Aphorismus #1013

Suicides by Economic Crisis*

Financial crisis puts the lives of ordinary people at risk, but much more dangerous is when there are radical cuts to social protection.

Austerity can turn a crisis into an epidemic.

David Stuckler, a sociologist at the University of Cambridge, who led a study published in The Lancet that found a sharp rise in suicides across Europe, particularly in seriously affected countries like Greece and Ireland from 2007 to 2009, years that coincided with the downturn.

* NY-Times 15.4.2012: Increasingly in Europe, Suicides ‚by Economic Crisis‘

Irlands Weg zurück ins Mittelalter…

… und Deutschland ist noch mitten drin!

Man mag es kaum glauben, aber die Meldung ist keine Ente, die im Sommerloch planschen geht. Es ist wahr, was das iranische irische Parlament Gestz werden ließ: In der letzten Sitzung vergangene Woche wurde ein Gesetzespaket beschlossen, das Gotteslästerung oder die Veröffentlichung von blasphemischem Material mit einer Geldstrafe von bis zu 25.000 Euro belegt. 25.000 € für ein „Ich finde Gott bescheuert.“ oder „Wer glaubt, hat einen kleinen Pimmel!“ oder „Die katholische Kirche ist die größte Schwulenorganisation weltweit. Zumindest was ihre Chefs betrifft!“? Das ist wahrlich ein HexenHammer, der in Dublin geschwungen wird. Da wird das wenigstens im Ansatz laizistische Europa nun von Osten (Polen) Süden (Italien, Spanien und Portugal)  und Westen (Irland) her klerikal eingekesselt. Und ganz im Zeichen eines erneuten schnell beleidigten religiösen Fanatismus, der weltweit um sich greift: unter Muslimen sowieso, unter Evangelikalen und christlichen Fundamentalisten ebenfalls, unter den Katholiken ebenfalls. Ganz im Zeichen der Voraufklärung wird wieder einmal eine Meinung, eine Haltung, eine Ansicht bestraft. Diesmal sind es keine politischen Äußerungen wie weiland in der BRD, als sich  unter dem Etikett „Berufsverbot“ so herrlich die alte Blockwart-Mentalität gegen „die anderen“ ausleben ließ. Diesmal geht es einen Schritt weiter zurück: zurück zu den Anfängen der Gesinnungsschnüffelei, zu den Gedankenverbrechen, zur Inquisition, zum Index und zur Zensur.

Dabei ist das alles so lächerlich!

Überall sonst, wo sich Fanatiker ereifern, sei es in politischen Dingen, sei es bei einem Fußballspiel, sei es bei Krawallen jeglicher Art- ÜBERALL SONST werden die Fanatiker, die Brandstifter, die Täter verfolgt, verhaftet und verurteilt. Das ist im Hamburger Schanzenviertel so, oder in der Pariser banlieu, oder auch um die Fußballstadien dieser Welt.  ÜBERALL! Nur bei Religion ist es anders! Da soll auf einmal in Umkehrung der Tatsachen derjenige büßen, der es gewagt hat, von seiner Meinungsfreiheit Gebrauch zu machen! Nicht der Mob wird zur Rechenschaft gezogen, der „Tod den Dänen“ skandiert, oder wie dergleichen Ausraster heißen mögen, weil irgendwelche Wirrköpfe meinen, sie müssten ihren besch Allah, ihr Jesulein süß, ihre Himmelskönigin oder sonst einen beknackten Gott „verteidigen“. Und „verteidigen müssen“ sie, weil sie sich beleidigt fühlen, weil ihr Götze „Respekt“ von aller Welt fordert, auch und gerade von denen, die ihn für einen Fieberwahn oder ein Trugbild halten. Und weil ihr ach so Super-Gott weder Hände, noch Beine, noch einen Mund hat, deswegen rennen sie für ihn auf die Straßen, schreien sich heiser gegen alle Feindes ihres Götzen und mit ihren Händen wissen sie auch weit Schlimmeres anzufangen, als nur zu beten.

Davon ist Irland noch weit entfernt!

Ja. Stimmt. Das irische Parlament hat „nur“ einen alten Blasphemieparagraphen ausgegraben und aktualisiert. Nur. Aber es ist ein Schritt in die falsche Richtung. Zurück ins Mittelalter. Die Iren sollten alles tun, dass sie diesen Paragraphen wieder aufheben. Würde sie sehr sympathisch machen und beim nächsten Pub-Besuch mein Pint Guiness noch besser schmecken lassen.

Bild via Link

Und Deutschland ist noch mitten drin!

Auch in Deutschland gibt es einen Paragraphen zum Thema Gottesläasterung § 166 StGB. Und was für einen!

(1) Wer öffentlich oder durch Verbreiten von Schriften (§ 11 Abs. 3) den Inhalt des religiösen oder weltanschaulichen Bekenntnisses anderer in einer Weise beschimpft, die geeignet ist, den öffentlichen Frieden zu stören, wird mit Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren oder mit Geldstrafe bestraft.
(2) Ebenso wird bestraft, wer öffentlich oder durch Verbreiten von Schriften (§ 11 Abs. 3) eine im Inland bestehende Kirche oder andere Religionsgesellschaft oder Weltanschauungsvereinigung, ihre Einrichtungen oder Gebräuche in einer Weise beschimpft, die geeignet ist, den öffentlichen Frieden zu stören.

Das sind nicht längst überholte Worte aus Krähwinkels Schreckenstagen, sondern es ist geltendes Recht in der Bundesrepublik Stand 2009! Wenn es nicht so lächerlich wäre, man könnte nur heulen. Über so viel Borniertheit. Über so viel Anbiederung. Über so viel Angst vor der Freiheit! Und wie üblich ist die „moderne“ Begründung natürlich nicht eine, die sagt: wir lassen unseren Christengott doch nicht dem Unglimpf der Muselmanen oder gar der Gottlosen anheim fallen, sondern sie lautet so schlicht wie unlogisch: wer den öffentlichen Frieden stört, der ist der Böse. Nicht der Fahnenverbrenner, sondern der Lästerhafte! Der gehört hinter Schloss und Riegel. Wahrlich nicht weit entfernt von Heines Schildeung!

Erinnerung aus Krähwinkels Schreckenstagen

Wir Bürgermeister und Senat,
Wir haben folgendes Mandat
Stadtväterlichst an alle Klassen
Der treuen Bürgerschaft erlassen.

Ausländer, Fremde, sind es meist,
Die unter uns gesät den Geist
Der Rebellion. Dergleichen Sünder,
Gottlob! sind selten Landeskinder.

Auch Gottesleugner sind es meist;
Wer sich von seinem Gotte reißt,
Wird endlich auch abtrünnig werden
Von seinen irdischen Behörden.

Der Obrigkeit gehorchen, ist
Die erste Pflicht für Jud und Christ.
Es schließe jeder seine Bude
Sobald es dunkelt, Christ und Jude.

Wo ihrer drei beisammen stehn,
Da soll man auseinander gehn.
Des Nachts soll niemand auf den Gassen
Sich ohne Leuchte sehen lassen.

Es liefre seine Waffen aus
Ein jeder in dem Gildenhaus;
Auch Munition von jeder Sorte
Wird deponiert am selben Orte.

Wer auf der Straße räsoniert,
Wird unverzüglich füsiliert;
Das Räsonieren durch Gebärden
Soll gleichfalls hart bestrafet werden.

Vertrauet Eurem Magistrat,
Der fromm und liebend schützt den Staat
Durch huldreich hochwohlweises Walten;
Euch ziemt es, stets das Maul zu halten.

Heinrich Heine: Gedichte 1853 und 1854

Danke Irland!

Danke Irland! Danke! Das einzige Land in Europa, das über die Verfassung den Vertrag von Lissabon abstimmen durfte, hat dies für die Mehrheit derer in Europa getan, denen das elementare demokratische Recht vorenthalten wurde, über die Verfasstheit des neuen Superstaates mitzuentscheiden. Danke Irland, dass ihr dies im Sinne aller Demokraten getan habt. Und den Bürokraten und Lobbyisten die Rote Karte gezeigt habt.

Der Vertrag von Lissabon will das Europa der Wirtschaft, der großen Konzerne, der EU-Kommission, des Eurozentralismus und vor allem des Neoliberalismus. Dies sieht man schon allein an der soeben beschlossenen europäischen Arbeitszeitregelung: die Bosse haben alle Rechte, die Angestellten keine! So mag es das Kapital. Und wie wird uns das von unseren Politikern verkauft? Als ein großer Fortschritt! Als ein wichtiger Meilenstein im „sozialen Europa“. Wenn das ein Meilenstein ist, dann ist klar wohin die Reise geht: zu noch mehr Sozialkürzungen, noch mehr Marktradikalismus, noch mehr Umverteilung! Dazu sagt quer durch Europa die Mehrheit der Bevölkerung NEIN.

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Und dagegen haben die Iren gestimmt: trotz permanenter neoliberaler Gegenpropaganda auf allen Kanälen und in allen Gazetten, trotz der permanenten Verarschung durch die Volks(ver)treter, trotz der unverholenen Drohungen aus Brüssel. Und doch hat dieses als halsstarrig und eigensinnig geltende Volk sich nicht beirren lassen und NEIN! gesagt. Danke Irland! Es ist den Iren hoch anzurechen, dass sie die geschmierte Maschinerie aus Politik-Filz und Kapital-Fett (Jetzt habe ich endlich Beuys begriffen!) zum Stoppen gebracht haben.

Fragt sich nur für wie lange. Mal sehen, wie lange es braucht, bis die politische Kaste sich aufgerappelt hat und eine neue Finte ausheckt. Die ersten Stimmen wurde ja sofort laut und hatten den Tenor, so weiterzumachen wie bisher. Irgendwie werden sie es doch schaffen, das große irische NEIN in ein kleines „ja“ umzudeuten. Sie müssen dies tun, damit wir in Europa doch noch das kriegen, was das Kapital will: einen grenzenlosen Markt ohne störenden nationalen Partikularinteressen. Einen Markt mit möglichst niedrigen Sozialstandards. Und vor allem einen Markt mit noch viel niedrigeren Löhnen und ganz ohne „Lohnnebenkosten“. Das lässt die Rendite steigen und macht die Anleger glücklich. Und dann, und nur dann gibt es für Angela, Nicolas und Co. die ganz fetten Aufsichtsratsposten und weitere „Almosen „aus dem Füllhorn der dankbaren Auftraggeber.

Noch gucken sie (zumindest eine Zeit) in die Röhre. Und schauen ziemlich bedeppert aus der Wäsche.

Danke Irland!

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