Aphorismus #998

Wort zum Sonntag #93

Warum ich kein Christ bin – Teil VIII

Teil I: Die Bibel, ein orientalisches Märchenbuch

Teil II: Erbsünde – Gott, was sind wir alle schlecht!

Teil III: Gnade dir Gott! Die selbst ernannte Religion der Liebe kennt keine Gnade, keine Liebe, keine Menschlichkeit

Teil IV: Christlicher Verfolgungswahn – Ketzer, wohin man blickt!

Teil V: Der größte Feind der Vernunft ist das Christentum (und die anderen Religionen)

Teil VI: Das Weib schweige in der Gemeinde. Und nicht nur dort!

Teil VII: Von wegen „lieber Gott“

8. Jesus von Nazareth – eine Erfolgsgeschichte?

Ob jemand Erfolg mit dem hatte, was er wollte, was er sagte und was er tat, sieht man so richtig erst nach seinem Ableben. Bei Jesus von Nazareth ist das nicht anders. Allerdings klaffen zwischen dem, was die Kirchen als seinen und ihren Erfolg verbuchen, und dem, was Jesus tatsächlich erreichen wollte, riesige Lücken. So wie durch die vorgebliche Auferstehung die Hinrichtung und damit das Scheitern des Nazareners seitens seiner Anhänger zu einem Sieg umgedeutet wurde, so machten sie es im Laufe der Jahrhunderte mit fast allem, was der galiläische Wanderprediger Jesus tatsächlich erreichen wollte. Wer es schafft die Hinrichtung eines religiösen Aufrührers mit wirrer apokalyptischer Botschaft dank Auferstehungsgeschichte als Erfolg umzudeuten, der hat keine Hemmungen nahezu jedes Wort umzudrehen, bis es in den eigenen ideologischen und politischen Intentionen dienlich ist.  Hier möchte ich an ein paar Beispielen jenseits christlicher Tradition und gläubiger Schönfärberei das aufzeigen, was Jesus anstrebte und predigte und was dem tatsächlich folgte. Getreu dem Motto: Jesus verkündete das Reich Gottes, gekommen ist die Kirche. (Alfred Loisy) Ich stelle dazu Zitate aus dem Neuen Testament, die von Jesus stammten oder ihm in den Mund gelegt wurden, dem gegenüber, was sich daraus entwickelte.

Aphorismus #996

Wort zum Sonntag #92

Christentum als Altertum

Wenn wir eines Sonntag Morgens die alten Glocken brummen hören, da fragen wir uns: ist es nur möglich! dies gilt einem vor zwei Jahrtausenden gekreuzigten Juden, welcher sagte, er sei Gottes Sohn. Der Beweis für eine solche Behauptung fehlt. — Sicherlich ist innerhalb unserer Zeiten die christliche Religion ein aus ferner Vorzeit hereinragendes Altertum, und dass man jene Behauptung glaubt, — während man sonst so streng in der Prüfung von Ansprüchen ist —, ist vielleicht das älteste Stück dieses Erbes. Ein Gott, der mit einem sterblichen Weibe Kinder erzeugt; ein Weiser, der auffordert, nicht mehr zu arbeiten, nicht mehr Gericht zu halten, aber auf die Zeichen des bevorstehenden Weltunterganges zu achten; eine Gerechtigkeit, die den Unschuldigen als stellvertretendes Opfer annimmt; Jemand, der seine jünger sein Blut trinken heißt; Gebete um Wundereingriffe; Sünden an einem Gott verübt, durch einen Gott gebüßt; Furcht vor einem jenseits, zu welchem der Tod die Pforte ist; die Gestalt des Kreuzes als Symbol inmitten einer Zeit, welche die Bestimmung und die Schmach des Kreuzes nicht mehr kennt, — wie schauerlich weht uns dies Alles, wie aus dem Grabe uralter Vergangenheit, an! Sollte man glauben, dass so Etwas noch geglaubt wird?

Friedrich Wilhelm Nietzsche (1844 – 1900), Menschliches, Allzumenschliches I – Ein Buch für freie Geister (1878)

Aphorismus #437

Wort zum Sonntag #12

Voll auf die Zwölf!

Und die zwölf Tore waren zwölf Perlen, ein jedes Tor war aus einer einzigen Perle.
Offenbarung 21,21

Der Glaube an heilige Zahlen mit mythischer Bedeutung, die Zahlenmystik war in der Antike weit verbreitet. Und fand- wen wundert’s?- auch Eingang in die Bibel. Die Ursprünge der heiligen Zahlenspielchen verlieren sich im Dunkel der Geschichte. Es scheint jedoch so, dass es einige „natürliche“ Zahlen gab, die sich regelrecht aufdrängten: die 7 als Viertel eines Mondumlaufs, die 12 als Grundzahl der Astrologie und des Jahreslaufs, die 4 als Faktor der 12 und als Zahl der Himmelsrichtungen usw. usf. [1] In diesem Wort zum Sonntag geht es aber nicht allgemein um antike oder biblische Zahlenspielchen, das wäre einen eigenen Artikel wert, sonder nur um die Zwölf, genauer um die 12 Apostel.
Die richtige Anzahl der Apostel dürfte eigentlich kein großes Problem gewesen sein: Stift raus, Namen aufschreiben, fertig. So stellt es sich der gemeine Verbalinspirationstheoretiker (nicht zu verwechseln mit dem Konspirationstheoretiker. Oder vielleicht ja doch?) die Sache vor. Das geht wie üblich nur solange gut, solange er NICHT in der Bibel nachliest. Da herrscht das übliche Tohuwabohu: Wer war das nochmal  alles, die Apostel? Nur 12 oder 70 oder 72? Nur Männer oder auch Frauen? Nur Leute, die Jesus persönlich kannten, oder auch solche, die ihm nie begegnet sind?
Einig waren sich die biblischen Schreiber dabei wie so oft nicht. Die angebliche Einigkeit wurde erst nachträglich hergestellt. Liebe Wort-Begeisterte, was muss doch Gott für ein Loser sein, dass er etwas nicht hinkriegt, was jeder Quartalssäufer aus der Kegelrunde „Volle Kanne“ schafft: eine saubere Mitgliederliste! Und wenn Gott schon in solchen simplen Fakten daneben liegt, wie vertrauenswürdig ist er dann bei den echten „Hämmern“ wie den Wundern oder gar der Auferstehung? Wer einmal lügt, dem glaubt man nicht… O.K. Nicht Gott ist der Loser. Die Schreiberlinge sind es. Denn 40, 60 oder gar 100 Jahre nach der großen Jesus-Show in Galiläa waren Fakten Mangelware, musste die Fantasie die Gedächtnislücken füllen. Was dann auch reichlich geschah. Pia fraus, frommer Betrug von Anfang an. [2]

Warum mussten es unbedingt 12 Apostel sein?

Nun, es mussten schon im Alten Testament unbedingt 12  Stämme sein. Aus den vielen Sippen von kanaanäischen Bauern, sich niederlassenden Nomaden und (evtl.) ein paar aus Ägypten geflohenen Sklaven: aus wer weiß was für Gestalten das gebildet wurde, was man das Volk Israel nennt, wurde hunderte Jahre später ein „einheitliches“, sich in 12 Stämme gliederndes Volk. Und schon hier war die himmlische Buchführung gründlich durcheinander, denn es gibt verschiedene Listen. Wer es sich antun will:  1.Mose 29,31-30,24 / 35,23-26 /  49,1-27 // 4.Mose 26,4-51 // Josua 14-21 // Richter 5. [3]
Ist es bei solcher Vorlage aus dem AT ein Wunder, dass das im NT auch nicht hinhaut?

Wie viele waren es denn nun?

Gute Frage. 12? 12 und ein paar Zerhackte? 70? Oder gar 72? In den Evangelien wird dies gut gemischt. Einmal sind es 12 Apostel (= απόστολος/ apóstolos; griechisch für Gesandter; für das aramäische „saliah“), dann 12 Jünger (= μαθηταὶ/ mathetai; griechisch für Schüler, Lehrlinge), dann gar 70/72 Jünger (Lukas 10,1) So ganz schlüssig waren sich die Evangelien da nicht. Wenn Jesus tatsächlich 12 Männer aus seiner Entourage zu den Vertretern der 12 Stämme des wahren Israel ausgewählt hat, so spielte das bei ihm vor allem symbolische Bedeutung. Wichtig, so richtig wichtig wurde das 12er-Gremium erst, als Jeus nicht mehr war. Irgendwie musste der Laden zusammen gehalten werden. Mit einem an der Spitze, Simon Petrus  und 11 seiner Kumpels, die die Sache weitertrieben. 72 wären auf jeden Fall viel zu viele gewesen, um die aufstrebende Sekte effizient zu organisieren. Oder waren es schon damals mehr als 12? Und auch nicht die 12 in den Evangelien genannten? Die Zwölfzahl wurde vor allem dank Lukas (Evangelium + Apostelgeschichte) weiter verbreitet.  In den Briefen des NT ist zwar des öfteren von Aposteln die Rede, nie jedoch von 12 und nie von „Jüngern„.  — So. Sol Da wollten wohl welche keine dummen Lehrbuben mehr sein…

Und wer gehörte nun wirklich dazu?

Paulus nennt Jakobus, den „Bruder des Herrn“ [4] einen Apostel (Galater 1,19). Er selbst usurpiert den  Begriff in seiner unglaublich beschiedenen Art auch für sich: als Apostel der Heiden (Römer 11,13 und öfter)! Des weiteren tummeln sich zusätzlich zu den in den Evangelien genannten 12 noch ein Barnabas (Apostelgeschichte 14,4), ein Silvanus, ein Timotheus (1. Thessalonicher 2,7), ein Andronikus und eine Junia (16,7). EINE JUNIA? Ja, eine Apostelin! Und das ist kein feministischer Schnickschnack, sondern wurde bis ins 13. Jahrhundert so gesehen: „Grüßt Andronikus und Junia, meine Stammverwandten und Mitgefangenen, die berühmt sind unter den Aposteln…“ Seitdem hat sich ein kleines „s“ an die Junia herangemacht und diese einer Geschlechtsumwandlung unterzogen. Dummerweise ist der Name Junias nirgends sonst in der Antike belegt, wohingegen Junia ein Allerweltsname war. Halten wir fest: ob es nur 12 Apostel waren, und ob  es ausschließlich Männer waren, ist  höchst unwahrscheinlich. Sehr geehrter Herr Papst: wie lange wollen Sie weiter den Unsinn von wegen nur Männer am Altar als göttliche Wahrheit verkaufen? Eine andere“ göttliche Wahrheit“ sagt das Gegenteil!

Summa Summarum

Wenn ich das bisher Gesagte zusammenfasse, und noch ein wenig draufpacke, sieht die Sache so aus: Jesus hat Schüler um sich geschart, 12 davon waren wahrscheinlich seine „Repräsentanten“ des neuen Israel in der bald anbrechenden Königsherrschaft Gottes. Aber SO wichtig war ihm die Sache auch nicht. Es gab (vielleicht) einen erweiterten Kreis von 70 Gesandten/ Aposteln. Nachdem das Reich Gottes ausblieb, musste die entstehende Kirche organisiert werden. Dabei gab der 12er-Kreis eine praktikable  Struktur vor. Diese wurde jedoch einerseits in den Folgejahren aufgebrochen, indem auch ursprüngliche  Nicht-Jünger ( =  solche, die nicht bei Jesu Wanderschaft dabei waren) Apostel wurden, und andere sich selbst dazu erklärten. (Wer das wohl war!) Selbst Frauen konnten Apostel sein. Da das Versorgungsgeschwader und Fanclub um Jesus herum (Maria, Magdalena, Martha und wie sie alle hießen) gerade am zentralen Punkt des christlichen Glaubens, der Ostergeschichte, auftauchen, ist zu vermuten, dass es noch einige weitere Apostelinnen gegeben hat. Mit fortschreitender Hellenisierung der Urkirche, dem Ausbleiben der Parusie Christi, dem Aussterben der „Zeugen“ und Jünger Jesu kam es zu einer Festigung der gemeindlichen Machtstrukturen in Form des monarchischen Episkopats mit einem „Aufseher“ = ἐπίσκοπος = episkopos = Bischof an der Spitze, der verantwortlich war für Lehre, Verkündigung und (bereits da!) die Kirchenzucht! Je länger die Anfänge zurück lagen, desto eindeutiger, monolithischer und unterscheidbarer wurden die „12 Apostel“ gesehen.

Was lehrt uns das?

Wenn es in der Bibel um Zahlen geht, kann man getrost Rechenheft, Taschenrechner und sämtliche Vortstellungen von Exaktheit, Eindeutigkeit und Korrektheit bei Seite legen. Sie sind nur hinderlich!

Und wieder einmal stellt sich die Frage: Wie kann irgendein denkender Mensch Geschichten aus einem über 1800 Jahre alten Buch für wahr halten, für sein Leben bestimmend, ja bindend? Wie kann ein Mensch des 21. Jahrhunderts auf die glorreiche Idee kommen, dass dieses Buch ihm irgend mehr zu sagen hätte als nur eine Ansammlung von lachhaften Räuberpistolen, frommen Betrug und unglaublichen Geschichtsklitterungen? Wie kann man sich zufrieden geben mit einem Bild der Welt von beschränkten Fischern, Kleinbauern und ein paar wenigen Theologen (Die allerdings den Stuss selber glaubten. Zumindest gaben sie das vor!)? Wie kann ein Mensch heute sich FREIWILLIG diesem Unfug ausliefern?
Es wird wohl für immer ein Rätsel bleiben. Auf jeden Fall kein Zahlenrätsel!
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[1] Näheres dazu in den Wiki-Artikeln „Numerologie“ und „Zwölf
[2] Für alle, die sich tiefer in die Materie eingraben möchten, findet sich in der Wikipedia eine schöne Tabelle zum Thema
[3] Mehr dazu findet sich im Artikel „12 Stämme Israels“ in der Wikipedia.
[4] Um die ewige Jungfräulichkeit von Maria behaupten zu können, muss die katholische Exegese hier ganz schöne Klimmzüge machen… Wäre ja zu furchtbar, als wenn Maria noch mit einem anderen im Bett gewesen als nur mit dem lieben Gott!

Aphorismus #325

Fragt man sich doch überhaupt, warum der Herr nur seinen Jüngern erschien und nicht auch seinen Anklägern und Richtern, vor denen er den Glauben an seine Auferstehung ja viel wirksamer hätte begründen können.

Karlheinz Deschner, dt. Autor u. Historiker (*1924)