Aphorismus #1023

Im Jahr 2005 ist die UN-Konvention gegen Korruption in Kraft getreten. Dieser völkerrechtlich bindende Vertrag enthält Präventionsmaßnahmen gegen Korruption sowie die die Pflicht der Staaten, verschiedene Sachverhalte rund um Korruption unter Strafe zu stellen. Bisher haben 161 Staaten das Übereinkommen ratifiziert. Deutschland nicht, zusammen mit Myanmar, Sudan, Saudi-Arabien, Nordkorea und Syrien. Deutschland ist hier Bananenrepublik – weit weg vom internationalen Standard.

Andre Meister, Exklusiv: Wir veröffentlichen das geheime Gutachten, das strengere Gesetze gegen Abgeordnetenbestechung fordert

Aphorismus #925

Es ist nicht so, daß die Politiker diese Wahl träfen, weil sie „schlechte Menschen“ währen; viele von ihnen beginnnen ihren Dienst am Staat aus idealistischen Motiven. Sie treffen diese Wahl, weil sie Teil eines Systems gegenseitiger Machtausübung geworden sind, dessen Gesetzen sie nun unterworfen sind. Dieses System gegenseitiger Machtausübung ist, um es deutlich zu sagen, der vom Großkapital beherrschte Staat selbst.

Janet Biehl, Der Libertäre Kommunalismus, 1998

Aphorismus #921

Die Wahlphilosophie der Parlamentskandidaten besteht demnach einfach darin, daß sie ihrer linken Hand erlauben, nicht zu wissen, was ihre rechte Hand tut, und so waschen sie beide Hände in Unschuld. Ihre Hosentaschen zu öffnen, keine Fragen zu stellen und an die allgemeine Tugend der Menschheit zu glauben – das dient ihren Absichten am allerbesten.

Diese Einsicht über die wahren Gründe, warum sich das Kapital den Luxus von Parlamenten und Wahlen gönnt, hatte Karl Marx bereits 1859. Es erübrigt sich die Frage, ob sich daran etwas geändert hat. Politiker haben nun mal höchstens ein virtuelles Gewissen. Mehr können sie sich nicht leisten.

Aphorismus #801

Wort zum Sonntag #64

Mäßigt euch!

1. Mäßigt euch ihr Christen!

Temperentia [1], die Mäßigung war eine der vier Kardinaltugenden, mit denen schon griechische Philosophen ihre Zeitgenossen beglückten, und die dann vom leib- und genussfeindlichen Christentum dankbar aufgenommen wurde, nicht zum Zwecke, „bessere Menschen“ zu machen, wie behauptet, sondern um die am ständigen Verbessern Scheiternden vollständig kontrollieren zu können. Und so lange solche Mäßigung gar nicht oder nur am Aschermittwoch von ihnen gefordert wurde, ließen auch die christkatholischen Fürsten und Kaiser des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation die Kirche gerne gewähren. [2] War im klassischen Katholizismus die Erfüllung der Kardinaltugenden in Form eines strengen asketischen Christentums weitgehende den Mönchen und Nönnchen vorbehalten, so haben Luther und die anderen Reformatoren solch elitäres Christsein quasi demokratisiert. Die Kardinaltugenden, die evangelischen Räte, das Lesen der Bibel, und alles andere besonders Heilige, gehörte für den Ex-Augustiner Luther zu den Obliegenheiten aller Gläubigen, war also nicht mehr delegierbar an das hässliche Entchen der Familie, das für alle ins Kloster geschickt wurde und dort stellvertretend für die ganze Sippe betete, fastete und büßte. Das war vorbei. Jetzt musste jeder selber ran. SO hatten sich die allerwenigsten ihre neue „evangelische Freiheit“ nicht vorgestellt. Luthers Lösung für die Unerfüllbarkeit dieser Totalaskese war seine Lehre von Gesetz und Evangelium und dem Glauben an die Gnade Gottes, seiner aus Paulus heraus gelesenen Rechtfertigungslehre. Damit seine Schäflein so richtig der göttlichen Gnade bedürftig wurden, verlegte er sich auf Bußpredigten und trennte in seiner Zwei-Reiche-Lehre das Reich Gottes vom Reich der Welt, die persönliche Heiligung vom öffentlichen Leben. Irgendwie wusste er noch aus seiner eigenen Mönchszeit, dass das nicht so klappt mit der Askese. Da war seine „Lösung“, die er in der Reduktion auf den Glauben des Einzelnen fand, eine prima Sache. Calvin und seine Epigonen dagegen sahen das ganz anders. Sie wollten echte Askese für alle, nicht nur geglaubte! Sie redeten der äußeren Gemeindezucht das Wort, sie wollten die auch nach außen sichtbare Heiligung der Schäflein, sie regierten gerne selbst mit eiserner Hand und wussten in nervtötender Arroganz besser als alle anderen, wie ein christliches und tugendhaftes Leben auszusehen habe. Aus katholischer Askese für eine Minderheit besonders frommer Mönche wurde ein asketischer Puritanismus für alle. Dabei war diesen ganzen verklemmten Frommen eines gemein: Schuld an allem Übel in der Welt ist die Sünde. Darum muss die Sünde eingedämmt werden. Und der beste Weg dazu ist Mäßigung, Teperentia, Temperenz.
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[1] Mehr zu den einzelnen Begriffen findet sich in der Wikipedia. Für die Links dazu habe ich mir diesmal Mäßigung, ein Link-Fasten auferlegt. 😉
[2] Ein schöner Nachzügler obrigkeitlicher Temperenz-Forderung war das „Maß Halten“ Ludwig Erhards.

Aphorismus #658

Politik kann man in diesem Lande definieren als die Durchsetzung wirtschaftlicher Zwecke mit Hilfe der Gesetzgebung.

Dabei kannte Tucholsky unsere schwarz-gelbe Regierung noch gar nicht, als er 1919 diesen Satz schrieb.
aus: Wir Negativen“, in „Die Weltbühne“, 13. März 1919, Nr. 12, S. 279