Aphorismus #1020

Jeder, der selbst mit einer Depression zu kämpfen hat, kennt die gut gemeinten Ratschläge, die voll daneben sind. Die nur eines beweisen: Das Gegenteil von gut ist nicht schlecht, sondern gut gemeint….

TOP 5 der schlechtesten gut gemeinten Ratschläge von Leuten, die überhaupt keine Ahnung haben:

  • Fahr in die Ferien!

  • Lies ein Buch!

  • Lass dir die Haare schneiden!

  • Renoviere deine Wohnung!

  • Lerne Yoga!

Diese, zugegeben subjektiven, TOP 5 stammen aus dem Film Helen, auf den ich schon einmal hingewiesen habe.

Irrtümer zum Thema „Depression“

Irrtümer zum Thema Depression gibt es wie Sand am Meer. Einige davon habe ich hier zusammengestellt. Wahrscheinlich ist diese Liste noch lange nicht abgeschlossen. Bei Bedarf werde ich sie daher jederzeit ergänzen. Für Anregungen und Anfragen bin ich selbstverständlich offen.

Die größten Irrtümer über Depressionen, mit denen sich jeder Depressive mehr als nur einmal befassen muss:

  • „Du musst nur wollen!“ Dann wird das schon. Schließlich ist jeder mal schlecht drauf.
    • FALSCH! Depression ist eine Krankheit, aus der der Kranke eben NICHT aus eigener Kraft herauskommt!
  • Die Ursachen liegen immer in der Kindheit. Psychopharmaka sind Mumpitz, ja sogar schädlich. Was hilft ist ausschließlich eine Psychotherapie, die alle ungelösten Konflikte aus der Kindheit angeht und bearbeitet.
    • FALSCH! Eine schwere Kindheit, Missbrauch oder andere Traumata KÖNNEN Ursachen von Depressionen sein, müssen es aber nicht. Es gibt genügend Patienten, denen es ansonsten immer gut ging, und die dann aus heiterem Himmel depressiv wurden.
  • Psychopharmaka, zu denen die Antidepressiva gehören, sind überflüssig und haben alle schwere Nebenwirkungen.
    • FALSCH! Um überhaupt mit manchen Kranken psychotherapeutisch arbeiten zu können, braucht es Medikamente. Bei leichten Depressionen kann man vielleicht darauf verzichten, aber nicht bei mittleren, oder gar schweren. Sie einem solchen Kranken vorzuenthalten, grenzt für mich an schwere Körperverletzung.
    • FALSCH! Was die Nebenwirkungen angeht, sind die neueren Medikamente weit besser als die Klassiker und weit besser als ihr Ruf. Nebenwirkungen werden häufig sehr stark übertrieben und manche von ihnen entsprechen bekannten Depressionssymptomen, was die Unterscheidung zwischen Krankheitssymptom und Nebenwirkung oft verunmöglicht.

The work of art depicted in this image and the reproduction thereof are in the public domain worldwide. The reproduction is part of a collection of reproductions compiled by The Yorck Project. The compilation copyright is held by Zenodot Verlagsgesellschaft mbH and licensed under the GNU Free Documentation License.

  • Antidepressiva verändern die Persönlichkeit und machen süchtig.
    • FALSCH! Antidepressiva bringen den Kranken aus der Depression heraus und helfen ihm, seinen alten Normalzustand zu erreichen. Es sind keine Drogen, die dem Depressiven eine rosarote Brille aufsetzen, es sind keine Glücklichmacher aus der Hexenküche von Pfizer und Konsorten. Es sind vielmehr spezifisch auf bestimmte Neurotransmitter im Gehirn wirkende Substanzen, deren Wirkweise man inzwischen recht gut versteht.
    • FALSCH! Merkmale einer Sucht, die alle auf Antidepressiva NICHT zutreffen, sind:
      • Zwang zum Gebrauch
      • Kontrollverlust
      • Entzugssyndrom
      • Toleranzentwicklung (immer höhere Dosis ist nötig)
    • FALSCH! Oft werden Beruhigungsmittel aus der Klasse der Benzodiazepine wie z.B. Tavor® oder Valium® mit Antidepressiva verwechselt. Im Gegensatz zu Antidepressiva wirken Beruhigungsmittel sofort und unmittelbar, haben einen großen Gewöhnungseffekt und können in der Tat bei mehrwöchigem Gebrauch abhängig machen.Sie werden in der Psychiatrie ausschließlich in der Akutphase und nie als Dauermedikation eingesetzt.
  • Der Pharmaindustrie geht es nur ums Geld und die Ärzte machen bereitwillig mit.
    • RICHTIG und doch FALSCH! Natürlich geht es der Pharmaindustrie ums Gewinne machen. Das ist im Kapitalismus nun mal so. Wer eine andere Einstellung bei den Pharmariesen möchte, muss erst einmal das System radikal ändern. Aber damit ist  bis dann den Kranken nicht die Bohne geholfen. Da sind die Grundlagenforschung und die Entwicklung neuer Medikamente jetzt wichtiger. Ob dies aus reiner Nächstenliebe oder aus knallhartem Gewinnstreben hervorgeht, ist egal! Wichtig jedoch ist, dass dem ganzen Vertriebs- und Vertretersumpf endlich mal Einhalt geboten wird. Da sollten mal unsere Gesundheitsreformer ansetzen! Und dies kommt ALLEN Patienten zugute. Bei aller Kritik an der Pharmalobby ist eines ganz wichtig: es gibt inzwischen eine große Auswahl an Medikamenten, die bei einem großen Teil der Depressionen wirklich helfen können.
  • In der Psychiatrie wird man nur weggesperrt. Das ist ein reiner Aufbewahrungsort, damit man keine Dummheiten macht. Wer weiß, was die dort mit einem machen?
    • FALSCH! Einer flog übers Kuckucksnest“ war ein guter Film. Aber die Zustände, die er anprangert sind zum Glück lange vorbei. Über die Psychiatrie gibt es viele, viele Vorurteile, von denen die allermeisten falsch sind. Den brutalen Pfleger, der mit der Zwangsjacke droht, die isolierte Gummizelle und den Nazi-Arzt, der die Patienten für seine grausamen Experimente missbraucht, gibt es so wenig wie Elektroschocks bei vollem Bewusstsein oder gar die Lobotomie renitenter Patienten. In der Psychiatrie kann sich der Patient fallen lassen und sich auf seine Gesundung konzentrieren ohne durch den Alltag, den er nicht mehr bewältigen kann, daran gehindert zu werden. Und manchmal ist es schlicht lebensrettend (bei akuter Suizidalität), in einer Klinik zu sein.
  • Depressionen sind ein Schicksal, das man über sich ergehen lassen muss. Es gibt keine Hilfe. Vielleicht für die anderen, aber nicht für mich.
    • FALSCH, FALSCH und noch mal FALSCH! Diesen zutiefst depressiven Gedanken hat jeder Depressive schon x-fach gedacht. Mal meint man, allen anderen gehe es viel schlimmer, man sei nur ein Simulant. Mal ist man der Überzeugung, die Tabletten würden bei allen anderen wirken, nur bei einem selbst nicht. Und dann wieder ist man der festen Überzeugung, man stelle sich zu dumm an, sei unfähig, die Therapie sinnvoll mitzumachen … Solche Gedanken und Gefühle, die einem absolut wahr und logisch erscheinen, gehören leider zur Krankheit dazu. Selbstzweifel ist ja sowas wie der zweite Name der Depression. Ein liebevoller Partner und einfühlsame Therapeuten wissen darum und können den Kranken auch da auffangen.