Aphorismus #940

Die Kirche – und der Papst geht da wieder „vorbildlich“ voran – sieht sich gerne als Opfer. Ganz deutlich war das bei den Missbrauchsskandalen. Als Schuldige hatte man schnell die Medien ausgemacht, manche ganz hartgesottenen Kirchenfürsten dann auch noch junge Schwule, die die ansonsten völlig tadellosen Priester verführt hätten. Man kultiviert in Rom gerne Verschwörungstheorien, die von einer vom Weltjudentum gesteuerten Attacke auf die Kirche und den Papst phantasieren. Diese Opferstrategie ist natürlich praktisch, aber sie führt auch dazu, dass die Aggressivität deutlich ansteigt. Denn man sieht sich ja angegriffen und in der Defensive und muss sich nun – schon um die höhere Ehre Gottes zu verteidigen – wehren …

Aus dem lesenswerten Interview, das Reinhard Jellen mit dem katholischen Theologen David Berger über dessen neues Buch „Der heilige Schein“ geführt hat.

Aphorismus #917

Wenn man im Namen der Nichtdiskriminierung die katholische Kirche zwingen will, ihre Position zur Homosexualität oder zum Frauenpriestertum zu ändern, dann heißt das, dass sie nicht mehr ihre eigene Identität leben darf, und dass man stattdessen eine abstrakte Negativreligion zu einem tyrannischen Maßstab macht. Das ist dann anscheinend die Freiheit – allein schon deshalb, weil es die Befreiung vom Bisherigen ist.

DAS hat Papst Benedikt XVI. auch in dem Interviewbuch gesagt, das wegen seiner Aussagen zum Gebrauch von Kondomen derzeit medial Furore macht. Aber DAS ist fast nirgends zu lesen.
Dass derjenige intolerant ist, der der katholischen Kirche deren Intoleranz vorhält, und nicht die Mutter Kirche selbst, das ist mal wieder ein  schönes Beispiel katholischer Wortverdrehung. Darin bleibt sich der Papst einfach treu.

Aphorismus #717

Wort zum Sonntag #52

Klare Ansage

Ein wahrlich frommer Autoaufkleber.*
Ja, das steht tatsächlich so in der Bibel. Homosexualität ist in einer patriarchalen bäuerlich geprägten Gesellschaft tabu: Zur Bestellung der Felder, dem Hüten des Viehs werden nun mal viele Nachkommen gebraucht. Und das eigene Land muss an die nächste Generation vererbt werden. Deswegen ist Schwulsein bäh. So weit so schlicht.
Im Zusammenhang von Levitikus 20 ist Homosexualität aber nur eine von vielen sexuellen Handlungen, die mit dem Tod bestraft werden sollen. Aufgezählt werden Lev 20, 10 – 21:

  • Verkehr mit der Frau eines anderen (Vers 10)
  • Verkehr mit der Stiefmutter (11)
  • Verkehr mit der Schwiegertochter (12)
  • homosexueller Verkehr (13)
  • Verkehr mit Mutter und Tochter zur selben Zeit; alle drei sollen verbrannt werden (14)
  • Verkehr mit Tieren; Tier wie Sodomist sollen getötet werden (15f)
  • Verkehr unter Halbgeschwistern (17)
  • Verkehr mit einer Frau während ihrer Periode (18)
  • Verkehr mit Onkel oder Tante (19)
  • Verkehr mit der angeheirateten Tante (20)
  • Verkehr mit der Schwägerin (21)

Die Doppelungen und Überschneidungen in den einzelnen Punkten sind der langen Entstehungszeit und den verschiedenen Quellen solcher Gesetzestexte geschuldet. Alles andere als göttliche Gebote also, sondern aus dem bäuerlichen Umfeld stammende, teils sehr archaische Vorschriften, die den Bestand der eigenen Familie, des Clans und des Dorfes dienen. Auch das seltsame Verbot des Verkehrs während der Periode lässt sich so leicht erklären: Während ihrer Tage ist eine Frau garantiert NICHT fruchtbar, es wird also keine Nachkommen geben- DAS ist das ach so todeswürdige Verbrechen.  Die Sache mit dem Blut ist nur vorgeschoben. Über diese anderen Verbote reden die fundamentalistischen Bibelchristen nicht. Sie machen genau das, was sie allen anderen vorwerfen: die Bibel gar nicht, oder nur einen Teil der Bibel zu sehen. Oder hat man schon je etwas über eine fromme Kampagne gegen Sex mit Tieren, gegen „normalen“ Ehebruch oder gegen Sex während der Menstruation gehört?
So müssen die Schwulen für alles herhalten: Für die eigenen Homophobie genauso  wie für die eigenen nicht ausgelebten sexuellen Wünsche und Begierden. Hau den Schwulen, möglichst mit viel Getöse, damit keiner merkt, dass dein Leben auch nicht so heilig ist, wie du immer tust. Das Ergebnis solcher Bigotterie ist offener Hass gegen alle, die „anders“ sind als man es selbst nach außen ist.
Verlogen wäre noch geschönt.
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* Gesehen auf dem Auto des „GUN lobbyist Ron Owen… publisher of the ultra-right-wing pro-militia magazine Lock Stock & Barrel… former president of the National Firearm Owners of Australia„. Im liberalen Australien bekam er daraufhin eine Vorladung vom „Anti-Discrimination Tribunal“, wo unmissverständlich klar gemacht wurde: „Ron Owen is entitled to be a homophobe and he is entitled to publicly express his homophobic views. That much is required in a society that values freedom of thought and expression. However, there are limits… The ordinary member of the public would understand that he or she was being urged to hate and to have serious contempt for homosexuals.“