Kanzelmärchen #4

Wer glaubt, dem geht es besser

Dieser gern geglaubten und noch lieber kolportierten „Tatsache“ begegnet man in Diskussionen mit so ziemlich allen Gläubigen. Allerdings in vielfacher Ausprägung:

  • Wer glaubt, dem geht es in allen Belangen besser: im Beruf, in der Familie, bei den Finanzen, bei der Karriere…
  • Wer glaubt, hat Gott auf seiner Seite, DER wird es für ihn richten
  • Wer glaubt, der hat eine Anlaufstelle im Leben, wo er sich immer hinwenden kann
  • Wer glaubt, der weiß, dass Gottes Ratschlüsse unergründlich sind: ER weiß besser, was gut ist für den Menschen
  • Wer glaubt, der hat es auf jeden Fall nach dem Tod besser

Zefix! Luja, sog I!

Welches Schweinderl hätten’s denn gern?

Da kann sich jeder aussuchen, was ihm am genehmsten ist. Welches Modell eines „besseren Lebens“ er als wünschens- und glaubenswert erachtet. Die erste und die letzte Position, sie könnten nicht weiter entfernt sein. Und doch berufen sich beide auf dieselbe Bibel, denselben Gott! Es war schon immer Privileg von Theologen und Predigern, ALLES, aber auch wirklich alles aus der Bibel heraus,-, vor allem aber in sie hineinzulesen. Das wundert nicht, wenn der Gegenstand des Glaubens sich nicht wehren kann, da nicht existent. Die Variationen über das bessere Leben der Glaubenden reicht von einem plumpen „Wer glaubt, den schmeißt Gott mit Wohltaten zu!“ bis zu einem „Die Wohltaten gibt es erst nach dem irdischen Jammertal!“. Und alles nennt sich christlich. Alles beruft sich auf denselben Jesus, dieselbe Bibel. Das wäre in etwa so, als würde man mit Grundgesetz Art. 1 „Die Würde des Menschen ist unantastbar.“ sowohl eine aufgeklärte humane Rechtsauffassung als auch die Beschneidung der Grundrechte, Polizeiwillkür und weiße Folter begründen. Upps. Das kriegen unsere Politiker in Zusammenarbeit mit dem Bundesverfassungsgericht ja schon lange hin. Da sind die Kirchen also gar nichts besonderes bei Wortverdrehungen und dem beliebten „Ich baue mir eine Welt, wie sie mir gefällt.“ Oder ist es umgekehrt und die Politik ist bei der Kirche in die Schule gegangen, in die Schule der Gedankenakrobatik und Wortverdreherei?
Schließt man andere Religionen in diese Gedankengänge mit ein, z.B. Hinduismus, Buddhismus oder Islam, dann gibt es noch weit mehr Möglichkeiten, wie  das ach so bessere Leben der Gläubigen aussehen kann, dann spielen kosmische Prinzipien wie Maya, Karma oder Kismet eine Rolle. Und wenn man dann noch die vielen, vielen kleinen und kleinsten Religionen mit einbezieht, wird eines klar: es kann so ziemlich alles als ein gutes Leben definiert und als Ziel des eigenen Glauben definiert werden. Ganz nach dem Motto: Welches Schweinderl hätten’s denn gern? Ich werde mich aber hier auf die christlichen Vorstellungen beschränken. Die sind eigenartig genug.

Kanzelmärchen #3

Jeder Mensch glaubt!

Jeder glaubt. Ausnahmslos. Jeder! Wenn nicht an einen Gott, dann eben an das Schicksal, die Sterne, die Evolution, an eine Ideologie, an Freitag den 13ten oder an Erdstrahlen… Egal was. Der Mensch glaubt, jeder, auch der Atheist.

Noch nie gehört? Noch nie dem arroganten Grinsen eines Vertreters göttlicher Weisheiten begegnet, der meinte, damit jeglichen Atheismus endgültig ad absurdum führen zu können? Noch nie in trauter Runde nach ein paar Bieren „Einen Glauben braucht ein jeder!“ vernommen?  Wohl kaum. Dass jeder glaubt, ja glauben muss, das ist für die Gläubigen eine Binsenweisheit. Schließlich glauben sie ja selbst! Welch umwerfende Logik! Dass es schlicht Unfug ist, interessiert die Vertreter des organisierten wie des frei fluktuierenden Aberglaubens nicht. Einen Nicht-Gläubigen darf es einfach nicht geben, denn nicht der Unglaube, sondern der Nicht-Glaube stürzt die Verfechter der Glaubenswahrheiten in größte Aporie!
Man könnte sich mit einem entschiedenen „Nein!“ als Kommentar zum Unfug des „Jeder glaubt etwas“ begnügen, aber so einfach möchte ich es in den „Kanzelmärchen“ den Propagandisten göttlicher Wahrheiten nicht machen. Ihre Lehren und „Weisheiten“ kommen hier auf den Prüfstand, ihre Vereinnahmung der Wirklichkeit und ihr Herrschaftsanspruch über den philosophisch-weltanschaulichen Diskurs ebenso. Im Gegensatz zu ihrem Gejammere, dass das Abendland immer unchristlicher werde, haben die Kirchen noch viel zu viel Einfluss in Deutschland. Spätestens an hohen Feiertagen merkt man das, wenn die festlich gewandeten Würdenträger in die dankbar auf sie gerichteten Kameras andachtsvoll hineinglotzen sehen und noch bereitwilliger in jedes ihnen willfährig  vorgehaltene Mikrofon salbadern. Ein schauriges Schauspiel, das sich jedes Weihnachten, jedes Ostern, jedes Pfingsten, jede Bischofskonferenz und jede Generalsynode wiederholt. „Herr erlöse uns vor diesem Übel!“ Das wäre mal ein sinnvolles Gebet, wenn es denn helfen würde. 😉
Atheismus ist im Gegensatz zu den Religionen keine Angelegenheit für irgendwelche äffischen Zeremonien, für in Scheinheiligkeit erstarrte alte Herren und für ein tumbes Volk, das zu fressen hat, was ihm vorgesetzt wird. Atheismus ist nichts für Denkfaule, für Köhler und für die Gefangenen ihrer simpel gestrickten Weltbilder. Atheismus ist etwas für denkende Menschen, die nachbohren, die nachfragen, die sich nie zufrieden geben mit billigen Antworten. Diesem empirisch und logisch begründeten Atheismus stoßen viele, allzu viele Thesen der vereinten Glaubensfront sauer auf. Schon allein deswegen muss der Atheismus desavouiert werden, z.B. indem die Mär vom Glauben als conditio humana, die Legende vom Jedermann-Glauben erzählt wird und so en passant auch  der Atheismus vereinnahmt wird.

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Und was ist jetzt die Narrenkappe?