Aphorismus #870

Wie viel Mühe kostet die Niederschlagung und Verhütung von Aufständen: Geheimpolizei, andere Polizei, Spitzel, Gefängnisse, Verbannungen, Militär! Und wie leicht sind die Ursachen für Aufstände zu beseitigen.

Diese Wahrheit stammt nicht von einem Revoluzzer oder notorisch Linkem, sondern von Leo Tolstoi (1828 – 1910).

Aphorismus #765

Satire hat eine Grenze nach oben: Buddha entzieht sich ihr. Satire hat auch eine Grenze nach unten. In Deutschland etwa die herrschenden faschistischen Mächte. Es lohnt nicht – so tief kann man nicht schießen.

Kurt Tucholsky (1890 – 1935), „Schnipsel“, 1973, S. 119

Negermusik

Es ist noch gar nicht so lange her, dass alles, was jenseits vom tümlichen, massenkompatiblen oder schlagerischen Mainstream aus einem Lautsprecher tönte, solch Etikett erhielt. Andere sagten gleich Judenmusik, oder sprachen von Hottentotten, von entartet, krank, satanisch etc. pp. In den 70ern war solches noch gang und gäbe. Dass solche Zeiten noch lange nicht vorbei sind, bzw. dass die Geister wieder losgelassen sind, die mit der verhasster Musik am liebsten gleich Hörer und Musiker aus dem faulenden Volkskörper herausschneiden wollen, beweist ein Beispiel dieser Tage, das eine obrigkeitliche Zensur, eine amtliche Willkür und eine am „gesunden“ Volksempfinden gebildete Geschmacksdiktatur sichtbar macht, wie man sie eigentlich nicht mehr für mögliche gehalten hätte.
Der kleinbürgerliche Rollback geht weiter und weiter.
Man mag zu Death-Metal, seinen Ritualen, Symbolen und seiner Ikonographie stehen, wie man mag, aber einen jungen Lehrer als „psychisch krank“ zu bezeichnen, ihn behördlich zu melden und ihn schließlich zur Kündigung zu zwingen, nur weil man Aversionen gegen ein Platten-Cover hat, das strotzt nur so von Kleingeisterei, Krähwinkelei und Blockwartmentalität.
Aber in einer Zeit, in der alle Probleme, die Jugendliche in ihrer Pubertät haben, auf die Medien, auf Killerspiele, auf Handy-Pornos, das Internet- kurzum auf alle neuen technischen Errungenschaften der letzten 30 Jahre- projiziert werden; in einer Zeit, in der nicht nach den Bedingungen gefragt wird, wie heute Aufwachsen in einer postindustriellen und spätkapitalistischen Welt aussieht; in einer solchen Zeit, in der nach allen möglichen Schuldigen gesucht wird, drängt sich ein growlender Ethik-Lehrer den selbst ernannten Sittenwächtern nahezu auf. – Perversling! Jugendverführer! Satanist! Es ist das Dielmma des alten und neuen Faschismus, dass er seine spießige biedermeierliche Heile-Welt-Idylle mit der nicht zu bremsenden kapitalistischen Technik-Nutzung in den Fabriken, insbesondere aber eine solche über die Medien, unter einen Hut bringen muss. Gelöst wurde solches in den 30ern durch die Behauptung einer jüdischen Vorherrschaft in der Medienwelt, beispielhaft gemacht an der Disqualifizierung von allem, was nicht ins volksdeutsche Konzept passte, als entartet oder eben als Negermusik.
Es scheint so, als wäre man in Württemberg mal wieder dort angekommen, wo sich das deutsche Volksempfinden am wohlsten fühlt: in der Verurteiluing alles Fremden und der Forderung nach Ausmerzung desselben. Der Schoß ist fruchtbar noch…

Der Artikel mit weiteren links dazu findet sich hier.

Was für ein furchtbar entartetes Ding die Musik des Gemaßregelten ist, kann man auf der Homepage von Debauchery nachvollziehen. ENTARTET! Als Hörbeispiel: Chainsaw Masturbation. PERVERS! UNDEUTSCH!

Aphorismus #663

Wer, wie das so heißt, in der Praxis steht, Interessen zu verfolgen, Pläne zu verwirklichen hat, dem verwandeln die Menschen, mit denen er in Berührung kommt, automatisch sich in Freund und Feind. Indem er sie daraufhin ansieht, wie sie seinen Absichten sich einfügen, reduziert er sie gleichsam vorweg zu Objekten: die einen sind verwendbar, die andern hinderlich. Jede abweichende Meinung erscheint auf dem Bezugssystem je einmal vorgegebener Zwecke, ohne welches keine Praxis auskommt, als lästiger Widerstand, Sabotage, Intrige; jede Zustimmung, und käme sie aus dem gemeinsten Interesse, wird zur Förderung, zum Brauchbaren, zum Zeugnis der Bundesgenossenschaft. So tritt Verarmung im Verhältnis zu anderen Menschen ein: die Fähigkeit, den andern als solchen und nicht als Funktion des eigenen Willens wahrzunehmen, vor allem aber die des fruchtbaren Gegensatzes, die Möglichkeit, durch Einbegreifen des Widersprechenden über sich selber hinauszugehen, verkümmert. Sie wird ersetzt durch beurteilende Menschenkenntnis, für die schließlich noch der Beste das kleinere Übel ist und der Schlechteste nicht das größte. Diese Reaktionsweise aber, das Schema aller Administration und »Personalpolitik«, tendiert bereits von sich aus, vor aller politischen Willensbildung und aller Festlegung auf ausschließende Tickets, zum Faschismus. Wer es einmal zu seiner Sache macht, Eignungen zu beurteilen, sieht die Beurteilten aus gewissermaßen technologischer Notwendigkeit als Zugehörige oder Außenseiter, Arteigene oder Artfremde, Helfershelfer oder Opfer. Der starr prüfende, bannende und gebannte Blick, der allen Führern des Entsetzens eigen ist, hat sein Modell im abschätzenden des Managers, der den Stellenbewerber Platz nehmen heißt und sein Gesicht so beleuchtet, daß es ins Helle der Verwendbarkeit und ins Dunkle, Anrüchige des Unqualifizierten erbarmungslos zerfällt. Das Ende ist die medizinische Untersuchung nach der Alternative: Arbeitseinsatz oder Liquidation.

Theodor W. Adorno, Minima Moralia, 85 – Musterung
Mein „Hausphilosoph“ bringt mit erschreckender Klarheit zum Ausdruck, was mich seit einiger Zeit beschäftigt: die faschistische Struktur (oder der alltägliche Faschismus), in der wir leben, die sich eben nicht nur in Kriegs- und Polizeieinsätzen zeigt, sondern viel viel tiefer liegt.