Aphorismus #998

Wort zum Sonntag #93

Warum ich kein Christ bin – Teil VIII

Teil I: Die Bibel, ein orientalisches Märchenbuch

Teil II: Erbsünde – Gott, was sind wir alle schlecht!

Teil III: Gnade dir Gott! Die selbst ernannte Religion der Liebe kennt keine Gnade, keine Liebe, keine Menschlichkeit

Teil IV: Christlicher Verfolgungswahn – Ketzer, wohin man blickt!

Teil V: Der größte Feind der Vernunft ist das Christentum (und die anderen Religionen)

Teil VI: Das Weib schweige in der Gemeinde. Und nicht nur dort!

Teil VII: Von wegen „lieber Gott“

8. Jesus von Nazareth – eine Erfolgsgeschichte?

Ob jemand Erfolg mit dem hatte, was er wollte, was er sagte und was er tat, sieht man so richtig erst nach seinem Ableben. Bei Jesus von Nazareth ist das nicht anders. Allerdings klaffen zwischen dem, was die Kirchen als seinen und ihren Erfolg verbuchen, und dem, was Jesus tatsächlich erreichen wollte, riesige Lücken. So wie durch die vorgebliche Auferstehung die Hinrichtung und damit das Scheitern des Nazareners seitens seiner Anhänger zu einem Sieg umgedeutet wurde, so machten sie es im Laufe der Jahrhunderte mit fast allem, was der galiläische Wanderprediger Jesus tatsächlich erreichen wollte. Wer es schafft die Hinrichtung eines religiösen Aufrührers mit wirrer apokalyptischer Botschaft dank Auferstehungsgeschichte als Erfolg umzudeuten, der hat keine Hemmungen nahezu jedes Wort umzudrehen, bis es in den eigenen ideologischen und politischen Intentionen dienlich ist.  Hier möchte ich an ein paar Beispielen jenseits christlicher Tradition und gläubiger Schönfärberei das aufzeigen, was Jesus anstrebte und predigte und was dem tatsächlich folgte. Getreu dem Motto: Jesus verkündete das Reich Gottes, gekommen ist die Kirche. (Alfred Loisy) Ich stelle dazu Zitate aus dem Neuen Testament, die von Jesus stammten oder ihm in den Mund gelegt wurden, dem gegenüber, was sich daraus entwickelte.

Aphorismus #996

Wort zum Sonntag #92

Christentum als Altertum

Wenn wir eines Sonntag Morgens die alten Glocken brummen hören, da fragen wir uns: ist es nur möglich! dies gilt einem vor zwei Jahrtausenden gekreuzigten Juden, welcher sagte, er sei Gottes Sohn. Der Beweis für eine solche Behauptung fehlt. — Sicherlich ist innerhalb unserer Zeiten die christliche Religion ein aus ferner Vorzeit hereinragendes Altertum, und dass man jene Behauptung glaubt, — während man sonst so streng in der Prüfung von Ansprüchen ist —, ist vielleicht das älteste Stück dieses Erbes. Ein Gott, der mit einem sterblichen Weibe Kinder erzeugt; ein Weiser, der auffordert, nicht mehr zu arbeiten, nicht mehr Gericht zu halten, aber auf die Zeichen des bevorstehenden Weltunterganges zu achten; eine Gerechtigkeit, die den Unschuldigen als stellvertretendes Opfer annimmt; Jemand, der seine jünger sein Blut trinken heißt; Gebete um Wundereingriffe; Sünden an einem Gott verübt, durch einen Gott gebüßt; Furcht vor einem jenseits, zu welchem der Tod die Pforte ist; die Gestalt des Kreuzes als Symbol inmitten einer Zeit, welche die Bestimmung und die Schmach des Kreuzes nicht mehr kennt, — wie schauerlich weht uns dies Alles, wie aus dem Grabe uralter Vergangenheit, an! Sollte man glauben, dass so Etwas noch geglaubt wird?

Friedrich Wilhelm Nietzsche (1844 – 1900), Menschliches, Allzumenschliches I – Ein Buch für freie Geister (1878)

Aphorismus #910

Die Frage muss erlaubt sein, ob damit nicht das Gastrecht, das wir Ausländerinnen und Ausländern gerne gewähren, überstrapaziert wird, wenn nämlich jahrhundertealte deutsche Traditionen wie das Kreuz in Schulzimmern angegriffen werden.

Mit diesen vom wahren Geist der Liberalitas Bavariae durchdrungenen Worten bezieht der Schulbürgermeister der Stadt Regensburg Gerhard Weber Stellung zum Wunsch eines Vaters, im Klassenzimmer seines Sohn das dort befindliche Kruzifix abzuhängen. Das nenne ich wahrhafte Toleranz!
Übrigens: der Mann ist weder Moslem noch evangelisch, sondern einfach Atheist. Er stammt auch nicht aus der Türkei, oder Gott bewahre gar aus Pakistan oder Ghana, sondern ist Brite. Er bezieht auch nicht Hartz IV, oder lebt vom Kindergeld des deutschen Staates, sondern ist habilitierter Physiker an der Universität Regensburg. – Wer wird es ihm verdenken, dass er sich bei nächster Gelegenheit an eine andere Uni berufen lässt…

Wenn Tradition, dann aber richtig! Die älteste Kreuzesdarstellung überhaupt (zwischen 200 und 250 n.d.Z.) stammt nicht aus christlicher Hand, sondern ist ein antikes Graffiti und zeigt einen eselsköpfigen Gekreuzigten mit dem Text „Alamenos betet seinen Gott an“. Wer allerdings DIESER  Tradition anhängt, riskiert eine Anzeige nach § 166 StGB „Beschimpfung von Bekenntnissen, Religionsgesellschaften und Weltanschauungsvereinigungen“. Freiheit ist eben immer die Freiheit der gleich Denkenden. Das ist die deutscheste aller Tradition.

Aphorismus #773

Wort zum Sonntag #60

Warum ich kein Christ bin – Teil V

Teil I: Die Bibel, ein orientalisches Märchenbuch

Teil II: Erbsünde – Gott, was sind wir alle schlecht!

Teil III: Gnade dir Gott! Die selbst ernannte Religion der Liebe kennt keine Gnade, keine Liebe, keine Menschlichkeit

Teil IV: Christlicher Verfolgungswahn – Ketzer, wohin man blickt!

Tei VI: Das Weib schweige in der Gemeinde. Und nicht nur dort!

Teil VII: Von wegen „lieber Gott“

5. Der größte Feind der Vernunft ist das Christentum (und die anderen Religionen)

5.1. Am Anfang war das Wort? Von wegen!

Das Wort, der Logos am Anfang? Vor allem anderen? Nichts weniger als das will das Johannesevangelium seinen Lesern weismachen:

Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und Gott war das Wort. Dasselbe war im Anfang bei Gott. Alle Dinge sind durch dasselbe gemacht, und ohne dasselbe ist nichts gemacht, was gemacht ist.  In ihm war das Leben, und das Leben war das Licht der Menschen. Und das Licht scheint in der Finsternis, und die Finsternis hat’s nicht ergriffen. Johannes 1, 1- 5

Was da der unbekannte Verfasser Ende des 1. Jhd. n.d.Z. (nicht nur) am Anfang seines Evangeliums treibt ist Etikettenschwindel. Es ist die schamlose Usurpation des philosophischen Begriffs logos von einem, der von logos, von Logik, von Vernunft und Philosophie außer ein paar aufgeklaubten Brocken keinen Dunst hatte. Seitdem sind christliche Theologen immer wieder so verfahren: Man höre auf den Zeitgeist, nehme bestimmte Stichwörter auf, deute sie im eigenen Sinn um und schon kann man behaupten, dass Gott/ Jesus/ die Kirche die eigentliche „Erfüllung“ des menschlichen Fragens sei. Solches geschah z.B. auch bei Begriffen wie Freiheit, Gerechtigkeit, Frieden, Sinn… Und was 2000 Jahren funktionierte wird auch heute noch gerne umgesetzt.
Am Anfang war auch nicht die Tat, wie es Goethe seinem Alter Ego Faust in den Mund legte, am Anfang des Christentums wie jeder Religion steht der Mythos. Was sonst. Am Anfang jedes Glaubenssystems steht ein Gründungs-, Erwählungs- oder Schöpfungsmythos. Der älteste uns überlieferte religiöse Mythos findet sich im Gilgamesch-Epos, das dabei in seiner Weise den Menschen als „noch nicht festgestelltes Tier“ (Nietzsche) sieht. In der hebräischen Bibel, dem Tenach ist der Gründungsmythos nicht eine der beiden Schöpfungsgeschichten- die sind weit später entstanden!-, sondern die „wundersame“ Errettung der Hebräer vor den Ägyptern durch Jahwe am Schilfmeer (2. Mose 14). Aus diesem Mythos leitet sich die besondere Beziehung Israels zu Jahwe als „erwähltes“ Volk und die Jahwes zu „seinem“ Volk als Gesetzgeber, König, Richter und Retter ab. Je mehr jedoch Israel in seiner Geschichte mit anderen Völkern in Kontakt kam, je mehr es auf der Bühne der Weltgeschichte auftauchte, und es mehr und mehr andere Götter und Religionen kennen lernte, desto exklusiver wurde Jahwes Anspruch: So lange bis aus dem Wüstengott eines kleinen nomadischen Clans der Schöpfer des Himmels und der Erde wurde. Was für eine Karriere! Israel hatte in den vielen Krisen seiner Geschichte ganz gewaltig damit zu kämpfen, dass die Welt und ihre Geschicke sich so ganz anders verhielten als es die Schriften des Moses und der Propheten (vorher)-sagten. Die Lösung war in den seltensten Fällen jedoch eine echte Auseinandersetzung und Diskussion auf (religions-)philosophischer Ebene, wie sie z.B, hinter dem Projekt der Septuaginta, der Übersetzung des Tenach ins Griechische, stand. Die immer wieder erfolgte „Lösung“  des Auseinanderklaffens von erlebter Realität und geglaubtem Mythos war die vollkommene Unterordnung ersterer unter den Mythos mit anschließender Neuinterpretation und Neubewertung. Am deutlichsten wird dies in der Apokalyptik wie z..B. im Buch Daniel: Da hängen die Geschicke nicht nur Israels, sondern der ganzen Menschheit am Handeln eines Erwählten, an seinem Glauben und seinem Festhalten an Jahwe. An diesem Punkt hat das Neue Testament weitergemacht und sich immer weiter vom alttestamentarischen Schilfmeer-Mythos entfernt, bis man schließlich Israel den Rang als Volk Gottes streitig machen konnte. An die Stelle des ursprünglichen Erwählungsmythos tritt spätestens mit Paulus „das Wort vom Kreuz“ (1. Kor 1, 18). Dieser neutestamentliche Erwählungs-Mythos zerfällt in drei Teile*:

  • Jesus tut Wunder und predigt das Reich Gottes
  • Jesus stirbt am Kreuz für die Sünden der Welt
  • Jesus wird von seinem Vater am dritten Tage auferweckt

Wer sich taufen lässt und bekennt: „Kyrios Jesus! – Jesus ist der Herr!“, der   partizipiert an diesem neuen Erwählungsmythos, der ist „gerettet“ und wird einst von den Toten auferstehen zum Heil. Es bedarf nicht wirklich viel Überlegung, um zu erkennen, dass dies ein Mythos ist und ganz bestimmt kein Logos, kein vernünftiges, diskutables und falsifizierbares Wort:

  • Das Reich Gottes haben vor Jesus, zu seiner Zeit und nach ihm unzählige andere gepredigt. Auch selbst ernannte Wundertäter gab es damals so viele, als dass man keinem von ihnen hätte  Glauben schenken müssen.
  • Dass Jesu ganz gewöhnlicher Tod am Kreuz- gewöhnlich für einen des Aufruhrs Bezichtigten!- etwas besonderes war, wird auch durch ständiges Wiederholen nicht wahrer. Es ist Interpretation, nicht Tatsache. Das Leben des Brian ist auch eine Interpretation der Evangelien, eine besonders gelungene zudem. Vielleicht enthält der Film ja mehr „Wahrheit“ als die zahllosen Auslegungen aller Theologen zusammen.
  • Auch die Auferstehung ist nur Behauptung. Sie ist ohne Belege außerhalb der Reihen der Gläubigen, die eine Begegnung mit Jesus behaupteten. Und deren Geschichten sind alles andere als konsistent und glaubhaft. Wer glaubt taugt wenig als unvoreingenommener Zeuge für das von ihm Geglaubte…

Ich weiß, dass sich Gläubige durch Fakten und Zweifel nicht wirklich beeindrucken lassen. Nebbich. Wenn jedoch wie seit Johannes üblich der Mythos, die Widervernunft eines sterbenden Gottessohnes zum Logos, zur wahren Vernunft, zum Maß aller Dinge in allen Lebensbereichen erhoben wird, dann wird eine lächerliche Legende zu einem Gift, das nach 2000 Jahren Christentum noch immer seine verheerende Wirkung zeigt. Nicht Wissenschaft und Gesellschaft, nicht Moral und Politik haben sich dem Gründungsmythos irgendeiner Religion unterzuordnen sondern umgekehrt. Wenn es Christentum, Islam & Co. nicht passt, dass wir in einer säkularen Gesellschaft leben, dann muss ich mit dem alten Spruch meiner Eltern nach ergebnisloser politischer Diskussion antworten: „Geht doch rüber, wenn’s euch nicht passt!“ O.K. früher war das einfacher, da musste man nur in die DDR…
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* Der vierte Teil des Mythos, die „Menschwerdung Gottes“, wie sie die Weihnachtsgeschichten andeuten, kommt erst später dazu. in der Auseinandersetzung mit der Apotheose der römischen Kaiser.

Aphorismus #738

Wort zum Sonntag #55

Warum ich kein Christ bin – Teil II

Teil I: Die Bibel, ein orientalisches Märchenbuch

Teil III: Gnade dir Gott!
Die selbst ernannte Religion der Liebe kennt keine Gnade, keine Liebe, keine Menschlichkeit

Teil IV. Christlicher Verfolgungswahn – Ketzer, wohin man blickt!

Teil V: Der größte Feind der Vernunft ist das Christentum (und die anderen Religionen)

Teil VI: Das Weib schweige in der Gemeinde. Und nicht nur dort!

Teil VII: Von wegen „lieber Gott“

2. Erbsünde – Gott, was sind wir alle schlecht!

2.1. Paulus- Selbst- und Menschenhass aus Prinzip

Irgendwer muss dem kleinen Paulus ständig vorgesagt haben, was für ein schlechter und gottloser Kerl er sei, so dass er sich später nicht anders zu helfen wusste, als ALLEN Menschen denselben Defekt zu unterstellen. Selbst- und daraus resultierender allgemeiner Menschenhass scheint mir bei ihm der Antrieb seines Denkens und Missionierens zu sein, ganz bestimmt nicht ein Auftrag und eine Offenbarungen vom „Herrn“, wie er behauptet. Sein wichtigstes Werk- wichtig, weil er hier seine Theologie zusammenfasst- ist der Römerbrief. Und der spricht Bände. Nicht über Gott und Welt, sondern über die verquere Gedankengebäude des Misanthropen Paulus.
In einem wahren Parforce-Ritt durch die Psalmen, klaubt er in Römer 3, 9-18 alles zusammen, was in sein düsteres Menschenbild passt:

9 Was sagen wir denn nun? Haben wir Juden einen Vorzug? Gar keinen. Denn wir haben soeben bewiesen, dass alle, Juden wie Griechen, unter der Sünde sind, 10 wie geschrieben steht: »Da ist keiner, der gerecht ist, auch nicht einer. 11 Da ist keiner, der verständig ist; da ist keiner, der nach Gott fragt. 12 Sie sind alle abgewichen und allesamt verdorben. Da ist keiner, der Gutes tut, auch nicht einer (Psalm 14,1-3). 13 Ihr Rachen ist ein offenes Grab; mit ihren Zungen betrügen sie (Psalm 5,10), Otterngift ist unter ihren Lippen (Psalm 140,4); 14 ihr Mund ist voll Fluch und Bitterkeit (Psalm 10,7). 15 Ihre Füße eilen, Blut zu vergießen; 16 auf ihren Wegen ist lauter Schaden und Jammer, 17 und den Weg des Friedens kennen sie nicht (Jesaja 59,7-8). 18 Es ist keine Gottesfurcht bei ihnen (Psalm 36,2).«

Was ist das denn? Wahllos ein paar Psalmen-Halb- oder Viertel-Verse ohne Erklärung, ohne Rücksicht auf den Zusammenhang aneinanderpappen? Das hat so viel Beweiskraft wie die Bibelauslegungen der Zeugen Jehovas. Kein Mensch kann da folgen, kann nachfragen, kann mitdenken. Und das soll er auch gar nicht.. Paulus haut dem Leser seine „Wahrheit“ wie ein nasses Handtuch um die Ohren. Es geht ihm mehr um Wirkung als um Argumentation. Letztere ist nur Mittel zum Zweck. Leider. Denn das ist noch heute so bei seinen Nachfolgern, den Erweckungspredigern, Evangelisten, Missionaren und Hauskreisleitern. Mit derselben Methode könnte man, böse gesprochen, das Telefonbuch von Tokio nehmen, und die Relativitätstheorie herauslesen. Man muss nur eklektizistisch vorgehen wie Herr P. und dann das ganze noch etwas drehen, ziehen und strecken solange bis es passt. Genau so gewinnt Paulus seine „Erkenntnis“ über die unumstößliche, absolute Sündhaftigkeit des Menschen. Er hat sie nicht aus dem AT, sondern er hat sie ganz einfach hineingelesen. Eisegese in Reinkultur. Das Ergebnis stand von Anfang an fest.
Der Mensch ist Sünder. Und sonst nichts. Basta! Diese unduldsame, ja arrogante Art des Paulus ist schon seinen Zeitgenossen auf die Nerven gegangen. Darum thematisiert er dies im 2. Korintherbrief. Da lässt er sich seitenweise über das „Rühmen“ und über seinen persönlichen Auftrag von Jesus aus. Langweilig. Nervig. Selbstverliebt. Denn gerade dadurch, dass er betont, dass ALLE Sünder sind, und sich immer brav und demütig verbal mit einschließt, hebt er sich über alle anderen, denn er WEISS es, er hat’s gefunden, ihn hat Gott beauftragt, den Menschen diese „frohe“ Kunde zu bringen. Im 2. Korintherbrief lässt er sich ausgiebig darüber aus. Ein besonderer „Höhepunkt“ ist die Abrechnung mit seinen echten oder vermeintlichen Gegnern mit anschließendem ganz bescheidenen Eigenlob in 2. Kor 11, 22-31:

22 Sie sind Hebräer – ich auch! Sie sind Israeliten – ich auch! Sie sind Abrahams Kinder – ich auch! 23 Sie sind Diener Christi – ich rede töricht: ich bin’s weit mehr! Ich habe mehr gearbeitet, ich bin öfter gefangen gewesen, ich habe mehr Schläge erlitten, ich bin oft in Todesnöten gewesen. 24 Von den Juden habe ich fünfmal erhalten vierzig Geißelhiebe weniger einen; 25 ich bin dreimal mit Stöcken geschlagen, einmal gesteinigt worden; dreimal habe ich Schiffbruch erlitten, einen Tag und eine Nacht trieb ich auf dem tiefen Meer. 26 Ich bin oft gereist, ich bin in Gefahr gewesen durch Flüsse, in Gefahr unter Räubern, in Gefahr unter Juden, in Gefahr unter Heiden, in Gefahr in Städten, in Gefahr in Wüsten, in Gefahr auf dem Meer, in Gefahr unter falschen Brüdern; 27 in Mühe und Arbeit, in viel Wachen, in Hunger und Durst, in viel Fasten, in Frost und Blöße; 28 und außer all dem noch das, was täglich auf mich einstürmt, und die Sorge für alle Gemeinden. 29 Wer ist schwach, und ich werde nicht schwach? Wer wird zu Fall gebracht, und ich brenne nicht? 30 Wenn ich mich denn rühmen soll, will ich mich meiner Schwachheit rühmen. 31 Gott, der Vater des Herrn Jesus, der gelobt sei in Ewigkeit, weiß, dass ich nicht lüge.

Wie „bescheiden“ das doch ist: Er ist schwach, verfolgt, herumgestoßen. Könnte man fast Mitleid mit ihm haben, wenn nicht gleichzeitig sein Ego bis zum Himmel reichen würde: Ich habe MEHR gearbeitet als sie alle! Paulus ist wirklich kein Typ, mit dem man gerne einen Diskussion führt. Er war wohl eher von jener Sorte, wie sie heute bei Anne Will oder Frank Plasberg sitzen, ständig anderen ins Wort fallen, keinen Millimeter von ihrem Standpunkt abrücken und ganz groß auf ihrer Stirn geschrieben haben: „ICH HABE RECHT!“ Nur geht ein Paulus den entscheidenden Schritt weiter. Auf seiner Stirn steht: „ICH HABE RECHT, weil es in der BIBEL steht, weil es GOTT mir selbst gesagt hat, weil ich IM AUFTRAG DES ALLMÄCHTIGEN rede und handle.“ Damals wie heute, sollte man die Füße in die Hände nehmen und weit weglaufen von solchen „Menschenfischern“. Es geht ihnen nicht um Gott, es geht ihnen nicht um ihre Schäflein, es geht ihnen einzig um ihr eigenes schwaches Ego, das sie aufblähen durch die Menge derer, die ihnen folgen. Ich hatte das Vergnügen solches zu erleben….

Aphorismus #514

Wort zum Sonntag #23

Das Wort zum Sonntag diesmal nicht von mir, sondern von einem Philosophen, der bestimmt nicht zu meinen Favoriten zählt, jedoch seine Kirchen- und Religionskritik ist oft sehr zutreffend und kommt in bildgewaltiger Sprache. Wie ich finde: ein Sonntags-Braten ganz eigener Art. Viel Vergnügen!

Von den Priestern

Und einstmals gab Zarathustra seinen Jüngern ein Zeichen und sprach diese Worte zu ihnen:

»Hier sind Priester: und wenn es auch meine Feinde sind, geht mir still an ihnen vorüber und mit schlafendem Schwerte!
Auch unter ihnen sind Helden; Viele von ihnen litten zuviel -: so wollen sie Andre leiden machen.
Böse Feinde sind sie: Nichts ist rachsüchtiger als ihre Demuth. Und leicht besudelt sich Der, welcher sie angreift.
Aber mein Blut ist mit dem ihren verwandt; und ich will mein Blut auch noch in dem ihren geehrt wissen.« –
Und als sie vorüber gegangen waren, fiel Zarathustra der Schmerz an; und nicht lange hatte er mit seinem Schmerze gerungen, da hub er also an zu reden:
Es jammert mich dieser Priester. Sie gehen mir auch wider den Geschmack; aber das ist mir das Geringste, seit ich unter Menschen bin.
Aber ich leide und litt mit ihnen: Gefangene sind es mir und Abgezeichnete. Der, welchen sie Erlöser nennen, schlug sie in Banden: –
In Banden falscher Werthe und Wahn-Worte! Ach dass Einer sie noch von ihrem Erlöser erlöste!
Auf einem Eilande glaubten sie einst zu landen, als das Meer sie herumriss; aber siehe, es war ein schlafendes Ungeheuer!
Falsche Werthe und Wahn-Worte: das sind die schlimmsten Ungeheuer für Sterbliche, – lange schläft und wartet in ihnen das Verhängniss.
Aber endlich kommt es und wacht und frisst und schlingt, was auf ihm sich Hütten baute.
Oh seht mir doch diese Hütten an, die sich diese Priester bauten! Kirchen heissen sie ihre süssduftenden Höhlen.
Oh über diess verfälschte Licht, diese versumpfte Luft! Hier, wo die Seele zu ihrer Höhe hinauf – nicht fliegen darf!
Sondern also gebietet ihr Glaube: »auf den Knien die Treppe hinan, ihr Sünder!«
Wahrlich, lieber sehe ich noch den Schamlosen, als die verrenkten Augen ihrer Scham und Andacht!
Wer schuf sich solche Höhlen und Buss-Treppen? Waren es nicht Solche, die sich verbergen wollten und sich vor dem reinen Himmel schämten?
Und erst wenn der reine Himmel wieder durch zerbrochne Decken blickt, und hinab auf Gras und rothen Mohn an zerbrochnen Mauern, – will ich den Stätten dieses Gottes wieder mein Herz zuwenden.
Sie nannten Gott, was ihnen widersprach und wehe that: und wahrlich, es war viel Helden-Art in ihrer Anbetung!
Und nicht anders wussten sie ihren Gott zu lieben, als indem sie den Menschen an’s Kreuz schlugen!
Als Leichname gedachten sie zu leben, schwarz schlugen sie ihren Leichnam aus; auch aus ihren Reden rieche ich noch die üble Würze von Todtenkammern.
Und wer ihnen nahe lebt, der lebt schwarzen Teichen nahe, aus denen heraus die Unke ihr Lied mit süssem Tiefsinne singt.
Bessere Lieder müssten sie mir singen, dass ich an ihren Erlöser glauben lerne: erlöster müssten mir seine jünger aussehen!
Nackt möchte ich sie sehn: denn allein die Schönheit sollte Busse predigen. Aber wen überredet wohl diese vermummte Trübsal!
Wahrlich, ihre Erlöser selber kamen nicht aus der Freiheit und der Freiheit siebentem Himmel! Wahrlich, sie selber wandelten niemals auf den Teppichen der Erkenntniss!
Aus Lücken bestand der Geist dieser Erlöser; aber in jede Lücke hatten sie ihren Wahn gestellt, ihren Lückenbüsser, den sie Gott nannten.
In ihrem Mitleiden war ihr Geist ertrunken, und wenn sie schwollen und überschwollen von Mitleiden, schwamm immer obenauf eine grosse Thorheit.
Eifrig trieben sie und mit Geschrei ihre Heerde über ihren Steg: wie als ob es zur Zukunft nur Einen Steg gäbe! Wahrlich, auch diese Hirten gehörten noch zu den Schafen!
Kleine Geister und umfängliche Seelen hatten diese Hirten: aber, meine Brüder, was für kleine Länder waren bisher auch die umfänglichsten Seelen!
Blutzeichen schrieben sie auf den Weg, den sie giengen, und ihre Thorheit lehrte, dass man mit Blut die Wahrheit beweise.
Aber Blut ist der schlechteste Zeuge der Wahrheit; Blut vergiftet die reinste Lehre noch zu Wahn und Hass der Herzen.
Und wenn Einer durch’s Feuer geht für seine Lehre, – was beweist diess! Mehr ist’s wahrlich, dass aus eignem Brande die eigne Lehre kommt!
Schwüles Herz und kalter Kopf: wo diess zusammentrifft, da entsteht der Brausewind, der »Erlöser«.
Grössere gab es wahrlich und Höher-Geborene, als Die, welche das Volk Erlöser nennt, diese hinreissenden Brausewinde!
Und noch von Grösseren, als alle Erlöser waren, müsst ihr, meine Brüder, erlöst werden, wollt ihr zur Freiheit den Weg finden!
Niemals noch gab es einen Übermenschen. Nackt sah ich Beide, den grössten und den kleinsten Menschen: –
Allzuähnlich sind sie noch einander. Wahrlich, auch den Grössten fand ich – allzumenschlich!

Friedrich Nietzsche (1844 – 1900), Also sprach Zarathustra

Aphorismus #507

Wort zum Sonntag #22

Bekifft ohne Drogen!

Und als Paulus die Hände auf sie legte, kam der Heilige Geist auf sie und sie redeten in Zungen und weissagten.

Apostelgeschichte 19,6

Wahnsinn, oder? Wenn in Wacken oder in Roskilde die Leute so drauf sind, heißt es sofort: „Was haben die genommen?“ „Hilfe! Polizei!“ oder: „DAS möchte ich auch haben!“ Nun bekanntermaßen hat jede Droge ihren Preis- und damit meine ich nicht den beim Dealer. Der Preis bei exzessivem Alkoholkonsum ist körperlicher und psychischer Verfall, sozialer Abstieg und irgendwann die völlige Depravation. Der Preis für den übermäßigen Konsum von Halluzinogenen- angefangen bei magic mushrooms bis hin zum LSD- ist die stetige Gefahr, dass man eines Tages in seinem Trip hängen bleibt. Der Preis für die „Taufe mit dem Hl. Geist“, für ekstatisches Zungenreden, für das komplette „Außer-Sich-Sein“ ist die Komplettaufgabe des eigenen Verstandes udn damit verbunden die Auslieferung seiner selbst an den charismatischen Prediger. Wer am Sonntag wie wild durch die Gegend hüpfen, Unverständliches vor sich hinstammeln  und so die himmlische Glückseligkeit hienieden erfahren will, der muss von Montag bis Samstag unter der Fuchtel eines rigiden Moral leben, muss eine Weltsicht teilen, die finsterstes Mittelalter ist. Im Gefolge von „Geistestaufe“ [1], verzückter „Zungenrede“, Ergriffensein vom Hl. Geist und anderen außergewöhnlichen „geistlichen“ Erlebnissen kommt dies so sicher wie das Amen im „erweckten“ Gottesdienst, nämlich andauernd, völlig überflüssig und absolut unpassend. Die als persönliche Befreiung erlebte „Geistestaufe“ und alles, was damit verbunden ist, wird als Einfallstor für den „Geist Gottes“ in das eigene unbedeutende Leben verkauft, ist jedoch nur das ganz irdische Eingangstor in ein bevormundetes, unselbständiges und gleichgeschaltetes Christenleben, das diese „erweckten“  Gemeinden besonders auszeichnet.

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[1] Ich mache mir diesmal nicht die Mühe, jeden Ausdruck aus dem „pneumatischen“ Universum (pneuma gr. für Hauch, Luft, Geist) zu erklären, denn es ist nur pneuma: Luft, heiße zumeist.