufgebot an Journalisten von Bild bis Spiegel, Blitzlichtgewitter, Blumensträuße und – tibetischer Willkommensjubel samt den üblichen Glückswedeln, die man einander überreicht.

Hier geht der lesenswerte Artikel von Colin Goldner in der „Junge Welt“ vom 15.8.08 weiter. Er beleuchtet die historischen Zusammenhänge seit den 50er Jahren und beleuchtet, wer und was wirklich hinter den „Free Tibet“-Aktionen steht. Einen weiteren Artikle über die „Phallus-Brüller“ schrieb Goldner für die taz. Eine Zusammenstellung von weiteren links zum Thema Tibet gibt es auf dieser Seite.

Offenbarung? Offenbarung!

Soeben hatte ich eine Offenbarung. Und was für eine! Ich erkannte die Buddha-Natur des Dalai Lama! Ab sofort bin ich ein Wissender!

Alles begann ganz harmlos. Ich sah Kulturzeit auf 3sat. Berichtet wurde von der Massenaudienz des Dalai Lama vor dem Brandenburger Tor. 20.000 staunende und ehrfurchtsvolle Gläubige, Erleuchtete und Wissende waren gekommen. Warum? Was um alles in der Welt wollen sie vom „Ozean des Wissens“? Was finden sie so einmalig an seiner Love-and-Peace-Predigt, die so in jedem billigen Wochenspruchkalender zu lesen ist?

So lieben ihn (fast) alle. Ich nicht!

Während ich noch kopfschüttelnd grübelte, wurden Prominente befragt, auf der Suche nach dem Besonderen des tibetischen Mönches. Es kamen die üblichen Plattitüden so von Judith Holofernes von „Wir sind Helden“ und Sebastian Krummbiegel von „Die Prinzen“: Liebe. Alles ist eins. Frieden. Nur Gewaltlosigkeit ist die Lösung der Weltprobleme….

Und dann, während solcherlei Belanglosigkeiten, in diesem Moment größter Abwesenheit von Geist und Intelligenz, während dieser absoluten Leere, ereilte mich die Offenbarung! Halleluja! Gott sei’s getrommelt und gepfiffen! Endlich begreife ich! Endlich verstehe ich, warum so viele auf die Grinsekatze in Orange-Rot schwören. Es ist die schrankenlose Beliebigkeit seiner Worte, die grenzenlose Dürftigkeit seiner Mission und das absolut Unpolitische in seiner buddhistischen Glossolalie. Endlich kommt einer daher mit von Transzendenz nur so triefenden Worten und hat keinerlei Botschaft. Nur Love and Peace, nur „Habt euch doch bitte alle lieb“! Das reicht zur Veränderung der Welt. Das ist DIE Lösung für ALLE Probleme. Kriege, Hunger, Unterdrückung, Terrorismus – alles ist eins. OM! Alles braucht nur Liebe! Und genau darum ist der Dauerlächler so beliebt bei unserer Prominenz. Da kann man so schön sein schlechtes Gewissen beruhigen: einfach wegmeditieren, einfach von der universalen Liebe daherschwafeln – und schon ist alles gut! Die Welt wird wieder eins. OM!

Die Grinsekatze im Original. So ist er unser Lama.

Etwas dagegen tun und konkret werden muss man dann nicht. Roland Koch und Konsorten, die konservativen und reaktionären Politiker, die Wirtschaftsmanager und Medienmacher sie lieben den DL, weil er sie ihrer ureigensten Verantwortung enthebt. Nur Liebe macht’s. Auch sie können weiter machen wie bisher mit Law and Order, Ausbeutung und maßloser Bereicherung. Die Liebe macht alles gut.

Und darum bin ich gegen diese herumschlurfende Fortschrittsbremse mit dem Englisch-Vokabular eines Grundschülers. Darum geht mir sein ständiges „Friede, Freude, Eierkuchen“ so mächtig auf die Testikel. Denn das alles zementiert nur die bestehenden Verhältnisse. Sorgt so für einen kapitalistischen Gottesstaat weltweit. Was wir stattdessen brauchen ist jedoch:

Kick out the Jams!

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Hier habe ich lesenswerte Links zum Thema Dalai Lama und Tibet zusammengetragen. Alles Seiten, die sich nicht von OM, Love and Peace und einem breiten Grinsen einlullen lassen.