Aphorismus #981

Wort zum Sonntag Montag #87

Trau keinem Wolf auf wilder Heiden
Auch keinem Juden auf seine Eiden
Glaub keinem Papst auf sein Gewissen
Wirst sonst von allen Drein beschissen.

Dieses gelungene Beispiel von bäuerlicher Legendenbildung*, deutschem Antisemitismus** und protestantischer Arroganz*** verdanken wir niemandem anderem als Martin Luther und seiner gerne vergessenen Schrift „Von den jüden und iren lügen“, 1543 – Das nenne ich mal Altersweisheit…

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* Dass die Grausamkeit und Gefährlichkeit des Wolfes für den Menschen ins Reich der Fabel gehört, sollte sich inzwischen herumgesprochen haben, jedoch die neuerlichen Diskussionen, seit er sich wieder in Deutschland niedergelassen hat, zeigt, dass dem nicht so ist.
** Der eliminatorische Antisemitismus der Nazis speist sich aus vielen Quellen:
– dem christliche Antijudaismus
– den Judenpogromen des Mittelalters
– Luthers teils christlich, teils ökonomisch, teils „deutsch“ motiviertem Judenhass
– dem „vernünftigen“ und säkularisierten Antisemitismus mancher Aufklärer
– dem „Die Juden sind unser Unglück!“ des Kaiserreichs
– der Rasse-Ideologie des späten 19. Jahrhunderts
– dem deutschesten aller Gefühle, nämlich dem, von der Geschichte betrogen worden zu sein
….
*** Dass Luther an die Stelle des Papstes die Bibel setzte und „Gottes Wort“ mit absoluter Macht über die Gläubigen ausstattete, dass er selbst meinte, ER habe die rechte Auslegung, also die WAHRHEIT gepachtet, war stilbildend für seine Nachfolger in den zahllosen protestantischen Kirchen, Gruppen, Grüppchen und Sekten. Bis heute.

Aphorismus #940

Die Kirche – und der Papst geht da wieder „vorbildlich“ voran – sieht sich gerne als Opfer. Ganz deutlich war das bei den Missbrauchsskandalen. Als Schuldige hatte man schnell die Medien ausgemacht, manche ganz hartgesottenen Kirchenfürsten dann auch noch junge Schwule, die die ansonsten völlig tadellosen Priester verführt hätten. Man kultiviert in Rom gerne Verschwörungstheorien, die von einer vom Weltjudentum gesteuerten Attacke auf die Kirche und den Papst phantasieren. Diese Opferstrategie ist natürlich praktisch, aber sie führt auch dazu, dass die Aggressivität deutlich ansteigt. Denn man sieht sich ja angegriffen und in der Defensive und muss sich nun – schon um die höhere Ehre Gottes zu verteidigen – wehren …

Aus dem lesenswerten Interview, das Reinhard Jellen mit dem katholischen Theologen David Berger über dessen neues Buch „Der heilige Schein“ geführt hat.

Aphorismus #936

Wort zum Sonntag #82

Auch der Vatikan hat Lecks*

Quelle: Wikileaks – Layout und Hervorhebungen zum leichteren Lesen von mir. Am Wortlaut wurde nichts verändert.

2/20/2009 16:00

09VATICAN28
Embassy Vatican

CONFIDENTIAL

09VATICAN25

P 201600Z FEB 09

SUBJECT: THE HOLY SEE: A FAILURE TO COMMUNICATE

REF: VATICAN 25 AND PREVIOUS (NOTAL)

C o n f i d e n t i a l vatican 000028

E.o. 12958: decl: 2/20/2029

Tags: prel, ecps, phum, pgov, kpao, kirf, vt

Subject: the holy see: a failure to communicate

Ref: vatican 25 and previous (notal)

CLASSIFIED BY: Julieta Valls Noyes, CDA, EXEC, State.

REASON: 1.4 (b)

1. (C) Summary

Together with other flaps, the recent global controversy over the lifted excommunication of a Holocaust denying bishop (reftel) exposed a major disconnect between Pope Benedict XVI’s stated intentions and the way in which his message is received by the wider world. There are many causes for this communication gap: the challenge of governing a hierarchical yet decentralized organization, leadership weaknesses at the top, and an undervaluing of (and ignorance about) 21st century communications. These factors have led to muddled, reactive messaging that reduces the volume of the moral megaphone the Vatican uses to advance its objectives. This is especially true with audiences whose view of the Vatican is informed largely by mass media coverage. There are signs that at least some in the Vatican have learned their lessons and will work to reshape the Holy See’s communications structure. Whether they’ll prevail remains to be seen.
End Summary.

A centralized hierarchy making decentralized decisions

2. (SBU) The Vatican is highly hierarchical with the Pope ultimately responsible for all important matters. Yet it is also highly decentralized in its decision-making. This structure reflects belief in the principle of „subsidiarity„: leaving decisions to those closest to, and best informed on, a particular matter. On a practical level, however, subsidiarity can limit horizontal communication by eliminating peer consultation and review. This approach also encourages a narrow focus on issues at the expense of the big picture.
3. (C) In discussing the recent crisis with CDA and PAO, Archbishop Claudio Celli, President of the Pontifical Council for Social Communications, described the Church’s current communication style as being focused on the content of a decision, rather than its public impact. xxxxxxxxxxxx, noted that this phenomenon is compounded by the fact that officials from the various Church organs see themselves as advocates for their issues, without considering their impact on the Church as a whole. The result is a process in which only a handful of experts are aware of imminent decisions — even major decisions with broad implications — and those who are become proponents, rather than impartial advisors to the Pope.
4. (C) A series of missteps during Benedict’s Papacy have made the lack of information-sharing in the Church painfully clear. In 2006, the Pope made a speech in Regensburg that was widely decried as insulting to Muslims, though he later explained he had no such intent. In 2008, the Pope himself baptized (i.e., converted)a prominent Muslim during the 2008 Easter Vigil service at St. Peters, an event broadcast worldwide; the Cardinal who runs Inter-Faith Dialogues for the Church knew nothing about the conversion until it happened. This year, Father Federico Lombardi, head of the Vatican press office, and Cardinal Walter Kasper, President of the Pontifical Council for Promoting Christian Unity, which includes relations with Jews, learned only after the fact about the decision to reinstate communion with schismatic Lefebrvist bishops who included a Holocaust denier (reftel). In the midst of that scandal, meanwhile, the Pope proposed promoting to auxiliary bishop a priest who said Hurricane Katrina was „divine retribution“ for licentiousness in New Orleans. The resulting outcry led the cleric to decline the offer.

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* Natürlich stammt dieser Bericht aus der amerikanischen Botschaft, aber ohne die Lecks im Vatikan, d.h. ohne die verschiedenen Insider aus der allerheiligsten Hierarchie wäre er kaum so detailliert und interessant.

Aphorismus #917

Wenn man im Namen der Nichtdiskriminierung die katholische Kirche zwingen will, ihre Position zur Homosexualität oder zum Frauenpriestertum zu ändern, dann heißt das, dass sie nicht mehr ihre eigene Identität leben darf, und dass man stattdessen eine abstrakte Negativreligion zu einem tyrannischen Maßstab macht. Das ist dann anscheinend die Freiheit – allein schon deshalb, weil es die Befreiung vom Bisherigen ist.

DAS hat Papst Benedikt XVI. auch in dem Interviewbuch gesagt, das wegen seiner Aussagen zum Gebrauch von Kondomen derzeit medial Furore macht. Aber DAS ist fast nirgends zu lesen.
Dass derjenige intolerant ist, der der katholischen Kirche deren Intoleranz vorhält, und nicht die Mutter Kirche selbst, das ist mal wieder ein  schönes Beispiel katholischer Wortverdrehung. Darin bleibt sich der Papst einfach treu.

Aphorismus #910

Die Frage muss erlaubt sein, ob damit nicht das Gastrecht, das wir Ausländerinnen und Ausländern gerne gewähren, überstrapaziert wird, wenn nämlich jahrhundertealte deutsche Traditionen wie das Kreuz in Schulzimmern angegriffen werden.

Mit diesen vom wahren Geist der Liberalitas Bavariae durchdrungenen Worten bezieht der Schulbürgermeister der Stadt Regensburg Gerhard Weber Stellung zum Wunsch eines Vaters, im Klassenzimmer seines Sohn das dort befindliche Kruzifix abzuhängen. Das nenne ich wahrhafte Toleranz!
Übrigens: der Mann ist weder Moslem noch evangelisch, sondern einfach Atheist. Er stammt auch nicht aus der Türkei, oder Gott bewahre gar aus Pakistan oder Ghana, sondern ist Brite. Er bezieht auch nicht Hartz IV, oder lebt vom Kindergeld des deutschen Staates, sondern ist habilitierter Physiker an der Universität Regensburg. – Wer wird es ihm verdenken, dass er sich bei nächster Gelegenheit an eine andere Uni berufen lässt…

Wenn Tradition, dann aber richtig! Die älteste Kreuzesdarstellung überhaupt (zwischen 200 und 250 n.d.Z.) stammt nicht aus christlicher Hand, sondern ist ein antikes Graffiti und zeigt einen eselsköpfigen Gekreuzigten mit dem Text „Alamenos betet seinen Gott an“. Wer allerdings DIESER  Tradition anhängt, riskiert eine Anzeige nach § 166 StGB „Beschimpfung von Bekenntnissen, Religionsgesellschaften und Weltanschauungsvereinigungen“. Freiheit ist eben immer die Freiheit der gleich Denkenden. Das ist die deutscheste aller Tradition.

Aphorismus #809

Diese Sache mit dem Leib Christi, den man sich auf die ausgestreckte Zunge legen lässt – irgendwann wurde das ja liberalisiert, und man durfte plötzlich die Hände zu Hilfe nehmen –, diese so genannte Heilige Eucharistie, das ist ja nicht nur der Höhepunkt der Göttlichen Liturgie oder, wie das so schön heißt, der »Feier der Heilsgeheimnisse«, sondern auch gespielter Oralsex. Sex mit einem Unsichtbaren, Verkehr mit einer Leiche.

Wenzel Storch, Jungle World Nr. 39, 24. September 2009