Aphorismus #998

Wort zum Sonntag #93

Warum ich kein Christ bin – Teil VIII

Teil I: Die Bibel, ein orientalisches Märchenbuch

Teil II: Erbsünde – Gott, was sind wir alle schlecht!

Teil III: Gnade dir Gott! Die selbst ernannte Religion der Liebe kennt keine Gnade, keine Liebe, keine Menschlichkeit

Teil IV: Christlicher Verfolgungswahn – Ketzer, wohin man blickt!

Teil V: Der größte Feind der Vernunft ist das Christentum (und die anderen Religionen)

Teil VI: Das Weib schweige in der Gemeinde. Und nicht nur dort!

Teil VII: Von wegen „lieber Gott“

8. Jesus von Nazareth – eine Erfolgsgeschichte?

Ob jemand Erfolg mit dem hatte, was er wollte, was er sagte und was er tat, sieht man so richtig erst nach seinem Ableben. Bei Jesus von Nazareth ist das nicht anders. Allerdings klaffen zwischen dem, was die Kirchen als seinen und ihren Erfolg verbuchen, und dem, was Jesus tatsächlich erreichen wollte, riesige Lücken. So wie durch die vorgebliche Auferstehung die Hinrichtung und damit das Scheitern des Nazareners seitens seiner Anhänger zu einem Sieg umgedeutet wurde, so machten sie es im Laufe der Jahrhunderte mit fast allem, was der galiläische Wanderprediger Jesus tatsächlich erreichen wollte. Wer es schafft die Hinrichtung eines religiösen Aufrührers mit wirrer apokalyptischer Botschaft dank Auferstehungsgeschichte als Erfolg umzudeuten, der hat keine Hemmungen nahezu jedes Wort umzudrehen, bis es in den eigenen ideologischen und politischen Intentionen dienlich ist.  Hier möchte ich an ein paar Beispielen jenseits christlicher Tradition und gläubiger Schönfärberei das aufzeigen, was Jesus anstrebte und predigte und was dem tatsächlich folgte. Getreu dem Motto: Jesus verkündete das Reich Gottes, gekommen ist die Kirche. (Alfred Loisy) Ich stelle dazu Zitate aus dem Neuen Testament, die von Jesus stammten oder ihm in den Mund gelegt wurden, dem gegenüber, was sich daraus entwickelte.

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Aphorismus #996

Wort zum Sonntag #92

Christentum als Altertum

Wenn wir eines Sonntag Morgens die alten Glocken brummen hören, da fragen wir uns: ist es nur möglich! dies gilt einem vor zwei Jahrtausenden gekreuzigten Juden, welcher sagte, er sei Gottes Sohn. Der Beweis für eine solche Behauptung fehlt. — Sicherlich ist innerhalb unserer Zeiten die christliche Religion ein aus ferner Vorzeit hereinragendes Altertum, und dass man jene Behauptung glaubt, — während man sonst so streng in der Prüfung von Ansprüchen ist —, ist vielleicht das älteste Stück dieses Erbes. Ein Gott, der mit einem sterblichen Weibe Kinder erzeugt; ein Weiser, der auffordert, nicht mehr zu arbeiten, nicht mehr Gericht zu halten, aber auf die Zeichen des bevorstehenden Weltunterganges zu achten; eine Gerechtigkeit, die den Unschuldigen als stellvertretendes Opfer annimmt; Jemand, der seine jünger sein Blut trinken heißt; Gebete um Wundereingriffe; Sünden an einem Gott verübt, durch einen Gott gebüßt; Furcht vor einem jenseits, zu welchem der Tod die Pforte ist; die Gestalt des Kreuzes als Symbol inmitten einer Zeit, welche die Bestimmung und die Schmach des Kreuzes nicht mehr kennt, — wie schauerlich weht uns dies Alles, wie aus dem Grabe uralter Vergangenheit, an! Sollte man glauben, dass so Etwas noch geglaubt wird?

Friedrich Wilhelm Nietzsche (1844 – 1900), Menschliches, Allzumenschliches I – Ein Buch für freie Geister (1878)

Aphorismus #946

Der Jesus von Nazareth, der als Messias auftrat, die Sittlichkeit des Gottesreiches verkündete, das Himmelreich auf Erden gründete und starb, um seinem Werke die Weihe zu geben, hat nie existiert. Er ist eine Gestalt, die vom Rationalismus entworfen, vom Liberalismus belebt und von der modernen Theologie mit geschichlicher Wissenschaft überkleidet wurde. Dieses Bild ist nicht von außen zerstört worden, sondern in sich selbst zusammengefallen, erschüttert und gespalten durch die tatsächlichen historischen Probleme.

Albert Schweitzer (1875 – 1965), Geschichte der Leben-Jesu-Forschung

DAVON wird man in den Weihnachtsgottesdiensten wie alle Jahre wieder NICHTS hören, obwohl es jeder Theologe einmal an der Uni gelernt hat, und jeder intellektuell Redliche auch zugeben wird, dass es so ist. Aber sagen, gar verkünden werden sie es nicht. Sind eben der Wahrheit verpflichtete Gottesmänner und -frauen.
Darum hier wie alle Jahre wieder Hinweise auf ein paar Artikel von mir über die Fakten zur christlichen Weihnacht:

Aphorismus #843

Wort zum Sonntag #70

Die Liebesreligion als Religion der Gewalt

Die folgenden Abschnitte sind dem Buch „Jesus und Ödipus“ des Sozialpsychologen Gerhard Vinnai entnommen. Steht man manchmal fassungslos da, wenn mal wieder ein Fundi in den USA durchdreht und einen Koran verbrennen will- kann er gerne machen, wenn er auch die Bibel, die Veden, die Schriften des Dalai Lamas, die Hl. Schriften des Grünen Schleims von Onk und all den anderen religiösen Müll obendrauf schichtet-, oder wenn ein katholischer Würdenträger ein scheinheiliges Doppelleben führt, wenn Priester aller Konfessionen in zahllosen Bürgerkriegen zum Völkermord aufrufen, wenn die kleinen und großen Päpste in ihren Gemeinden und Kirchen für Zucht Ordnung sorgen und also alle ausschließen, die nicht ihrer Meinung sind- ist man angesichts dessen manchmal fassungslos, wie wenig dies mit dem wohlfeilen Geseier von der christlichen Nächsten-, ja Feindesliebe zu tun hat, so wird in diesen wenigen Zeilen klar, wie die Mechanismus funktionieren, die dazu führen, vor allem aber, wie sehr Gewalt von Anfang an zum Christentum gehörte. Es ist keine Fehlentwicklung, keine Degeneration, erst recht nicht eine Glaubensprüfung oder gar das Werk des Teufels, nein, die angebliche Religion der Liebe ist zuallererst und zuallerletzt eine der Gewalt:

Liebe kann nicht als göttliches Gebot von der Kanzel verkündet werden, deshalb haben alle Liebespredigten einen falschen Tonfall. Moralische Gebote, wie sie von Jesus verhängt werden, gewinnen ihre Macht letztlich durch die Androhung des Liebesentzugs. Die Androhung des Liebesentzugs durch die Autorität, die in der Gewissensinstanz, im Über-Ich, verinnerlicht ist, sorgt letztlich dafür, daß die Gebote eingehalten werden. (S. 156) …
In der christlichen Religion wird versucht, die Einhaltung von Geboten durch die Androhung zu erreichen, bei ihrer Mißachtung der Liebe Gottes verlustig zu gehen: Wer die Gebote des Herrn mißachtet hat keinen Anspruch mehr auf seinen Schutz und seine Liebe. Aber läßt sich Liebesfähigkeit durch die Androhung des Liebesentzugs hervorbringen? Verlangt die Entfaltung von Liebesfähigkeit nicht vor allem die Erfahrung von sich wiederholender spontaner, anstatt bloß moralisch verordneter Zuwendung? … Wo Aggressivität, der letzlich niemand wirklich entkommen kann und die ein notwendiger Teil jeder Lebendigkeit ist, allzu sehr verdammt wird, verschwindet sie nicht, sondern nimmt die Gestalt des Hasses auf das eigene Selbst an. Wer sich überfordernden Geboten unterwerfen muß, die nur um den Preis der Abtötung der eigenen Lebendigkeit einzuhalten sind, muß sich in seinen eigenen Henker verwandeln. Das erlaubt kaum, die Selbstliebe zu entwickeln, die nötig ist, um andere Menschen zu lieben, die mit dem eigenen Selbst verwandt sind. (S.157) …
Verschärfte Gebote verschärfen innere Widersprüche zwischen Über-Ich-Anforderungen und ihnen widersprechenden Triebregungen und bringen als Konsequenz eine sich verschärfende innere Zerrissenheit hervor. Die Eindämmung von eigenen Aggressionen durch Tabus, die sie abwehren sollen, verlangt notwendig mehr verinnerlichte Aggression gegen das eigene Selbst, die als Unlust erfahren wird. Fällt diese Unlust zu massiv aus, entsteht in der Psyche der Drang, sich durch amoralische aggressive Triebdurchbrüche Entlastung zu verschaffen. Verbote erzeugen immer auch das Begehren, sie zu überschreiten, das Verbotene reizt besonders. Je belastender Verbote ausfallen, desto mehr begünstigen sie insgeheim diesen Drang. Die übersteigerte Moral gebiert so die Unmoral. Sie begünstigt im gesellschaftlichen Rahmen eine moralische Arbeitsteilung zwischen einer moralisierenden Minderheit, die sich für etwas Besseres hält, und einer Masse, die sich kaum um die Moral schert. (S. 157 – 158) …
Lieben diejenigen, die glauben, alle Menschen lieben zu können, im Grunde vielleicht nur auf fragwürdige Art sich selbst? Wollen sie nicht vielleicht heimlich bloß, daß alle anderen sie lieben? Lieben die, die alle Menschen lieben wollen, nicht bloß auf narzißtische Art ihre angebliche Tugendhaftigkeit? Lieben sie nicht mehr die Ideale, mit denen sie sich identifizieren, als andere Menschen? Nietzsche hat fromme Christen sehr bissig als „Spezies der moralisierenden Onanisten und Selbstbefriediger“ [1] bezeichnet. Je ausgeprägter die narzißtischen Anteile der Liebe sind, desto gleichgültiger wird die Qualität ihrer Objekte: Liebe schlägt so in Kälte um. (S.159)…
Wer glaubt, die menschliche Aggressivität vor allem durch Liebe und Friedfertigkeit fordernde Gebote neutralisieren zu können, verkennt ihre Macht. Wo das Aggressionspotential der Gattung Mensch wirklich zur Kenntnis genommen wird, wird sichtbar, daß es das Verhältnis zum Nächsten in einem Ausmaß zu stören vermag, das durch Liebesgebote kaum zureichend bekämpft werden kann. (S.160)…
Der Erfolg der ethischen Liebespropaganda kann angesichts der bisherigen Gewaltgeschichte der Menschheit nicht überzeugen. Alle Bemühungen, ihre Anforderungen praktisch werden zu lassen, haben bisher nicht allzu viel erreicht. Ethische Gebote, die die Gewalt verurteilen, und soziale Zwänge, die sie „polizeilich“ abstützen, sind wohl unverzichtbar, aber sie allein können die destruktiven Potentiale der menschlichen Triebhaftigkeit nicht bändigen. Die christliche Ethik hält sich durch das Versprechen aufrecht, daß die Tugendhaften mit Belohnungen in einem besseren Jenseits rechnen können. Nicht nur, daß dieser Glaube zunehmend zerfallen ist, er war auch früher in frommen Zeiten schon relativ wirkungslos. (S.161) …
Bewußt bearbeitete Aggressivität kann eher entschärft und ungefährlich gemacht werden als bloß durch soziale Tabus und Über-Ich-Forderungen abgewehrte. Soziale Normen, die die aggressive menschliche Triebausstattung nicht angemessen zur Kenntnis nehmen und deshalb allzu viel Friedfertigkeit verlangen, müssen notwendig übertreten werden. Diese permanente Übertretung produziert statt mehr wechselseitigem Verständnis notwendig mehr Gleichgültigkeit und Zynismus und damit auch mehr Gewalt. Eine Moral, die nicht eingehalten werden kann, wirkt zerstörerisch, weil sie die Diskreditierung alles Moralischen begünstigt. Anstatt mehr ethischer Propaganda sind vor allem soziale Verhältnisse nötig, unter denen der Andere, der Fremde, der Gegner noch praktisch als jemand erfahren werden kann, mit dem man als menschliches Wesen verwandt ist, und die es erlauben, leichter zu erkennen, daß man mit ihm in einer gemeinsamen Welt, wie vermittelt auch immer, gemeinsame Interessen hat. (S.162)…
Wie problematisch die christliche Liebesethik ist, läßt sich schon dem Neuen Testament entnehmen. Jesus, der die Gebote der Nächsten- und Feindesliebe in der Bergpredigt aufrichtet, hält sich selbst kaum an diese. Der Stifter selbst scheint nicht wirklich an die Macht seiner Liebesgebote zu glauben. (S.163)…
Die bereits im Matthäus-Evangelium [2], dem ersten Text des Neuen Testaments, sichtbar werdende simple Aufteilung der Menschen in gute und böse, in Schafe und Böcke, wobei den ersten das Heil zukommen soll während letzteren Verdammnis, Gewalt und Vernichtung drohen, wird am Ende der Bibel, in der Offenbarung des Johannes, besonders drastisch vorgeführt. Die durch die Liebesgebote und Aggressionstabus der Bergpredigt abgewehrten zerstörerischen Regungen kommen hier wieder völlig ungehemmt und auf erschreckend brutale Art zum Vorschein. Den Gläubigen wird hier nicht nur ein Bild der Rettung angeboten, ihre Identifikation mit den „Guten“ im Text erlaubt ihnen darüber hinaus, die vorher abgewehrten Aggressionen durch eine Identifikation mit einer erbarmungslos strafenden göttlichen Macht zu genießen. Die Liebesreligion endet mit einem von den Guten veranstalteten Schlachtfest und widerlegt sich damit zugleich selbst. (S.165)…
In den Bildern der Offenbarung sind die Menschen radikal in Gute und Böse aufgeteilt, was dazwischen liegt, was beide verbinden könnte, ist nicht vorhanden oder wird als „lau“ ausgespien. Der Theologe und Psychoanalytiker Raguse benennt das Fatale, das aufgrund dieser Spaltung beim Leser ausgelöst werden kann. „Die Spaltung erlaubt dem Leser die Identifikation mit einem nur-guten und reinen Objekt, und zugleich die Möglichkeit, ein äußerstes Maß an Sadismus ohne jedes Schuldgefühl auszuleben, weil der Sadismus sich auf das böse Objekt richtet, für das es keine Sorgen geben darf. Als Vorbild kann sich der Leser dafür Gott selber nehmen, der mit den Ungläubigen – in der Phantasie des Lesers – real so verfährt, wie dieser es sich vorstellt. Damit wird die Eigenschaft Gottes als eines guten Objektes in keiner Weise berührt, weil es gut ist, das Böse zu beseitigen. Der Sadismus und die Rachegelüste der Glaubenden sind deshalb durch Gott immer schon gerechtfertigt.“[3] … Weil der Glaube an die erlösende Kraft der Liebe in der christlichen Lehre offensichtlich nicht ausreicht, sucht sie das Heil letztlich wieder in der Androhung von brutaler Gewalt, die die Feinde strafen soll. Den insgeheim an der Macht des Guten Zweifelnden wird ein Umgang mit der Destruktivität zugebilligt, der noch hinter das „Auge um Auge, Zahn um Zahn“ des Alten Testaments zurückfällt. Ihre Rachegelüste brauchen sie noch nicht einmal entsprechend der mosaischen Lehre an ein Äquivalent des ihnen Angetanen zu binden, sie dürfen völlig maßlos sein. Daß die meisten Christen die Erbarmungslosigkeit, die in biblischen Texten immer wieder sichtbar wird, gerne übersehen, zeigt, daß die Aggressionstabus, die die christliche Lehre verordnet, bei ihren Anhängern fatale Wirkungen zeitigen können. Solche Tabus begünstigen offensichtlich nicht zuletzt die Verleugnung des aggressiven Potentials der eigenen Anschauungen und sorgen so allzu leicht dafür, daß die verdrängte oder abgespaltene eigene Aggressivität auf prekäre Art wirksam wird. Die Offenbarung des Johannes fällt sicherlich weit hinter die Lehren der Bergpredigt zurück, aber sie kann auch als die geheime Wahrheit der Bergpredigt gelesen werden. Nietzsche bemerkt: „Unterschätze man übrigens die tiefe Folgerichtigkeit des christlichen Instinktes nicht, als er gerade dieses Buch des Hasses mit dem Namen des Jüngers der Liebe überschrieb.“ [4] Nicht nur die „Kriminalgeschichte des Christentums“ (Deschner), auch seine heiligen Texte zeigen, daß das Christentum in vielem von dem lebt, was es zu überwinden vorgibt. (S. 167 – 168)

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[1] Nietzsche, F.: Zur Genealogie der Moral. Werke II, Hgb. Schlechta, K., Darmstadt, 1994, S. 864
[2] Vinnai hat vorher folgende Stellen zitiert: Mt 10, 14-15.32-33.38; 13, 41-42.49-50; 18, 5-6; 21, 43-44; 23, 32-33 und natürlich den „Klassiker“ Mt 25!
[3] Raguse, H.: Psychoanalyse und biblische Interpretation. Stuttgart, 1993, S. 156 f.
[4] Nietzsche, F.:Zur Genealogie der Moral. Werke in 3 Bänden. Hgb. K. Schlechta, Darmstadt, 1994, S. 795

Aphorismus #794

Wort
Bild zum Sonntag #63

In ihm war das Leben, und das Leben war das Licht der Menschen. Und das Licht scheint in der Finsternis, und die Finsternis hat’s nicht ergriffen. Johannes 1, 4f

Womit dem letzten ein Licht aufgehen sollte, wie sehr Missbrauch in der katholischen Kirche verankert ist! 😛

Aphorismus #787

Wort zum Sonntag #62

Warum ich kein Christ bin – Teil VI

Teil I: Die Bibel, ein orientalisches Märchenbuch

Teil II: Erbsünde – Gott, was sind wir alle schlecht!

Teil III: Gnade dir Gott! Die selbst ernannte Religion der Liebe kennt keine Gnade, keine Liebe, keine Menschlichkeit

Teil IV: Christlicher Verfolgungswahn – Ketzer, wohin man blickt!

Teil V: Der größte Feind der Vernunft ist das Christentum (und die anderen Religionen)

Teil VII: Von wegen „lieber Gott“

6. Das Weib schweige in der Gemeinde. Und nicht nur dort!

6.1. Eva, die alte Schlampe ist an allem schuld!

6 Und die Frau sah, dass von dem Baum gut zu essen wäre und dass er eine Lust für die Augen wäre und verlockend, weil er klug machte. Und sie nahm von der Frucht und aß und gab ihrem Mann, der bei ihr war, auch davon und er aß. 7 Da wurden ihnen beiden die Augen aufgetan und sie wurden gewahr, dass sie nackt waren, und flochten Feigenblätter zusammen und machten sich Schurze… 12 Da sprach Adam [zu Gott]: Die Frau, die du mir zugesellt hast, gab mir von dem Baum und ich aß… 16 Und zur Frau sprach er [Gott]: Ich will dir viel Mühsal schaffen, wenn du schwanger wirst; unter Mühen sollst du Kinder gebären. Und dein Verlangen soll nach deinem Mann sein, aber er soll dein Herr sein. 1. Mose, 3 6ff

Die Vertreibung aus dem Garten Eden ist zwar nicht die älteste Geschichte des AT, aber in wenigen Worten macht sie deutlich, wie in einer patriarchalischen Religion die Verhältnisse sind:

  • Schuld an allem Schlechten in der Welt ist die Frau.
  • Der tiefere Grund ist ihre Neugier, und weil sie sich in alles einmischen muss.
  • Gepaart mit ihrer Leichtgläubigkeit, die der phallischen Schlange alles glaubt, ist das lebensgefährlich.
  • Der Mann muss sich vor diesem „Teufelsweib“ schützen.

So ist die Frau selber schuld an ihrem ganzen Elend in einer männlich geprägten Clangesellschaft:

  • Ihre Plackereien in der Schwangerschaft – selber schuld!
  • Die Mühen und die Gefahren der Geburt – selber schuld!
  • Ihr Verlangen nach ihrem Mann – selber schuld!
  • Ihre Rolle als Sklavin der Männerwelt – selber schuld!

Kurzum: An der Unterdrückung der Frau ist allein sie schuld! Nicht die Verhältnisse. Nicht die nomadische und/ oder bäuerliche Wirtschaftsweise. JA nicht einmal die Religion! Schuld ist allein sie. Und dies nicht bloß historisch, sondern ontologisch, d.h. von Gott so gewollt und geschaffen! Die zweite Schöpfungsgeschichte der Bibel endet nicht mit der Erschaffung Evas 1. Mose 2,18-25, sondern erst hier: Die Erschaffung des Menschen  ist erst vollständig mit dem dreifachen Fluch Gottes! Gegen die Schlange, den Mann und die Frau. Was für ein „positives“ Weltbild! Die Frau soll fortan in Schmerzen gebären! Hat sie sich verdient. Dazu müssen wegen ihr alle ihre Nachkommen unter der Mühsal der Arbeit leiden und werden einmal sterben. Vorher, so gaukelt die Bibel vor- und so gehört es zu den unveräußerlichen Dogmen des Christentums, vorher wäre alles anders gewesen, ohne Schmerz, ohne Krankheit, ohne Herrschaft, ohne Tod. Saubere Leistung von Eva! Kein Wunder, dass alle, die diese Geschichte für bare Münze nehmen auf die Weiber nicht gut zu sprechen sind! Die Männerwelt kommt ja noch ganz gut weg, vor allem hat sie für alle Zeiten billige Arbeitssklaven, genannt Ehefrauen und Töchter. So ist es Gottes Wille für diese Welt. Das Patriarchat ist die von der Frau herbeigeführte, selbst verschuldete und von Gott so bis zum Ende aller Tage zementierte Schöpfungsordnung. Wer will und kann sich dagegen auflehnen? Im AT gibt es zwar noch andere, frauenfreundlichere Schichten, die nicht so eindeutig patriarchalische geprägt sind, jedoch hat es die weibliche Sichtweise immer schwer gehabt, sich zu behaupten. Literarische Zeugnisse einer kämpferischen, selbstbewussten Weiblichkeit sind z.B. das Lied, das die Schwester des Mose und des Aaron Mirjam anstimmt, nach der Rettung Israels vor den Ägyptern am Schilfmeer:

Da nahm Mirjam, die Prophetin, Aarons Schwester, eine Pauke in ihre Hand und alle Frauen folgten ihr nach mit Pauken im Reigen. Und Mirjam sang ihnen vor: Lasst uns dem HERRN singen, denn er hat eine herrliche Tat getan; Ross und Mann hat er ins Meer gestürzt. 2. Mose 15, 20f

Dass solche kriegerischen Frauen natürlich nicht sein dürfen, ist klar. So hat die spätere Bearbeitung dieser Stelle den knappen Gesang ausgewalzt, gleich noch die gesamte Geschichte Israels als rückwärtsgewandte Prophetie hineingepackt und vor allem Mose zum Verfasser und Vorturner gemacht: 2. Mose 15, 1-18(19). Ekstatische und zudem kriegerische Gewalt verherrlichende Frauen? Nicht mit den Hohepriestern und Gralshütern der reinen männlichen Lehre. Ein weiteres Beispiel für Frauenpower ist das Lied der Debora, eine Richterin, d.h. charismatische Kriegerin, eine „von Gott erwählte“ Heerführerin aus der Zeit, als die israelitischen Clans sesshaft wurden (sog. Landnahme), bevor Israel ein eigenes Königreich wurde. Auch sie singt selbstbewusst und angriffslustig vom Kampf. Aber sie preist nicht nur die Taten Jahwes wie Mirjam, sondern auch die List einer anderen Frau, durch die der Sieg errungen wurde:

Zu den Zeiten Schamgars, des Sohnes Anats, zu den Zeiten Jaëls waren verlassen die Wege, und die da auf Straßen gehen sollten, die wanderten auf ungebahnten Wegen. Still war’s bei den Bauern, ja still in Israel, bis du, Debora, aufstandest, bis du aufstandest, eine Mutter in Israel... Gepriesen sei unter den Frauen Jaël, die Frau Hebers, des Keniters; gepriesen sei sie im Zelt unter den Frauen! Milch gab sie, als er Wasser forderte, Sahne reichte sie dar in einer herrlichen Schale. Sie griff mit ihrer Hand den Pflock und mit ihrer Rechten den Schmiedehammer und zerschlug Siseras Haupt und zermalmte und durchbohrte seine Schläfe. Zu ihren Füßen krümmte er sich, fiel nieder und lag da. Er krümmte sich, fiel nieder zu ihren Füßen; wie er sich krümmte, so lag er erschlagen da. Richter 4, 6f, 24-27

Vom braven Heimchen am Herd wie in 1. Mose 3 gewünscht ist hier absolut nichts zu spüren. Dass solche Frauen Furcht einflößen ist klar. Das beste Mittel gegen so viel Selbständigkeit und Macht ist natürlich, die Frauen zu verschleiern, sie wegzusperren, ihre Menstruation als Unreinheit zu erklären und sie so zum Wesen zweiter Klasse zu machen. Das geschah im Verlauf des AT je länger je mehr, bis am Ende nur noch die Priester, die Rabbiner und die in Tenach unterrichteten Männer das Sagen hatten. In Glaubensdingen sowieso. Aber auch in den Alltagsgeschäften. So sehr, wie manche von der PI-Fraktion gerne behaupten, sind die Wurzeln des christlichen Abendlandes von denen des muslimischen Orient nicht unterschieden. Aber wen wundert es, die Verhältnisse von  1000 v.d.Z. bis heute haben sich im vorderen Orient nicht wirklich weiter entwickelt. Und im Westen ist es auch erst seit der bürgerlichen Revolution ernsthaft besser geworden. Aber bestimmt nicht durch die Kirchen.

Aphorismus #773

Wort zum Sonntag #60

Warum ich kein Christ bin – Teil V

Teil I: Die Bibel, ein orientalisches Märchenbuch

Teil II: Erbsünde – Gott, was sind wir alle schlecht!

Teil III: Gnade dir Gott! Die selbst ernannte Religion der Liebe kennt keine Gnade, keine Liebe, keine Menschlichkeit

Teil IV: Christlicher Verfolgungswahn – Ketzer, wohin man blickt!

Tei VI: Das Weib schweige in der Gemeinde. Und nicht nur dort!

Teil VII: Von wegen „lieber Gott“

5. Der größte Feind der Vernunft ist das Christentum (und die anderen Religionen)

5.1. Am Anfang war das Wort? Von wegen!

Das Wort, der Logos am Anfang? Vor allem anderen? Nichts weniger als das will das Johannesevangelium seinen Lesern weismachen:

Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und Gott war das Wort. Dasselbe war im Anfang bei Gott. Alle Dinge sind durch dasselbe gemacht, und ohne dasselbe ist nichts gemacht, was gemacht ist.  In ihm war das Leben, und das Leben war das Licht der Menschen. Und das Licht scheint in der Finsternis, und die Finsternis hat’s nicht ergriffen. Johannes 1, 1- 5

Was da der unbekannte Verfasser Ende des 1. Jhd. n.d.Z. (nicht nur) am Anfang seines Evangeliums treibt ist Etikettenschwindel. Es ist die schamlose Usurpation des philosophischen Begriffs logos von einem, der von logos, von Logik, von Vernunft und Philosophie außer ein paar aufgeklaubten Brocken keinen Dunst hatte. Seitdem sind christliche Theologen immer wieder so verfahren: Man höre auf den Zeitgeist, nehme bestimmte Stichwörter auf, deute sie im eigenen Sinn um und schon kann man behaupten, dass Gott/ Jesus/ die Kirche die eigentliche „Erfüllung“ des menschlichen Fragens sei. Solches geschah z.B. auch bei Begriffen wie Freiheit, Gerechtigkeit, Frieden, Sinn… Und was 2000 Jahren funktionierte wird auch heute noch gerne umgesetzt.
Am Anfang war auch nicht die Tat, wie es Goethe seinem Alter Ego Faust in den Mund legte, am Anfang des Christentums wie jeder Religion steht der Mythos. Was sonst. Am Anfang jedes Glaubenssystems steht ein Gründungs-, Erwählungs- oder Schöpfungsmythos. Der älteste uns überlieferte religiöse Mythos findet sich im Gilgamesch-Epos, das dabei in seiner Weise den Menschen als „noch nicht festgestelltes Tier“ (Nietzsche) sieht. In der hebräischen Bibel, dem Tenach ist der Gründungsmythos nicht eine der beiden Schöpfungsgeschichten- die sind weit später entstanden!-, sondern die „wundersame“ Errettung der Hebräer vor den Ägyptern durch Jahwe am Schilfmeer (2. Mose 14). Aus diesem Mythos leitet sich die besondere Beziehung Israels zu Jahwe als „erwähltes“ Volk und die Jahwes zu „seinem“ Volk als Gesetzgeber, König, Richter und Retter ab. Je mehr jedoch Israel in seiner Geschichte mit anderen Völkern in Kontakt kam, je mehr es auf der Bühne der Weltgeschichte auftauchte, und es mehr und mehr andere Götter und Religionen kennen lernte, desto exklusiver wurde Jahwes Anspruch: So lange bis aus dem Wüstengott eines kleinen nomadischen Clans der Schöpfer des Himmels und der Erde wurde. Was für eine Karriere! Israel hatte in den vielen Krisen seiner Geschichte ganz gewaltig damit zu kämpfen, dass die Welt und ihre Geschicke sich so ganz anders verhielten als es die Schriften des Moses und der Propheten (vorher)-sagten. Die Lösung war in den seltensten Fällen jedoch eine echte Auseinandersetzung und Diskussion auf (religions-)philosophischer Ebene, wie sie z.B, hinter dem Projekt der Septuaginta, der Übersetzung des Tenach ins Griechische, stand. Die immer wieder erfolgte „Lösung“  des Auseinanderklaffens von erlebter Realität und geglaubtem Mythos war die vollkommene Unterordnung ersterer unter den Mythos mit anschließender Neuinterpretation und Neubewertung. Am deutlichsten wird dies in der Apokalyptik wie z..B. im Buch Daniel: Da hängen die Geschicke nicht nur Israels, sondern der ganzen Menschheit am Handeln eines Erwählten, an seinem Glauben und seinem Festhalten an Jahwe. An diesem Punkt hat das Neue Testament weitergemacht und sich immer weiter vom alttestamentarischen Schilfmeer-Mythos entfernt, bis man schließlich Israel den Rang als Volk Gottes streitig machen konnte. An die Stelle des ursprünglichen Erwählungsmythos tritt spätestens mit Paulus „das Wort vom Kreuz“ (1. Kor 1, 18). Dieser neutestamentliche Erwählungs-Mythos zerfällt in drei Teile*:

  • Jesus tut Wunder und predigt das Reich Gottes
  • Jesus stirbt am Kreuz für die Sünden der Welt
  • Jesus wird von seinem Vater am dritten Tage auferweckt

Wer sich taufen lässt und bekennt: „Kyrios Jesus! – Jesus ist der Herr!“, der   partizipiert an diesem neuen Erwählungsmythos, der ist „gerettet“ und wird einst von den Toten auferstehen zum Heil. Es bedarf nicht wirklich viel Überlegung, um zu erkennen, dass dies ein Mythos ist und ganz bestimmt kein Logos, kein vernünftiges, diskutables und falsifizierbares Wort:

  • Das Reich Gottes haben vor Jesus, zu seiner Zeit und nach ihm unzählige andere gepredigt. Auch selbst ernannte Wundertäter gab es damals so viele, als dass man keinem von ihnen hätte  Glauben schenken müssen.
  • Dass Jesu ganz gewöhnlicher Tod am Kreuz- gewöhnlich für einen des Aufruhrs Bezichtigten!- etwas besonderes war, wird auch durch ständiges Wiederholen nicht wahrer. Es ist Interpretation, nicht Tatsache. Das Leben des Brian ist auch eine Interpretation der Evangelien, eine besonders gelungene zudem. Vielleicht enthält der Film ja mehr „Wahrheit“ als die zahllosen Auslegungen aller Theologen zusammen.
  • Auch die Auferstehung ist nur Behauptung. Sie ist ohne Belege außerhalb der Reihen der Gläubigen, die eine Begegnung mit Jesus behaupteten. Und deren Geschichten sind alles andere als konsistent und glaubhaft. Wer glaubt taugt wenig als unvoreingenommener Zeuge für das von ihm Geglaubte…

Ich weiß, dass sich Gläubige durch Fakten und Zweifel nicht wirklich beeindrucken lassen. Nebbich. Wenn jedoch wie seit Johannes üblich der Mythos, die Widervernunft eines sterbenden Gottessohnes zum Logos, zur wahren Vernunft, zum Maß aller Dinge in allen Lebensbereichen erhoben wird, dann wird eine lächerliche Legende zu einem Gift, das nach 2000 Jahren Christentum noch immer seine verheerende Wirkung zeigt. Nicht Wissenschaft und Gesellschaft, nicht Moral und Politik haben sich dem Gründungsmythos irgendeiner Religion unterzuordnen sondern umgekehrt. Wenn es Christentum, Islam & Co. nicht passt, dass wir in einer säkularen Gesellschaft leben, dann muss ich mit dem alten Spruch meiner Eltern nach ergebnisloser politischer Diskussion antworten: „Geht doch rüber, wenn’s euch nicht passt!“ O.K. früher war das einfacher, da musste man nur in die DDR…
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* Der vierte Teil des Mythos, die „Menschwerdung Gottes“, wie sie die Weihnachtsgeschichten andeuten, kommt erst später dazu. in der Auseinandersetzung mit der Apotheose der römischen Kaiser.