Aphorismus #593

In einem objektiven System ist dagegen jegliche Vermischung von Erkenntnis und Wertung verboten. Aber dieses Verbot, dieses »erste Gebot«, durch das die objektive Erkenntnis begründet wird, ist selber nicht objektiv und kann es nicht sein: Es ist eine moralische Regel, eine Verhaltensvorschrift. (Hierin liegt grundsätzlich das logische Verbindungsglied zwischen Erkenntnis und Wertung.) Die wahre Erkenntnis kennt keine Wertung, doch um sie zu begründen, bedarf es eines Werturteils oder vielmehr eines wertenden Axioms.

Jacques Monod, Zufall und Notwendigkeit

Und die Kreationisten haben doch Recht!

Ja, richtig gelesen:
Die Kreationisten haben Recht!
Sie haben im Gegensatz zu den vielen anderen weit weniger radikalen Gläubigen erkannt, dass der Glaube an einen Schöpfergott sich mit der Evolutionstheorie beißt, dass beides im Grunde nicht zusammenpasst. Es gibt ihn eben noch immer: den alten Antagonismus aus empirischer, wissenschaftlicher Weltbeschreibung und dem Glauben an transzendente Mächte. Wird Zeit, dass der seitens der Wissenschaft stärker herausgearbeitet wird.

Evolution als offener Prozess aus „Zufall und Notwendigkeit“

Die von Darwin begründete und bis heute unzählige Male empirisch, statistisch und genetisch verifizierte Evolutionstheorie hat u.a. folgende unverzichtbare Axiome:

  • Komplexere Arten sind aus einfacheren entstanden. Es gibt einen evolutionären Stammbaum.
  • Bei der Vererbung von einer Generation zur anderen kommt es immer wieder zu zufälligen Veränderungen.
  • Die Mechanismen dabei sind Rekombimation, Mutation, Selektion und Gendrift.
  • Erfolgreich sind diejenigen Arten, die sich veränderten Umweltbedingungen am besten anpassen.
  • Die Evolution geht unaufhörlich weiter. Wir sind nicht die „Krone der Schöpfung“.
  • Die Evolution ist kein teleologischer Prozess: sie entwickelt sich nicht auf ein irgendwie geartetes Ziel hin.

So ungefähr lauten die wichtigsten Axiome der Evolutionstheorie. In der heutigen Biologie gilt sie als die grundlegende Einsicht in die Natur des Lebendigen und ist Basis für alles weitere.
Philosophisch weitergeführt hat diese Thesen der Biologe und Nobelpreisträger  Jacques Monod in seinem Essay „Zufall und Notwendigkeit„. Er hat diese Mechanismen als Grundprinzip nicht nur des Lebens, sondern als das alles Seienden zusammengefasst in dem berühmten Wortpaar „Zufall und Notwendigkeit“. Das gesamte Universum von den kleinsten Einheiten des Mikrokosmos bis hin zum Ganzen des Makrokosmos folgt diesem Prinzip von einer Kombination aus Bedingungen, Naturgesetzen und Notwendigkeiten auf der einen Seite und den großen und kleinen Zufällen, den Kontingenzen und dem allgegenwärtigen „Quantenrauschen“ auf der anderen.

Der Zufall als Gestaltungsprinzip für alles Natürliche? Das widerspricht nicht nur einer wissenschaftlichen Herangehensweise an die Dinge: „Zufall“ lässt sich eben gerade nicht fassen, nicht in Formeln oder Theoreme bannen. Höchstens Wahrscheinlichkeiten können angegeben werden. Bei der Quantenmechanik ist dies weithin akzeptiert, trotz Einsteins Verdikt, dass „Gott nicht würfle“. Beim Lottospielen auch. In der Chaosforschung ebenfalls. Aber sobald es um Biogenese i.A. und Anthropogenese im Besonderen geht, ist es aus mit der Akzeptanz, besser dem Aushalten der Zufälligkeit von allem und jedem. Am allerwenigsten gibt es Bereitschaft diese Erkenntnisse auf die eigene Existenz anzuwenden. Da muss plötzlich alles „Sinn“ und „Ziel“ haben, da gilt der Zufall als obsolet, nicht weil er an dieser Stelle wissenschaftlich falsch wäre, sondern weil er „Unbehagen“ bereite, eine ontologische Kapitulation bedeute und keine befriedigende Antwort auf die Sinnfrage gebe.