Aphorismus #932

So klammert sich der Schiffer endlich noch
Am Felsen fest, an dem er scheitern sollte.

Goethes Kommentar – der letzte Satz aus Torquato Tasso – zur aktuellen Atompolitik, Stuttgart 21, Hartz IV und all dem anderen Wahnsinn, den unsere Regierenden derzeit zu verantworten haben.

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Staatsbürgerkunde Anno 2010

Undemokratisch ist:

Wenn in Stuttgart, Gorleben, Berlin und anderswo Bürger auf die Straße gehen und gegen die herrschende Politik demonstrieren.

Demokratisch ist:

Wenn in Leipzig, Dresden und anderswo Bürger auf die Straße gehen und rufen: „Wir sind das Volk!“

Undemokratisch ist:

Wenn das Zentralkomitee der SED Beschlüsse fasst und Gesetze macht, ohne die Betroffenen zu fragen und ohne Rücksicht auf Verluste.

Demokratisch ist:

Wenn zwischen Regierung und Industrie abgekartet wird, was anschließend durchgesetzt wird, ohne die Betroffenen zu fragen und ohne Rücksicht auf Verluste.

Undemokratisch ist:

Wenn es bei Wahlen nur „Einheitslisten“ mit dem ZK genehmen Kandidaten gibt: eine einzige große Wahl-Farce.

Demokratisch ist:

Wenn Parteien nur dann regierungsfähig sind, wenn sie sagen und umsetzen, was das Kapital will: eine fortgesetzte große Wahl-Farce.

Undemokratisch ist:

Wenn die Stasi das Volk großflächig bespitzelt und über Hinz und Kunz Akten anlegt.

Demokratisch ist:

Wenn- Antiterrorgesetze und TK-Überwachung sei dank!- Polizei und Verfassungsschutz das Volk großflächig bespitzeln und über Hinz und Kunz Akten anlegen.

Undemokratisch ist:

Wenn es nur zwei Fernsehprogramme gibt, die in den Nachrichten, Magazinen und Reportagen dasselbe sagen: das, was die SED will.

Demokratisch ist:

Wenn es hunderte Fernsehprogramme gibt, die in Nachrichten, Magazinen, Reportagen und Talk-Runden immer dasselbe sagen: das, was das Kapital will.

Undemokratisch ist:

Wenn alle Zeitungen gleichgeschaltet sind und nur schreiben, was den Herrschenden genehm ist.

Demokratisch ist:

Wenn es viele Zeitungen gibt, die alle jedoch nur schreiben, was die Verleger wollen.

Undemokratisch ist:

Wenn also die Medien nur, verbreiten, was sie verbreiten dürfen: Die Partei hat immer Recht!

Demokratisch ist:

Wenn Parteien und Regierungen das sagen und umsetzen, was ihnen BILD, SPIEGEL, Bertelsmann und Burda diktieren.

Undemokratisch ist:

Wenn es einen Mindestlohn gibt, dank dessen keiner hungern oder frieren muss.

Demokratisch ist:

Wenn rund 14% der Bevölkerung arm sind.

Undemokratisch ist:

Wenn Grundnahrungsmittel, Bus- und Zugfahrkarten, Mieten, Kultur- und Freizeitveranstaltungen etc. subventioniert sind, und sich diese jeder leisten kann.

Demokratisch ist:

Wenn sich viele Menschen zwar (noch) das Nötigste leisten können, aber wegen teurer Mobilität, fehlendem Zugang zu Bildung und Kultur abgekoppelt vom Rest leben müssen.

Undemokratisch ist:

Wenn man auf ein Auto 12 Jahre warten muss.

Demokratisch ist:

Wenn man kein Geld hat, sich ein Auto zu leisten, selbst wenn man 12 Jahre spart.

Ist doch schön, dass wir in einer Demokratie leben!

Aphorismus #803

Noch die schönste Herrschaftsform hat ihre Hässlichkeit daran, dass in ihr wer beherrscht wird. Als die Volksherrschaft („Demokratie“) im alten Griechenland erfunden wurde, waren die Beherrschten Lebewesen, die man nicht lange mit Zeitverträgen, Kirchensteuer, Hartz IV und Social Networks verwirrte, sondern lieber gleich als Sklaven hielt und in vornehmer antiker Deutlichkeit auch gar nicht anders nannte.

Dietmar Dath, Das große Plebiszittern, konkret 08/2010 S.9

Aphorismus #697

Das Elend als Gegensatz von Macht und Ohnmacht wächst ins Ungemessene zusammen mit der Kapazität, alles Elend dauernd abzuschaffen.

Theodor W. Adorno/ Max Horkheimer, Dialektik der Aufklärung, Begriff der Aufklärung

Wie so oft bei Adorno und Horkheimer braucht es mehr als nur oberflächliches Drüberhuschen, um zu verstehen, was gemeint ist. Darum ein wenig Erklärung dazu: Seit Jahrzehnten wird uns bei jeder technischen Neuerung das Paradies auf Erden versprochen, weniger schwere und dafür erfüllendere Arbeit, mehr Teilhabe an den Entscheidungen im Unternehmen, mehr Freizeit usw. Aber was passiert wirklich? Mit jeder neuen Runde der Automatisierung und Modernisierung wächst das Heer der Ausgemusterten und Nutzlosen, der Ohnmächtigen und Verelendeten. Genau um dieses Heer zu maßregeln und ja unten zu halten, dazu ist Hartz IV in erster Linie da. Und um denen, die noch Arbeit haben, das Letzte an Kraft und Einsatz abzupressen. Bis sie eines Tages ausgebrannt und gebrochen doch da landen, wo sie nie hin wollten.

Aphorismus #665

Solange die Regierung das Recht auf Kinder als Recht auf beliebig viel öffentlich zu finanzierenden Nachwuchs auslegt, werden Frauen der Unterschicht ihre Schwangerschaften als Kapital ansehen.

Zynischer geht es kaum, was da der Emeritus (ehemals Lehrstuhl für Sozialpädagogik[!] der Universität Bremen) Dr. Gunnar Heinsohn in dem Artikel „Sozialhilfe auf fünf Jahre begrenzen“ in der FAZ von sich absonderte. Das ist nicht nur komplett falsch, das zeigt nicht nur die Arroganz der Oberschicht, es ist auch eine neue Qualitätsstufe des Klassenkampfes von oben.

Kinder kriegen, um es selbst besser zu haben???
Platter geht es nicht.
Müssen also im Sinn des Herrn Professor in Zukunft Hartz IV EmpfängerInnen einen Kinderzeugungserlaubnisschein bei ihrer ARGE abholen, bevor sie poppen? Und was ist, wenn das Kontingent erschöpft ist?
Was erdreistet sich dieser [ZENSUR], so mit dem Leben anderer Menschen umspringen zu wollen, sie so zu verachten und einen Habitus an den Tag zu legen, der seinem Engagement beim „Raphael – Lemkin – Institut für Xenophobie- und Genozidforschung“ Hohn spricht. Aber die Beschäftigung mit Akteanophobie, der Furcht vor den Armen (eine Neuschöpfung von mir)  oder Misoptochie (μισόπτωχος = Hass gegen Bettler / Arme) gehört leider nicht zum Forschungsbereich des Instituts.

Aphorismus #651

Es ist schon wichtig, dass die Wut auf die Banker nicht verraucht.

Jess Jochimsen

Ich glaube ja, dass Westerwelle schon für’s Fallschirmspringen trainiert.

Severin Groebner – Was sich dieser Ösi erdreistet!

Hartz IV im negativsten Fall heißt: Einkommen vom Staat beziehen ohne eine angemessene Leistung zu bieten.
Wie unsere Regierung.

Lisa Fitz

Alle drei Zitate stammen aus „Ottis Schlachthof“ vom 26.2.2010