Aphorismus #1022

Niemals in meinen ganzen Leben werde ich akzeptieren, dass jemand mich ‚Der Jude Tenenbom‘ oder einen ‚jüdischen Hysteriker‘ nennt.

Was ist das für ein Land, in dem man jemanden ‚Der Jude Tenenbom‘ oder einen ‚jüdischen Hysteriker‘ nennen kann, ohne dass dies der Öffentlichkeit auffällt?

Hier zeigt sich, wie tief Antisemitismus in der deutschen Gesellschaft verwurzelt ist: Derart tief, dass man nicht einmal wahrnimmt, dass etwas antisemitisch ist.

Tuvia Tenenbom, New Yorker Autor, der in einem Teil unserer Mainstream-Medien genau so tituliert wird, und deren Vertreter sich beharrlich weigern, den darunter liegenden tief verwurzelten Antisemitismus auch nur im Ansatz als solchen zu erkennen.
Ein Fall, der bezeichnenderweise KEINEN Skandal ausgelöst hat.

Wie? Das ist KEIN Antisemitismus? Vielleicht kann ich ja damit etwas auf die Sprünge helfen (was ich aber kaum zu hoffen wage):

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Ich habe nichts gegen Juden, aber ….

Warum 70 Jahre nach der Reichspogromnacht Antisemitismus noch immer ein Thema in Deutschland ist

9/11/08 steht vor der Tür: ein Datum der deutschen Geschichte wird gebührend begangen und mit Dokumentationen im Fernsehen, Beiträgen in den Feuilletons und Neuerscheinungen auf dem Buchmarkt abgearbeitet, abgehakt und erledigt: die von den Nazis euphemistisch Reichskristallnacht genannte Nacht des von staatlicher Seite verordneten und organisierten großen Pogroms. Unglücklicherweise fällt dieses Datum seit 1989 zusammen mit dem des Falls der Mauer, will heißen dem Anfang vom Ende der DDR und dem Beginn eines neuen Deutschland. Da liegt es natürlich nahe, letzteres lieber zu feiern als an die große Schande der Deutschen zu erinnern.

Nicht nur, aber auch deswegen hier ein paar persönliche Gedanken mit ein paar Abstechern in die Welt der Politik und der Medien.

Aufgewachsen in den 60ern und frühen 70ern gab es in meiner Familie und im Verwandtenkreis wie in den meisten deutschen Häusern keinen Antisemitismus mehr. Zumindest keinen offenen. Es gehörte sich einfach nicht, gegen die Juden etwas zu sagen. Das hatten die Deutschen nach dem verlorenen Krieg kapiert, offiziell wenigstens. Aber irgendwie war das schon eine seltsame Angelegenheit mit „den Juden“: sechs Millionen hatten die Nazis umgebracht. „Die Nazis waren das. Sie allein! Aber doch nicht der geliebte Opa? Nein, die eigenen Eltern oder Großeltern waren daran bestimmt nicht beteiligt! Sie hatten ja auch gar nichts davon gewusst. Gar nichts wissen können! Die Täter, das waren alles nur die Zweihundertprozentigen, die echten Nazis, die aus freien Stücken in der Partei waren. Und nicht weil sie es mussten!“ – So ungefähr sah der Konsens aus, mit dem sich das Deutschland der Adenauer-Ära selbst einen kollektiven Persilschein ausgestellt hatte! Damit meinte man, alle braunen Flecken auf der eigenen ansonsten blütenweißen Weste raus gewaschen zu haben.

Antisemitismus war also kein Thema. Gab es nicht. Nicht mehr! Wo kämen wir denn da hin. Aber gleichzeitig hieß es bei jedem Datum, das an diese Zeit erinnerte: jetzt muss endlich Schluss sein mit der Wiedergutmachung und dem Erinnern! „Wir Deutschen haben für den WK II schon genügend gebüßt! Die anderen haben auch Kriegsverbrechen begange!“

Nicht der offene, primitive Judenhass der Nazizeit, sondern ein latenter, unterschwelliger Antisemitismus gehört in meiner Jugend dazu. Man merkte es gar nicht. Wie auch? Es war schlicht normal, alltäglich, niemand dachte sich etwas dabei:

  • Eine besonders große Nase nannte man beispielsweise „Synagogenschlüssel“- auf kindliches Nachfragen hieß es lapidar: „Juden haben große Nasen!“.
  • Kleine Kracher waren „Judenfürze“, einen anderen Namen gab es dafür nicht, auch wenn man sie im Tante-Emma-Laden kaufte.
  • Wenn jemand geizig war nannte man ihn „Itzig“. Ja ist klar warum. Weiß doch jeder: Juden sind geizig und geben nichts her!
  • Wer es besonders eilig hatte, bekam todsicher zu hören: „Nur keine jüdische Hast!“ Warum die ausgerechnet jüdisch sein sollte? Im Gegensatz zu uns Deutschen? Wo wir doch vor Ruhe und Ausgeglichenheit nur so bersten!
  • Wenn eine Frau als Schlampe galt war sie eine „Sarah“.

Sprachlich hatte sich der nationalsozialistische Antisemitismus im Alltag hinein prächtig erhalten und dies ist leider bis heute so. Erziehung und Propaganda, HJ und BDM der Nazis hatten ganze Arbeit geleistet. Und die Inhalte waren auch nicht wegzukriegen. Kein Wunder, dass es in vertrauter Runde nach ein paar Bier hieß, die Gammler und protestierenden Studenten gehörten alle ins KZ. Und über die Juden wurde ein paar Schnäpse später verlautbart, dass Hitler schon recht hatte, aber er hätte es einfach nicht „übertreiben“ dürfen. Jetzt würden sie das gegen Deutschland ausnutzen, und „uns bluten lassen bis in alle Ewigkeit“. Und überhaupt einen „kleinen Hitler“ könne Deutschland ganz gut gebrauchen. Der würde aufräumen mit Gammlern, Drogensüchtigen, Zigeunern und all den anderen Asozialen, die uns nur auf der Tasche liegen. Da lernte ich schon bald: „Jetzt heißt es Fresse halten. Sonst kriegst du eins auf die Mütze.“

Und das war und ist beileibe keine Familie voller Nazis. Gewählt wurde christlich. Was denn sonst? Die Sozis waren ja alles Kommunisten. Und Kommunismus war das Allerschlimmste auf Erden. Dagegen waren die Nazis doch harmlos ….