Aphorismus #1020

Jeder, der selbst mit einer Depression zu kämpfen hat, kennt die gut gemeinten Ratschläge, die voll daneben sind. Die nur eines beweisen: Das Gegenteil von gut ist nicht schlecht, sondern gut gemeint….

TOP 5 der schlechtesten gut gemeinten Ratschläge von Leuten, die überhaupt keine Ahnung haben:

  • Fahr in die Ferien!

  • Lies ein Buch!

  • Lass dir die Haare schneiden!

  • Renoviere deine Wohnung!

  • Lerne Yoga!

Diese, zugegeben subjektiven, TOP 5 stammen aus dem Film Helen, auf den ich schon einmal hingewiesen habe.

Der Tod kommt so nah…

… und wird solch eine Verlockung.

Seit dem „öffentlichen Selbstmord“ von Robert Enke ist noch kein Jahr vergangen, seit eine Art mediale Springflut zum Thema Depression  über die deutsche Öffentlichkeit hereinbrach-und doch hat man das Gefühl, das alles wäre schon viel länger her. Den großen Gesten und den noch größeren Ankündigungen von damals sind kaum Taten gefolgt. Die Kranken bleiben wie eh und je einsam, die Angehörigen hilflos und die Ärzte kämpfen weiter den üblichen Kampf an mehreren Fronten: um Heilung, um Verständnis, um Aufklärung. Kurzum: business as usual. Ganz wie es zu erwarten war.

Depression ist noch immer mehr Stigma als Krankheit.

Umso besser, wenn es in den Medien jenseits aller Sensationen und Betroffenheitsrituale Substantielles zum Thema Depression gibt. Der Spielfilm „Helen“ der in den USA arbeitenden deutschen Regisseurin Sandra Nettelbeck ist eine feinfühlige und kluge filmische Umsetzung. Erzählt wird die Geschichte einer Depression, in vielen Einzelheiten ganz typisch und sehr genau geschildert- ich weiß nicht, wie oft ich mir gedacht habe: „Ja so ist es!“ Aber eigentlich stimmt das nicht. Es ist keine prototypische Depression. Denn erzählt wird Helens Geschichte, einer erfolgreichen Dozentin an einer Musikhochschule, deren Leben über Nacht aus den Fugen gerät. Es ist die ganz individuelle Geschichte ihrer Krankheit. Und genau das macht für mich die Stärke dieses Films aus. Es ist kein Lehrfilm. Es ist kein „definitiver“ Film, der ein Thema „abschließend“ behandelt. Er enthält sich jeder moralischen Beurteilung, jeder Anklage, jedes billigen Heischens um vordergründiges Verstehen, jeder objektivierenden Erklärung. Weil also die Schublade fehlt, die Einordnung, der Begriff, darum bleibt es immer  die individuelle Geschichte einer Frau: Helens Geschichte. Es ist ihre Geschichte, wie ihr alles entgleitet, wie Ehe, Beruf, die Beziehung zu ihrer 13-jährigen Tochter, ihr ganzes Leben nach und nach zerfällt, sich auflöst, bis auch sie sich nur auflösen möchte. (Die Überschrift ist ein Zitat von ihr.) Es ist ihre Geschichte und die ihres Mannes, der die Krankheit noch weniger begreift als sie, und dem seine Frau immer mehr wegrutscht und mit ihr der wichtigste Fixpunkt seines eigenen Lebens. Trotz aller Liebe, ja vielleicht gerade deswegen. Es ist Helens Geschichte und die ihrer Tochter, deren Hilflosigkeit und Angst um die Mutter in wenigen Bildern gezeigt werden ohne Melodramatik und dadurch umso intensiver. Es ist Helens Geschichte und die ihrer ehmaligen Musik-Schülerin, Mitpatientin und Leidensgenossin Mathilda, bei der sie so viel Verständnis findet- und die ihr doch wegen ihrer immer wieder durchbrechenden Selbstzerstörungsucht so fremd bleibt. Es ist Helens Geschichte und die ihrer Therapie, ihrer Krankenhausaufenthalte, ihrer Suizidversuche, ihrer Rückschläge, ihres verzweifelten Kampfes gegen das Grauen, für das es keine Worte gibt, das meist nur auf ihrem Gesicht abzulesen ist. Ashley Judd spielt Hellen so intensiv, dass es manchmal schier schmerzt:

Ashley Judd war vor einigen Jahren selbst wegen schwerer Depressionen in Behandlung. Das mag eine Erklärung für ihre fast beängstigend echt wirkende Darstellung sein,

Wie anders sollte man auch solch eine Geschichte erzählen? Wie anders kann man es adäquat umsetzen, was Depression heißt, angesichts des Nicht-Verstehen-Könnens aller Beteiligter? Wie soll man sonst erzählen, was sich eben nicht vermitteln lässt? Helen sagt einmal über Mathilda, ihr brauche sie nicht zu erklären, sie würde einfach verstehen. Das ist wahr und falsch zugleich. Ja, Depressive haben ein Gespür füreinander. Das kann unendlich gut tun und helfen. Und doch sind die eigenen Abgründe nie die des anderen. Doch hat die größte Empathie, ja das intensivste Mitleiden eine Grenze, wo es nicht mehr weiter geht. Weil nicht nur die Worte versagen, sondern auch die Bilder, die Gedanken sowieso und am allermeisten die Gefühle:

I didn’t want to make a movie of the week, a how-to-defeat-depression-movie. I wanted to make a very intimate film that stays close to its main character and doesn’t treat her as a patient. The film largely maintains Helen’s perspective, which means it doesn’t offer any easy answers or explanations and at times appears as enigmatic as the disease itself. Here lies the challenge: depression breaks down communication. But love, relationships, storytelling, it’s all about communication. So this is what I was trying to do, to tell a story about people who deeply love each other but who lose the ability to communicate, to express or receive that love, through absolutely no fault of their own. How do they handle that – and how do I handle that, as a filmmaker.
Sandra Nettelbeck in einem Interview auf ioncinema

Dass es bei all dem doch einen ganz individuellen und mühsamen Weg aus der Krankheit heraus gibt,  auch das zeigt der Film in ähnlich starken starken Bildern. Am Ende sagt Helen:

Ich war bereit zu kämpfen, ich war nicht bereit zu verlieren.

Ich möchte jedem, den das Thema Depression bewegt, diesen Film ans Herz legen. Gerade weil er nicht moralisiert, weil er nicht den Himmel oder die Hölle beschwört, weil er nicht dramatisiert, weil er sich nicht in pseudoanalytischer Ursachenforschung ergeht, sondern weil er einfach nur eine Geschichte erzählt, gerade deswegen halte ich diesen Film für sehenswert. Dass so mancher Kritiker mit diesem Film nichts anfangen kann, dass Eindeutigkeit vermisst wird, dass er an gängigen Kino-Konventionen gemessen wird oder mehr Experimentierfreude vermisst wird, spricht nicht gegen ihn, sondern nur für ihn. Von mir hat er in der IMDb 9 von 10 Punkten bekommen. Seit Ende Mai ist er in der Videothek des Vertrauens ausleihbar.

Das Thema Depression wird von Nettelbeck beispielhaft an den stark ausgeprägten Fällen der Helen und der Mathilda anschaulich vorgeführt, auch die Machtlosigkeit und Co-Depressivität des direkten Umfeldes des Patienten inklusive Niedergang wird eingehend beleuchtet. Nur schmerzhafte persönliche Erfahrung kann es möglich machen, ein derart intensives Filmerlebnis zu erschaffen.
Nettelbeck hat diesen Film ihrer besten Freundin aus gemeinsamen Jugendtagen gewidmet, die sich nach einer langen Krankheitsgeschichte mit 30 Jahren das Leben nahm.