Aphorismus #1014

Religion darf nicht für ideologische Machtansprüche missbraucht werden.

Irgendwie hat unser alleroberster Vaterlands-, Freiheits- und Kapitalismusschützer – vulgo der allmächtige Herr über die freiheitliche demokratische Grundordnung* – das grundlegende Prinzqip von Religion und die ihr zugedachte Aufgabe in unserem geliebten System nicht verstanden. Genau dafür ist und war sie schon immer da: die Macht der Herrschenden zu legitimieren, sie zu festigen und bis zum St. Nimmerleinstag zu perpetuieren.

Richtig muss dieser Satz also heißen:

Religion muss die bestehenden Machtverhältnisse ideologisch begründen, um diese vor jedem Missbrauch durch die Beherrschten oder durch die böse Konkurrenz zu schützen.

Und genau das ist ja das Problem des Islam in Deutschland. Der brave Bürger will sich nicht von ausländischen Gesocks beherrschen lassen. Und das deutsche Kapital muss weiterhin deutsch bleiben. Sonst drehen bild und Co. endgültig durch und das Abendland geht unter.

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* Bundesinnenminister Friedrich lt. SPON zur Gratisverteilung eines unerwünschten Konkurrenzprodukt der allerchristlichsten Bibel.

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Aphorismus #962

Mit dem Dreikönigstreffen eröffnen wir unser Liberales Jahr 2011.

Dieses Pfeifen im Walde hat gestern die Oberpfeife der FDP Guido W. auf dem Dreikönigstreffen seines Pfeifenclubs von sich gegeben.
Wie sehr ihn der dunkle Wald des Machtverlusts ängstigt, wird klar bei seiner abschließenden Litanei darüber, wozu Deutschland die FDP so dringend braucht. Wer so redet steht mit dem Rücken zur Wand. Und wie immer in D kommt die Gefahr nicht von rechts, nicht von Glatzen, NPD, Rassisten und Antisemiten, auch nicht von der z.Zt. so beliebten „Das wird man doch noch sagen dürfen“-Attitüde, sondern die Gefahr von links. Als wenn die SPD links wäre und die Linke tatsächlich linke Politik machen würde, wo sie mitregiert.
Lächerlich.

Wir Liberale gehen auf Angriff, weil wir linke Mehrheiten in Deutschland verhindern wollen.

Wem die Bürgergesellschaft wichtiger ist als Staatsgläubigkeit, der hat nur die FDP.
Wer die Mittelschicht stärken will, damit sich die Gesellschaft nicht spaltet, der hat nur die FDP.
Wer den Mittelstand in das Zentrum der Wirtschaftspolitik rücken will, der hat nur die FDP.
Wer die Bürgerrechte schützen will, weil es Sicherheit ohne Freiheit nicht gibt, der hat nur die FDP.
Wer in der Bildung Chancengleichheit will, aber nicht Ergebnisgleichheit, der hat nur die FDP.
Wer eine Umweltpolitik der besten Ergebnisse will statt der guten Absichten, der hat nur die FDP.
Wer einen Sozialstaat will, der den Bedürftigen hilft und nicht den Findigen, der hat nur die FDP.
Wer in neuen Technologien zuerst die Chancen sieht und nicht nur Risiken, der hat nur die FDP.
Wer will, dass sich die eigene Anstrengung lohnt, der hat nur noch die FDP.
Wer die Freiheit liebt, der braucht eine starke FDP. Und eine starke FDP braucht Sie.

Besser kann man die Gründe nicht zusammenfassen, warum jeder denkende Mensch einen weiten Bogen um diese drittklassige Schauspieltruppe machen sollte. Womit ich keinesfalls die ehrbaren Schauspieler beleidigen möchte. Aber die FDP (und nicht nur sie) tut nur so, als würden sie Politik machen. Ihre Aufführung des Stückes Regierungspolitik ist billigstes Schmierentheater ohne Unterhaltungswert. Regiert und entschieden wird nicht in Berlin, früher nannte man das Kapital. Aber das ist ja Kommunismus, wenn man so redet.

Aphorismus #925

Es ist nicht so, daß die Politiker diese Wahl träfen, weil sie „schlechte Menschen“ währen; viele von ihnen beginnnen ihren Dienst am Staat aus idealistischen Motiven. Sie treffen diese Wahl, weil sie Teil eines Systems gegenseitiger Machtausübung geworden sind, dessen Gesetzen sie nun unterworfen sind. Dieses System gegenseitiger Machtausübung ist, um es deutlich zu sagen, der vom Großkapital beherrschte Staat selbst.

Janet Biehl, Der Libertäre Kommunalismus, 1998

Aphorismus #921

Die Wahlphilosophie der Parlamentskandidaten besteht demnach einfach darin, daß sie ihrer linken Hand erlauben, nicht zu wissen, was ihre rechte Hand tut, und so waschen sie beide Hände in Unschuld. Ihre Hosentaschen zu öffnen, keine Fragen zu stellen und an die allgemeine Tugend der Menschheit zu glauben – das dient ihren Absichten am allerbesten.

Diese Einsicht über die wahren Gründe, warum sich das Kapital den Luxus von Parlamenten und Wahlen gönnt, hatte Karl Marx bereits 1859. Es erübrigt sich die Frage, ob sich daran etwas geändert hat. Politiker haben nun mal höchstens ein virtuelles Gewissen. Mehr können sie sich nicht leisten.

Aphorismus #874

Je rascher die Arbeiterklasse die ihr feindliche Macht, den fremden, über sie gebietenden Reichtum vermehrt und vergrößert, unter desto günstigern Bedingungen wird ihr erlaubt, von neuem an der Vermehrung des bürgerlichen Reichtums, an der Vergrößerung der Macht des Kapitals zu arbeiten, zufrieden, sich selbst die goldnen Ketten zu schmieden, woran die Bourgeoisie sie hinter sich herschleift.

Karl Marx, Lohnarbeit und Kapital, MEW 6, S. 416 Dies nur zur Meldung gestern, dass in Deutschland mal wieder die Reichen reicher und zahlreicher geworden sind, haben auch die allerbesten Voraussetzungen dazu.

Staatsbürgerkunde Anno 2010

Undemokratisch ist:

Wenn in Stuttgart, Gorleben, Berlin und anderswo Bürger auf die Straße gehen und gegen die herrschende Politik demonstrieren.

Demokratisch ist:

Wenn in Leipzig, Dresden und anderswo Bürger auf die Straße gehen und rufen: „Wir sind das Volk!“

Undemokratisch ist:

Wenn das Zentralkomitee der SED Beschlüsse fasst und Gesetze macht, ohne die Betroffenen zu fragen und ohne Rücksicht auf Verluste.

Demokratisch ist:

Wenn zwischen Regierung und Industrie abgekartet wird, was anschließend durchgesetzt wird, ohne die Betroffenen zu fragen und ohne Rücksicht auf Verluste.

Undemokratisch ist:

Wenn es bei Wahlen nur „Einheitslisten“ mit dem ZK genehmen Kandidaten gibt: eine einzige große Wahl-Farce.

Demokratisch ist:

Wenn Parteien nur dann regierungsfähig sind, wenn sie sagen und umsetzen, was das Kapital will: eine fortgesetzte große Wahl-Farce.

Undemokratisch ist:

Wenn die Stasi das Volk großflächig bespitzelt und über Hinz und Kunz Akten anlegt.

Demokratisch ist:

Wenn- Antiterrorgesetze und TK-Überwachung sei dank!- Polizei und Verfassungsschutz das Volk großflächig bespitzeln und über Hinz und Kunz Akten anlegen.

Undemokratisch ist:

Wenn es nur zwei Fernsehprogramme gibt, die in den Nachrichten, Magazinen und Reportagen dasselbe sagen: das, was die SED will.

Demokratisch ist:

Wenn es hunderte Fernsehprogramme gibt, die in Nachrichten, Magazinen, Reportagen und Talk-Runden immer dasselbe sagen: das, was das Kapital will.

Undemokratisch ist:

Wenn alle Zeitungen gleichgeschaltet sind und nur schreiben, was den Herrschenden genehm ist.

Demokratisch ist:

Wenn es viele Zeitungen gibt, die alle jedoch nur schreiben, was die Verleger wollen.

Undemokratisch ist:

Wenn also die Medien nur, verbreiten, was sie verbreiten dürfen: Die Partei hat immer Recht!

Demokratisch ist:

Wenn Parteien und Regierungen das sagen und umsetzen, was ihnen BILD, SPIEGEL, Bertelsmann und Burda diktieren.

Undemokratisch ist:

Wenn es einen Mindestlohn gibt, dank dessen keiner hungern oder frieren muss.

Demokratisch ist:

Wenn rund 14% der Bevölkerung arm sind.

Undemokratisch ist:

Wenn Grundnahrungsmittel, Bus- und Zugfahrkarten, Mieten, Kultur- und Freizeitveranstaltungen etc. subventioniert sind, und sich diese jeder leisten kann.

Demokratisch ist:

Wenn sich viele Menschen zwar (noch) das Nötigste leisten können, aber wegen teurer Mobilität, fehlendem Zugang zu Bildung und Kultur abgekoppelt vom Rest leben müssen.

Undemokratisch ist:

Wenn man auf ein Auto 12 Jahre warten muss.

Demokratisch ist:

Wenn man kein Geld hat, sich ein Auto zu leisten, selbst wenn man 12 Jahre spart.

Ist doch schön, dass wir in einer Demokratie leben!

Aphorismus #801

Wort zum Sonntag #64

Mäßigt euch!

1. Mäßigt euch ihr Christen!

Temperentia [1], die Mäßigung war eine der vier Kardinaltugenden, mit denen schon griechische Philosophen ihre Zeitgenossen beglückten, und die dann vom leib- und genussfeindlichen Christentum dankbar aufgenommen wurde, nicht zum Zwecke, „bessere Menschen“ zu machen, wie behauptet, sondern um die am ständigen Verbessern Scheiternden vollständig kontrollieren zu können. Und so lange solche Mäßigung gar nicht oder nur am Aschermittwoch von ihnen gefordert wurde, ließen auch die christkatholischen Fürsten und Kaiser des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation die Kirche gerne gewähren. [2] War im klassischen Katholizismus die Erfüllung der Kardinaltugenden in Form eines strengen asketischen Christentums weitgehende den Mönchen und Nönnchen vorbehalten, so haben Luther und die anderen Reformatoren solch elitäres Christsein quasi demokratisiert. Die Kardinaltugenden, die evangelischen Räte, das Lesen der Bibel, und alles andere besonders Heilige, gehörte für den Ex-Augustiner Luther zu den Obliegenheiten aller Gläubigen, war also nicht mehr delegierbar an das hässliche Entchen der Familie, das für alle ins Kloster geschickt wurde und dort stellvertretend für die ganze Sippe betete, fastete und büßte. Das war vorbei. Jetzt musste jeder selber ran. SO hatten sich die allerwenigsten ihre neue „evangelische Freiheit“ nicht vorgestellt. Luthers Lösung für die Unerfüllbarkeit dieser Totalaskese war seine Lehre von Gesetz und Evangelium und dem Glauben an die Gnade Gottes, seiner aus Paulus heraus gelesenen Rechtfertigungslehre. Damit seine Schäflein so richtig der göttlichen Gnade bedürftig wurden, verlegte er sich auf Bußpredigten und trennte in seiner Zwei-Reiche-Lehre das Reich Gottes vom Reich der Welt, die persönliche Heiligung vom öffentlichen Leben. Irgendwie wusste er noch aus seiner eigenen Mönchszeit, dass das nicht so klappt mit der Askese. Da war seine „Lösung“, die er in der Reduktion auf den Glauben des Einzelnen fand, eine prima Sache. Calvin und seine Epigonen dagegen sahen das ganz anders. Sie wollten echte Askese für alle, nicht nur geglaubte! Sie redeten der äußeren Gemeindezucht das Wort, sie wollten die auch nach außen sichtbare Heiligung der Schäflein, sie regierten gerne selbst mit eiserner Hand und wussten in nervtötender Arroganz besser als alle anderen, wie ein christliches und tugendhaftes Leben auszusehen habe. Aus katholischer Askese für eine Minderheit besonders frommer Mönche wurde ein asketischer Puritanismus für alle. Dabei war diesen ganzen verklemmten Frommen eines gemein: Schuld an allem Übel in der Welt ist die Sünde. Darum muss die Sünde eingedämmt werden. Und der beste Weg dazu ist Mäßigung, Teperentia, Temperenz.
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[1] Mehr zu den einzelnen Begriffen findet sich in der Wikipedia. Für die Links dazu habe ich mir diesmal Mäßigung, ein Link-Fasten auferlegt. 😉
[2] Ein schöner Nachzügler obrigkeitlicher Temperenz-Forderung war das „Maß Halten“ Ludwig Erhards.