Aphorismus #946

Der Jesus von Nazareth, der als Messias auftrat, die Sittlichkeit des Gottesreiches verkündete, das Himmelreich auf Erden gründete und starb, um seinem Werke die Weihe zu geben, hat nie existiert. Er ist eine Gestalt, die vom Rationalismus entworfen, vom Liberalismus belebt und von der modernen Theologie mit geschichlicher Wissenschaft überkleidet wurde. Dieses Bild ist nicht von außen zerstört worden, sondern in sich selbst zusammengefallen, erschüttert und gespalten durch die tatsächlichen historischen Probleme.

Albert Schweitzer (1875 – 1965), Geschichte der Leben-Jesu-Forschung

DAVON wird man in den Weihnachtsgottesdiensten wie alle Jahre wieder NICHTS hören, obwohl es jeder Theologe einmal an der Uni gelernt hat, und jeder intellektuell Redliche auch zugeben wird, dass es so ist. Aber sagen, gar verkünden werden sie es nicht. Sind eben der Wahrheit verpflichtete Gottesmänner und -frauen.
Darum hier wie alle Jahre wieder Hinweise auf ein paar Artikel von mir über die Fakten zur christlichen Weihnacht:

Aphorismus #913

Wort zum Sonntag #79

Blutiger Sieg des Eingottglaubens

Historiker Prof. Dr. Michael Borgolte über die Dominanz von Christentum, Judentum und Islam in der „monotheistischen Weltzone

Die heutige weltweite Dominanz der monotheistischen Religionen Judentum, Christentum und Islam ist laut Historikern das Ergebnis blutiger Konflikte im Mittelalter. „Christliche Missionen und arabische Eroberungen haben seit dem frühen Mittelalter andere Religionen, die mehr als eine Gottheit akzeptierten, fast vollständig verdrängt“, sagte der Berliner Mediävist Prof. Dr. Michael Borgolte am Dienstagabend in Münster. Polytheistische Religionen seien meist gewaltsam aus Europa, Vorderasien und in Afrika zurückgedrängt worden, erläuterte er in der Ringvorlesung des Exzellenzclusters „Religion und Politik“. „Danach konnte sich kein Aggressor mehr von außen in diese ‚monotheistische Weltzone‘ festsetzen, der nicht christlich oder muslimisch war oder wurde.“
Anders als die Kultreligionen mit mehreren Göttern hätten Judentum, Christentum und Islam aufgrund ihrer heiligen Bücher und theologischen Lehren eine „dogmatische Religiosität“ entwickelt, sagte Borgolte. „Im Gegensatz zu den Polytheisten konnten den Monotheisten der Glaube und Kult der anderen nicht gleichgültig bleiben, da es für sie nur einen einzigen allmächtigen Gott gibt“, so der Mittelalter-Historiker. „Der Eingottglaube ist in der daraus folgenden aggressiven Bekämpfung von Heiden, Dualisten und Polytheisten für viel Leid und Blutvergießen verantwortlich.

„Labiles Gleichgewicht“
Die Verbindung von Eingottglaube, Offenbarung und Schriftauslegung begünstigte laut Borgolte zugleich den Dialog und die Verständigung zwischen Juden, Christen und Muslimen. „Während alle drei die Polytheisten kompromisslos bekämpften, konnten sie sich trotz Gegensätzen untereinander rechtlich und religiös immer wieder dulden.“ Diese Duldungen seien jedoch so dynamisch wie instabil gewesen und hätten stets im Kontext von Gewalt und Verfolgung gestanden, betonte er. „Über ein labiles Gleichgewicht ist das Zusammenleben der monotheistischen Religionen im Mittelalter nicht hinausgekommen.“ Ein „labiles Gleichgewicht zwischen den Religionen“ ist nach Einschätzung des Experten aber auch heute noch „das Beste, was wir schaffen können“.

Aus einer Pressemitteilung der Universität Münster über eine Veranstaltung mit Prof. Dr. Michael Borgolte, (Mittelalter-Historiker an der Humboldt-Universität zu Berlin) am 16.11.2010 in Münster
Hervorhebungen von mir.

Aphorismus #899

Wort zum Sonntag #77

Mörderischer Glaube

Wenn ein gewöhnlicher Mörder einen Mord begeht, dann geschieht dies meist im Familien- und Bekanntenkreis und ist, wie es so schön heißt, eine Beziehungstat. Gewöhnlich bleibt es bei einem Mord, dem am Partner, der Partnerin. Selten kommt ein zweiter hinzu, z.B. der am (vermeintlichen) Rivalen etc. pp. Das hat oft eine lange Vor- und/ oder Leidensgeschichte aus Liebe, Verehrung, Abhängigkeit, Hass, Zurückweisung, Demütigung und anderen schier nicht zu bändigenden Gefühlen. Solche Taten sind schnell aufgeklärt und im Gegensatz zu Krimis meist wenig spektakulär.
Wenn ein Mensch zum Mörder wird, ist das die große Ausnahme, wir haben so etwas wie eine angeborene Beißhemmung unserer eigenen Spezies gegenüber. Mordet ein Mensch wiederholt, dann hat er diese Beißhemmung entweder nie entwickeln können und ist als Sadist und Soziopath eher der Fall für die forensische Psychiatrie als für das Strafrecht; oder er ist als Auftragsmörder weit mehr Hollywood-Stoff als real. Und doch gibt es sie, die Mehrfachmörder. Wie bei vielen anderen Dingen kann sich ein Mensch- gewollt oder ungewollt sei mal dahingestellt- gegen die eigene menschliche Natur stellen, sie verleugnen und so die Unversehrtheit des menschlichen Lebens als Gut, das geschützt werden muss, mit seinem Handeln negieren. Was dabei im Kopf des Killers wirklich vorgeht, ist wohl kaum nachzuvollziehen. Unmenschlichkeit hat eine ganz eigene „Logik“.
Bei bisher genannten Beispielen handelt es sich um Einzeltäter, sie stellen sich selbst außerhalb der menschlichen Gemeinschaft- und sei es nur für den Augenblick der Tat-, oder sie sind nie in dieser gewesen, konnten nie zum sozialen und mitfühlenden Wesen heranwachsen. Gäbe es nur diese Art Mörder, nur die Beziehungstäter, nur die Berufskiller und nur die Soziopathen, die Weltgeschichte wäre garantiert anders verlaufen. Sie wäre nie dieses endlose Blutvergießen geworden, als das wir sie kennen, als eine immer währende Geschichte von Kriegen, Eroberungen, Sklaverei, Völkermord und allen erdenklichen Gräueln, die so gerne als Verbrechen gegen die Menschlichkeit bezeichnet werden, aber wohl besser Verbrechen gegen die Menschheit des Menschen genannt werden sollten: Verbrechen gegen seine Menschenwürde, seine Menschenrechte, seine Persönlichkeit, sein Leben.
Dabei fällt auf, dass es drei Gründe für diese Verbrechen gibt, drei Gründe die eng miteinander verwoben sind, so dass sie nur schwer zu trennen sind. Es sind Macht, Ressourcen und Religion. Darauf lassen sich m.E. die Ursachen der meisten Kriege, Eroberungen, Massaker und  Vertreibungen der Weltgeschichte zurückführen. Mal steht das eine, mal das andere im Vordergrund. Mal ist es die grenzenlose Gier nach Land und Rohstoffen, mal der Wille andere Völker zu versklaven. Und damit der gemeine Mann nicht nachdenken muss und also ins Zweifeln kommt, dafür gibt es die Religion, die große Klammer, die allgegenwärtige Rechtfertigung für jede Sauerei in der Menschheitsgeschichte. „Deus vult!„- Gott will es-, was kann man dagegen noch sagen?

Aphorismus #871

Wort zum Sonntag #73

Warum ich kein Christ bin – Teil VII

Teil I: Die Bibel, ein orientalisches Märchenbuch

Teil II: Erbsünde – Gott, was sind wir alle schlecht!

Teil III: Gnade dir Gott! Die selbst ernannte Religion der Liebe kennt keine Gnade, keine Liebe, keine Menschlichkeit

Teil IV: Christlicher Verfolgungswahn – Ketzer, wohin man blickt!

Teil V: Der größte Feind der Vernunft ist das Christentum (und die anderen Religionen)

Teil VI: Das Weib schweige in der Gemeinde. Und nicht nur dort!

7. Von wegen „lieber Gott“

7. 1. Ein launischer Gott

Gott ist der liebende Vater, ein barmherziger, wohl gesonnener, gnädiger Gott, ein Vater, der seine Kinder liebt, ja der auf den einen verlorenen Sohn wartet, ein Arzt, ein guter Hirte, ein gütiger König, eine nährende Mutter usw. usf… Die Zahl der positiven Beschreibungen in der Bibel, im AT wie im NT, sind Legion. Aber das ist nur die halbe Wahrheit. Wäre das alles, wäre der Christen-Gott eine rundum sympathische Erscheinung.  Ist es aber nicht. Gott wird in der Bibel noch ganz anders beschrieben. Und das nicht nur an irgendwelchen zweitrangigen Stellen der Bibel, nicht nur im AT, sondern durchgängig in der ganzen Bibel:

Du sollst keinen andern Gott anbeten. Denn der HERR heißt ein Eiferer; ein eifriger Gott ist er.
2. Mose 34, 14

Denn der HERR, dein Gott, ist ein verzehrendes Feuer und ein eifriger Gott.
5. Mose 5, 24

Und der Zorn des HERRN ergrimmte abermals wider Israel und er reizte David wider sie.
2. Samuel 24, 1

Denn das ist der Tag der Rache des HERRN und das Jahr der Vergeltung, zu rächen Zion.
Jesaja 34, 8

Stehe auf, HERR, in deinem Zorn, erhebe dich über den Grimm meiner Feinde und wache auf zu mir, der du Gericht verordnet hast.
Psalm 7,7

Und will Rache üben mit Grimm und Zorn an allen Heiden, so nicht gehorchen wollen.
Micha 5, 14

Ihr Otterngezüchte, wer hat denn euch gewiesen, daß ihr dem künftigen Zorn entrinnen werdet?
Matthäus 3, 7

Wer an den Sohn glaubt, der hat das ewige Leben. Wer dem Sohn nicht glaubt, der wird das Leben nicht sehen, sondern der Zorn Gottes bleibt über ihm.
Johannes 3, 36

Denn Gottes Zorn vom Himmel wird offenbart über alles gottlose Wesen und Ungerechtigkeit der Menschen, die die Wahrheit in Ungerechtigkeit aufhalten.
Römer 1, 18

Rächet euch selber nicht, meine Liebsten, sondern gebet Raum dem Zorn Gottes; denn es steht geschrieben: Die Rache ist mein; ich will vergelten, spricht der HERR.
Römer 12,19

Gehet hin und gießet aus die Schalen des Zorns Gottes auf die Erde!
Offenbarung 16, 1

Das ist nur eine klitzekleine Auswahl, die eines deutlich macht: Zu allen Zeiten, in allen Teilen und in jeder Phase der beiden Bibel-Religionen gehört die Rede vom göttlichen Zorn, von seiner Rache, seiner Eifersucht, seiner Vergeltung usw unauflösbar mit den anderen positiv erscheinenden Eigenschaften Gottes dazu. Das ist auch, wenn man nur etwas darüber nachdenkt, nicht verwunderlich. In der Geschichte des Jahwe-Glaubens stand am Anfang seine Konkurrenz mit vielen anderen Stammesgöttern in Kanaan und den Religionen der umgebenden Hochkulturen. Zu Beginn wurde Jahwe eingeordnet in die Götterwelt nomadischer Clans, wenn es wiederholt heißt: „Ich Jahwe, bin DEIN Gott.“ (1. Mose 27, 20; 32, 10; 2. Mose 20, 2; Josua 1, 9; Richter 11, 24 …) da wird anfangs ganz selbstverständlich davon ausgegangen, dass es noch andere Stammesgötter gibt, und dass sich Jahwe im Kampf gegen sie behaupten muss. Die einen Götter werden assimiliert, z.B wie der Gott Abrahams, der Schrecken Isaaks, der Heilige Israels…, andere werden- vor allem später- von ihm besiegt wie Baal, Astarte, Marduk. Ist Jahwe also anfangs eine Gottheit unter vielen, so wird sein Anspruch nach und nach universaler, er richtet sich nicht bloß gegen andere Stammesgottheiten, sondern gegen alle Götter aller Religionen, bis schließlich deren Existenz rundum bestritten wird:

So spricht der HERR, der König Israels, und sein Erlöser, der HERR Zebaoth: Ich bin der Erste, und ich bin der Letzte, und außer mir ist kein Gott. Und wer ist mir gleich, der da rufe und verkündige und mir’s zurichte, der ich von der Welt her die Völker setze? Lasset sie ihnen das Künftige und was kommen soll, verkündigen. Fürchtet euch nicht und erschrecket nicht. Habe ich’s nicht vorlängst dich hören lassen und verkündigt? denn ihr seid meine Zeugen. Ist auch ein Gott außer mir? Es ist kein Hort, ich weiß ja keinen.
Jesaja 44, 6-8

Sowohl psychologisch als auch geschichtlich ist diese Entwicklung verständlich. Solange Israel noch kein geschlossenes Volk war, sondenr nur aus lose miteinander verbundenen Sippen bestand, solange also Dezentralismus auf allen Gebieten herrschte, war auch in Glaubensdingen so etwas wie religiöse Anarchie angesagt. Als später unter David und Samuel das Reich Israel entstand, brauchte es ein Zentralheiligtum- den Jerusalemer Tempel-, Jahwe bekam mehr und mehr die Eigenschaften eines Königs zugesprochen- zur Legitimation der von ihm „gesalbten“ Könige, zur Stärkung der Zentralmacht und als gemeinsames Band- ähnlich wie es Ägypten und die anderen Hochkulturen vorgemacht hatten. So war schließlich Jahwes Macht aufs engste mit der des Königshauses verbunden. Aber anders als Baal, Aton oder die anderen „heidnischen“ Götter ging Jahwe weder 722 v.d.Z. mit der Zerstörung des Nordreiches noch 598 v.d.Z. mit dem Babylonischen Exil unter. Im Gegenteil. Diese Daten markieren wichtige Reformen und Entwicklungen hin zum Monotheismus, an dessem Ende das oben zitierte Prophetenwort steht. Die Gottesbilder z.B. der kanaanäischen Nomaden, der Flüchtlinge aus Ägypten (wenn es sie je gegeben hat), der Schreiber am Königshof Davids, der kleinen und großen Unheilspropheten- sie wurden nicht abgelöst, gelöscht oder negiert, nein sie wurden mit ins monotheistische Gottesbild integriert. Und so kommt es, dass ein auf seine aus Lehm gebastelten Gechöpfe Adam und Eva wütender Hausgott (1. Mose 3) plötzlich mit universaler Macht ausgestattet ist und zum Schöpfer des Himmel und der Erde wird (1. Mose 1), dass ein Kriegsgott, der eine Handvoll Sklaven durchs Schilfmeer führt (2. Mose 14) zum Lenker aller Völker und der gesamten Weltgeschichte wird (Psalm 99, 1). Je schwächer, mickriger und gefährdeter Israel wurde, und je misslicher und gefährdeter die Lage der Jahwe-Verehrer wurde, desto mächtiger, gewaltiger und universaler wurde sich dieser Gott vorgestellt. Der sich dadurch ergebende Widerspruch wurde dem mangelnden Glauben der Gläubigen angelastet oder die Notlage als verdiente Strafe gesehen. Im NT wurde dieser Gedanke in letzter Konsequenz fortgeführt, in der Vorstellung vom Jüngsten Gericht, die es von den Evangelien bis zur Offenbarung durchzieht. Der Widerspruch zwischen einem liebenden Gott und einem, der sich rächt, der zornig ist und eifersüchtig, der nachträgt und kein Erbarmen kennt, dieser Widerspruch, findet seine „Lösung“ jedoch nicht in der Theologie, sondern in der Anthropologie: Wenn Gott dich hasst, dann hast du dir das selbst zuzuschreiben, basta!

Aphorismus #626

Wort zum Sonntag #39

Willing Suspension of Disbelief for the Moment

It was agreed, that my endeavours should be directed to persons and characters supernatural, or at least romantic, yet so as to transfer from our inward nature a human interest and a semblance of truth sufficient to procure for these shadows of imagination that willing suspension of disbelief for the moment, which constitutes poetic faith. [1]

Samuel Taylor Coleridge (1772 – 1834)

Literatur ist immer Erfindung. Wer eine Erzählung ‚wahr‘ nennt, beleidigt Kunst und Wahrheit zugleich.

Vladimir Nabokov (1899 – 1977)

1. Ein Beben und die Folgen

Kaum liefen die ersten Meldungen vom Erdbeben in Haiti am 12.1.2010 über die Laufbänder von CNN & Co., gab es bei den Freunden der großen Weltverschwörung schon die ersten Vermutungen, dieses Beben sei von den USA gezielt ausgelöst worden. Und je länger je mehr wurde diese Spekulation für viele Konspirationisten zur absoluten Gewissheit. Wie bei 9/11, JFK, Mondlandung und anderen großen Betrügereien sei auch dieses Katastrophe nur inszeniert worden.
Ein Erdbeben?
Der Stärke 7,0??
In 17 km Tiefe???
Sicher! Nichts leichter als das!
Die Amis schaffen zwar keinen Frieden im Irak, aber Terraforming machen sie mit links!
Wenn Wasser den Berg hinauf fließt und Dieter Bohlen etwas von guter Musik versteht, dann glaube ich das auch. Aber so ist es schlichter Unsinn, keines Gedankens würdig, wenn nicht weltweit Schwachmaten solches verbreiten würden! Vorneweg Hugo Chavez Präsident Venezuelas und selbst ernannter Erzfeind der USA. [2]

Bei jeder VT sind es immer die gleichen Schritte, die vom Zweifel an der schrecklichen Wirklichkeit zum Glauben an eine noch viel schrecklichere Welt hinter dem Vorhang führt:

  1. Ein im wahrsten Sinne des Wortes erschütterndes Ereignis tritt ein, das sich wirklichem Verstehen ob seiner Monströsität entzieht.
  2. Dieses Ereignis löst Handlungen vieler Regierungen aus, insbesondere bei den USA (und Israel).
  3. Spätestens hier kommt die „Alles ist eine große Verschwörung“-Frage: Cui bono? [3]
  4. Es wird gefolgert: Wer NACH dem Ereignis handelt und wirklich oder auch nur erdichtet „Vorteile“ daraus zieht, der muss es selbst inszeniert haben.
  5. Es wird nach „Ungereimtheiten“, „Widersprüchen“, „Vertuschungsversuchen“ und „Verbindungen“ gesucht und natürlich in Massen gefunden. Das nennt sich dann „Interessen geleitete Wahrnehmung“: Wer an Verschwörungen glaubt, wird auch Verschwörungen finden, auf Schritt und Tritt. [4]

Spätestens dann ist aus einer verständlichen Unsicherheit, aus einem nachvollziehbaren Unbehagen eine VT geworden, ein säkulares Glaubenssystem, das gespeist wird aus einem „willing suspension of disbelief for the moment“, einer „momenthaften willentlichen Aussetzung der Ungläubigkeit“. Nur dass dies nicht bloß für den Moment des Lesens eines Gedichtes geschieht, für den romantischen Zauber der Poesie, sondern fortwährend und nachhaltig. Die sich ach so argumentierende, Belege aufführende, massenhaft Zitate im Mund führende, sich objektiv gebende VT ist genau dies nicht: argumentativ, überprüfbar, objektiv, falsifizierbar. Sie ist Glaube, keine Wissenschaft. Mythos, keine Erklärung. Fiktion, kein Fakt. Aber sage das mal einen VTler! Dann wird er dir seine Wahrheit wie ein nasses Handtuch um die Ohren hauen.

Aber warum findet noch die abstruseste VT Gläubige? Warum ist der Nerd des 21. Jahrhunderts genauso anfällig für den offensichtlichen Unsinn der pseudowissenschaftlichen Erklärungen bei einem Erdbeben, wie es der mittelalterliche Bauer für die irrationale Schuldzuweisung (Die Juden haben die Brunnen vergiftet!- oder: Die rothaarige Hexe von nebenan war’s!) bei der Pest war oder der antike Soldat beim bösen Omen vor der Schlacht?
Worin liegt diese fatale Lust an der Widervernunft, an einer Welt hinter dem Vorhang, an einer anderen Wirklichkeit, die uns zu Marionetten in der Realität degradiert? Woher kommt der fanatische Glaube an noch so verrückte Geschichten, die jeder Vernunft Hohn sprechen?
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[1] In der deutschen Wikipedia wie folgt übersetzt:
Wir sind übereingekommen, dass meine Bemühungen auf übernatürliche – oder zumindest romantische – Personen und Figuren gerichtet sein sollten, aber trotzdem so, dass es möglich ist, eine Verbindung mit den Figuren aufzubauen und so diese Schatten der Einbildungskraft mit jener momenthaften willentlichen Aussetzung der Ungläubigkeit auszustatten, die ein Vertrauen in die Dichtung schafft.
[2] Wie schnell, wie irrational und doch absolut vorhersehbar eine Verschwörungstheorie (VT) inzwischen entsteht und wie ebenso konsequent neben den USA immer Israel ins Spiel kommt, ist im Artikel Wir basteln uns eine Verschwörungstheorie – Heute: Haiti im Blog Basisbanalität nachzulesen.
[3] „Die Argumentation mittels Cui-Bono-Prinzip allein kann jedoch auch zum Fehlschluss cum hoc ergo propter hoc führen, da aus dem gleichzeitigen Vorhandensein eines Interesses und eines Ereignisses, das diesem Interesse dient, nicht auf die Kausalität des Ereignisses geschlossen werden kann, das ja auch durch ebenfalls interessierte Dritte oder bloßen Zufall eingetreten sein kann.“ Wikipedia-Artikel cui bono?
[4] „Wahrnehmung wird vielmehr als ein aktiver Prozess gesehen, der sehr stark vom wahrnehmenden Subjekt gesteuert ist, von den Strukturen des vorhandenen Wissens, von den individuellen Erwartungen, Wünschen und Bedürfnissen.“ aus: Winfried Schulz, Was bestimmt die Wahrnehmung in der modernen Gesellschaft?