Aphorismus #890

Nicht ihre Menschenliebe, sondern die Ohnmacht ihrer Menschenliebe hindert die Christen von heute, uns – zu verbrennen.

Friedrich Nietzsche (1844 – 1900), Jenseits von Gut und Böse, Viertes Hauptstück: Sprüche und Zwischenspiele. #104

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Aphorismus #882

Our instinctive apparatus consists of two parts — the one tending to further our own life and that of our descendants, the other tending to thwart the lives of supposed rivals. The first includes the joy of life, and love, and art, which is psychologically an offshoot of love. The second includes competition, patriotism, and war. Conventional morality does everything to suppress the first and encourage the second.

Bertrand Russell (1872 – 1970), On the Value of Scepticism. Einleitung zu: Sceptical Essays, 1928

Aphorismus #871

Wort zum Sonntag #73

Warum ich kein Christ bin – Teil VII

Teil I: Die Bibel, ein orientalisches Märchenbuch

Teil II: Erbsünde – Gott, was sind wir alle schlecht!

Teil III: Gnade dir Gott! Die selbst ernannte Religion der Liebe kennt keine Gnade, keine Liebe, keine Menschlichkeit

Teil IV: Christlicher Verfolgungswahn – Ketzer, wohin man blickt!

Teil V: Der größte Feind der Vernunft ist das Christentum (und die anderen Religionen)

Teil VI: Das Weib schweige in der Gemeinde. Und nicht nur dort!

7. Von wegen „lieber Gott“

7. 1. Ein launischer Gott

Gott ist der liebende Vater, ein barmherziger, wohl gesonnener, gnädiger Gott, ein Vater, der seine Kinder liebt, ja der auf den einen verlorenen Sohn wartet, ein Arzt, ein guter Hirte, ein gütiger König, eine nährende Mutter usw. usf… Die Zahl der positiven Beschreibungen in der Bibel, im AT wie im NT, sind Legion. Aber das ist nur die halbe Wahrheit. Wäre das alles, wäre der Christen-Gott eine rundum sympathische Erscheinung.  Ist es aber nicht. Gott wird in der Bibel noch ganz anders beschrieben. Und das nicht nur an irgendwelchen zweitrangigen Stellen der Bibel, nicht nur im AT, sondern durchgängig in der ganzen Bibel:

Du sollst keinen andern Gott anbeten. Denn der HERR heißt ein Eiferer; ein eifriger Gott ist er.
2. Mose 34, 14

Denn der HERR, dein Gott, ist ein verzehrendes Feuer und ein eifriger Gott.
5. Mose 5, 24

Und der Zorn des HERRN ergrimmte abermals wider Israel und er reizte David wider sie.
2. Samuel 24, 1

Denn das ist der Tag der Rache des HERRN und das Jahr der Vergeltung, zu rächen Zion.
Jesaja 34, 8

Stehe auf, HERR, in deinem Zorn, erhebe dich über den Grimm meiner Feinde und wache auf zu mir, der du Gericht verordnet hast.
Psalm 7,7

Und will Rache üben mit Grimm und Zorn an allen Heiden, so nicht gehorchen wollen.
Micha 5, 14

Ihr Otterngezüchte, wer hat denn euch gewiesen, daß ihr dem künftigen Zorn entrinnen werdet?
Matthäus 3, 7

Wer an den Sohn glaubt, der hat das ewige Leben. Wer dem Sohn nicht glaubt, der wird das Leben nicht sehen, sondern der Zorn Gottes bleibt über ihm.
Johannes 3, 36

Denn Gottes Zorn vom Himmel wird offenbart über alles gottlose Wesen und Ungerechtigkeit der Menschen, die die Wahrheit in Ungerechtigkeit aufhalten.
Römer 1, 18

Rächet euch selber nicht, meine Liebsten, sondern gebet Raum dem Zorn Gottes; denn es steht geschrieben: Die Rache ist mein; ich will vergelten, spricht der HERR.
Römer 12,19

Gehet hin und gießet aus die Schalen des Zorns Gottes auf die Erde!
Offenbarung 16, 1

Das ist nur eine klitzekleine Auswahl, die eines deutlich macht: Zu allen Zeiten, in allen Teilen und in jeder Phase der beiden Bibel-Religionen gehört die Rede vom göttlichen Zorn, von seiner Rache, seiner Eifersucht, seiner Vergeltung usw unauflösbar mit den anderen positiv erscheinenden Eigenschaften Gottes dazu. Das ist auch, wenn man nur etwas darüber nachdenkt, nicht verwunderlich. In der Geschichte des Jahwe-Glaubens stand am Anfang seine Konkurrenz mit vielen anderen Stammesgöttern in Kanaan und den Religionen der umgebenden Hochkulturen. Zu Beginn wurde Jahwe eingeordnet in die Götterwelt nomadischer Clans, wenn es wiederholt heißt: „Ich Jahwe, bin DEIN Gott.“ (1. Mose 27, 20; 32, 10; 2. Mose 20, 2; Josua 1, 9; Richter 11, 24 …) da wird anfangs ganz selbstverständlich davon ausgegangen, dass es noch andere Stammesgötter gibt, und dass sich Jahwe im Kampf gegen sie behaupten muss. Die einen Götter werden assimiliert, z.B wie der Gott Abrahams, der Schrecken Isaaks, der Heilige Israels…, andere werden- vor allem später- von ihm besiegt wie Baal, Astarte, Marduk. Ist Jahwe also anfangs eine Gottheit unter vielen, so wird sein Anspruch nach und nach universaler, er richtet sich nicht bloß gegen andere Stammesgottheiten, sondern gegen alle Götter aller Religionen, bis schließlich deren Existenz rundum bestritten wird:

So spricht der HERR, der König Israels, und sein Erlöser, der HERR Zebaoth: Ich bin der Erste, und ich bin der Letzte, und außer mir ist kein Gott. Und wer ist mir gleich, der da rufe und verkündige und mir’s zurichte, der ich von der Welt her die Völker setze? Lasset sie ihnen das Künftige und was kommen soll, verkündigen. Fürchtet euch nicht und erschrecket nicht. Habe ich’s nicht vorlängst dich hören lassen und verkündigt? denn ihr seid meine Zeugen. Ist auch ein Gott außer mir? Es ist kein Hort, ich weiß ja keinen.
Jesaja 44, 6-8

Sowohl psychologisch als auch geschichtlich ist diese Entwicklung verständlich. Solange Israel noch kein geschlossenes Volk war, sondenr nur aus lose miteinander verbundenen Sippen bestand, solange also Dezentralismus auf allen Gebieten herrschte, war auch in Glaubensdingen so etwas wie religiöse Anarchie angesagt. Als später unter David und Samuel das Reich Israel entstand, brauchte es ein Zentralheiligtum- den Jerusalemer Tempel-, Jahwe bekam mehr und mehr die Eigenschaften eines Königs zugesprochen- zur Legitimation der von ihm „gesalbten“ Könige, zur Stärkung der Zentralmacht und als gemeinsames Band- ähnlich wie es Ägypten und die anderen Hochkulturen vorgemacht hatten. So war schließlich Jahwes Macht aufs engste mit der des Königshauses verbunden. Aber anders als Baal, Aton oder die anderen „heidnischen“ Götter ging Jahwe weder 722 v.d.Z. mit der Zerstörung des Nordreiches noch 598 v.d.Z. mit dem Babylonischen Exil unter. Im Gegenteil. Diese Daten markieren wichtige Reformen und Entwicklungen hin zum Monotheismus, an dessem Ende das oben zitierte Prophetenwort steht. Die Gottesbilder z.B. der kanaanäischen Nomaden, der Flüchtlinge aus Ägypten (wenn es sie je gegeben hat), der Schreiber am Königshof Davids, der kleinen und großen Unheilspropheten- sie wurden nicht abgelöst, gelöscht oder negiert, nein sie wurden mit ins monotheistische Gottesbild integriert. Und so kommt es, dass ein auf seine aus Lehm gebastelten Gechöpfe Adam und Eva wütender Hausgott (1. Mose 3) plötzlich mit universaler Macht ausgestattet ist und zum Schöpfer des Himmel und der Erde wird (1. Mose 1), dass ein Kriegsgott, der eine Handvoll Sklaven durchs Schilfmeer führt (2. Mose 14) zum Lenker aller Völker und der gesamten Weltgeschichte wird (Psalm 99, 1). Je schwächer, mickriger und gefährdeter Israel wurde, und je misslicher und gefährdeter die Lage der Jahwe-Verehrer wurde, desto mächtiger, gewaltiger und universaler wurde sich dieser Gott vorgestellt. Der sich dadurch ergebende Widerspruch wurde dem mangelnden Glauben der Gläubigen angelastet oder die Notlage als verdiente Strafe gesehen. Im NT wurde dieser Gedanke in letzter Konsequenz fortgeführt, in der Vorstellung vom Jüngsten Gericht, die es von den Evangelien bis zur Offenbarung durchzieht. Der Widerspruch zwischen einem liebenden Gott und einem, der sich rächt, der zornig ist und eifersüchtig, der nachträgt und kein Erbarmen kennt, dieser Widerspruch, findet seine „Lösung“ jedoch nicht in der Theologie, sondern in der Anthropologie: Wenn Gott dich hasst, dann hast du dir das selbst zuzuschreiben, basta!

Aphorismus #868

Er umarmt sie auch im edlen Wohlgefallen seiner Liebe,
Er grüßt sie mit seinen seligen Augen,
Wenn sich die Liebenden wahrhaft schauen.
Er durchküsst sie mit seinem göttlichen Munde,
Wohl dir, ja mehr als wohl, ob der überherrlichen Stunde!
Er liebt sie mit aller Macht auf dem Bett der Minne
Und sie kommt in die höchste Wonne
Und in das innigste Weh
Wird sie seiner recht inne.
Eia, Liebe, nun laß dich minnen,
Und wehre dich nicht mit finsteren Sinnen.

Dieses Beispiel schwülstiger Erotik stammt nicht aus einem Groschenroman, auch nicht aus einem überkandidelten romantischen Gedicht oder einem verunglückten Soft-Porno. Nein, dies ist ein Beispiel mittelalterlichen „Braut Christi Mystik“ und schildert die „mystische“ Vereinigung (unio mystica) der Braut Christi (= die Seele/ die Kirche/ vor allem aber die jungfräuliche Nonne) mit ihrem Bräutigam, dem lieben Herrn Jesus. Es sind Worte der Nonne Mechthild von Magdeburg (1207 – 1282).

Aphorismus #861

Liebe wird oft überbewertet

Liebe wird oft überbewertet
Liebe ist nicht so wichtig wie man denkt
Liebe ist nur ein Teilaspekt des Lebens
und die anderen Teile sind auch nicht schlecht
Überflüssige Liebeslieder falsch und schlecht und laut
Tun so als wär das Leben auf der Sehnsuchtsbasis aufgebaut
und das stimmt nicht das ist ganz falsch denn:
Liebe wird oft überbewertet
Liebe ist nicht so wichtig wie man denkt
Liebe ist nur ein Teilaspekt des Lebens
und die anderen Teile sind auch nicht schlecht
Überflüssige Liebesfilme
Handlung unwahrscheinlich familiengerecht
Jugendliche werden so darauf konditioniert
dass das Leben nur als Paarbindung funktioniert,
Überflüssige Werbefilme
Körpergebirgsergriffenheitssex
Partnervermittlung wird immer obszöner und fragt:
Wäre Fernsehen zu zweit nicht viel schöner?
Nein, Pfui Teufel
Liebe wird oft überbewertet
Liebe ist nicht so wichtig wie man denkt
Liebe ist nur ein Teilaspekt des Lebens
und die anderen Teile sind auch nicht schlecht
Liebe… Ist gar nicht wichtig
Liebe… Ist Baldrian fürs Volk
Liebe… ist eine Korkwand
aus Flokati
ist tautologisch
nämlich Liebe
Was soll das?

Christiane Rösinger / Lassie Singers

Aphorismus #843

Wort zum Sonntag #70

Die Liebesreligion als Religion der Gewalt

Die folgenden Abschnitte sind dem Buch „Jesus und Ödipus“ des Sozialpsychologen Gerhard Vinnai entnommen. Steht man manchmal fassungslos da, wenn mal wieder ein Fundi in den USA durchdreht und einen Koran verbrennen will- kann er gerne machen, wenn er auch die Bibel, die Veden, die Schriften des Dalai Lamas, die Hl. Schriften des Grünen Schleims von Onk und all den anderen religiösen Müll obendrauf schichtet-, oder wenn ein katholischer Würdenträger ein scheinheiliges Doppelleben führt, wenn Priester aller Konfessionen in zahllosen Bürgerkriegen zum Völkermord aufrufen, wenn die kleinen und großen Päpste in ihren Gemeinden und Kirchen für Zucht Ordnung sorgen und also alle ausschließen, die nicht ihrer Meinung sind- ist man angesichts dessen manchmal fassungslos, wie wenig dies mit dem wohlfeilen Geseier von der christlichen Nächsten-, ja Feindesliebe zu tun hat, so wird in diesen wenigen Zeilen klar, wie die Mechanismus funktionieren, die dazu führen, vor allem aber, wie sehr Gewalt von Anfang an zum Christentum gehörte. Es ist keine Fehlentwicklung, keine Degeneration, erst recht nicht eine Glaubensprüfung oder gar das Werk des Teufels, nein, die angebliche Religion der Liebe ist zuallererst und zuallerletzt eine der Gewalt:

Liebe kann nicht als göttliches Gebot von der Kanzel verkündet werden, deshalb haben alle Liebespredigten einen falschen Tonfall. Moralische Gebote, wie sie von Jesus verhängt werden, gewinnen ihre Macht letztlich durch die Androhung des Liebesentzugs. Die Androhung des Liebesentzugs durch die Autorität, die in der Gewissensinstanz, im Über-Ich, verinnerlicht ist, sorgt letztlich dafür, daß die Gebote eingehalten werden. (S. 156) …
In der christlichen Religion wird versucht, die Einhaltung von Geboten durch die Androhung zu erreichen, bei ihrer Mißachtung der Liebe Gottes verlustig zu gehen: Wer die Gebote des Herrn mißachtet hat keinen Anspruch mehr auf seinen Schutz und seine Liebe. Aber läßt sich Liebesfähigkeit durch die Androhung des Liebesentzugs hervorbringen? Verlangt die Entfaltung von Liebesfähigkeit nicht vor allem die Erfahrung von sich wiederholender spontaner, anstatt bloß moralisch verordneter Zuwendung? … Wo Aggressivität, der letzlich niemand wirklich entkommen kann und die ein notwendiger Teil jeder Lebendigkeit ist, allzu sehr verdammt wird, verschwindet sie nicht, sondern nimmt die Gestalt des Hasses auf das eigene Selbst an. Wer sich überfordernden Geboten unterwerfen muß, die nur um den Preis der Abtötung der eigenen Lebendigkeit einzuhalten sind, muß sich in seinen eigenen Henker verwandeln. Das erlaubt kaum, die Selbstliebe zu entwickeln, die nötig ist, um andere Menschen zu lieben, die mit dem eigenen Selbst verwandt sind. (S.157) …
Verschärfte Gebote verschärfen innere Widersprüche zwischen Über-Ich-Anforderungen und ihnen widersprechenden Triebregungen und bringen als Konsequenz eine sich verschärfende innere Zerrissenheit hervor. Die Eindämmung von eigenen Aggressionen durch Tabus, die sie abwehren sollen, verlangt notwendig mehr verinnerlichte Aggression gegen das eigene Selbst, die als Unlust erfahren wird. Fällt diese Unlust zu massiv aus, entsteht in der Psyche der Drang, sich durch amoralische aggressive Triebdurchbrüche Entlastung zu verschaffen. Verbote erzeugen immer auch das Begehren, sie zu überschreiten, das Verbotene reizt besonders. Je belastender Verbote ausfallen, desto mehr begünstigen sie insgeheim diesen Drang. Die übersteigerte Moral gebiert so die Unmoral. Sie begünstigt im gesellschaftlichen Rahmen eine moralische Arbeitsteilung zwischen einer moralisierenden Minderheit, die sich für etwas Besseres hält, und einer Masse, die sich kaum um die Moral schert. (S. 157 – 158) …
Lieben diejenigen, die glauben, alle Menschen lieben zu können, im Grunde vielleicht nur auf fragwürdige Art sich selbst? Wollen sie nicht vielleicht heimlich bloß, daß alle anderen sie lieben? Lieben die, die alle Menschen lieben wollen, nicht bloß auf narzißtische Art ihre angebliche Tugendhaftigkeit? Lieben sie nicht mehr die Ideale, mit denen sie sich identifizieren, als andere Menschen? Nietzsche hat fromme Christen sehr bissig als „Spezies der moralisierenden Onanisten und Selbstbefriediger“ [1] bezeichnet. Je ausgeprägter die narzißtischen Anteile der Liebe sind, desto gleichgültiger wird die Qualität ihrer Objekte: Liebe schlägt so in Kälte um. (S.159)…
Wer glaubt, die menschliche Aggressivität vor allem durch Liebe und Friedfertigkeit fordernde Gebote neutralisieren zu können, verkennt ihre Macht. Wo das Aggressionspotential der Gattung Mensch wirklich zur Kenntnis genommen wird, wird sichtbar, daß es das Verhältnis zum Nächsten in einem Ausmaß zu stören vermag, das durch Liebesgebote kaum zureichend bekämpft werden kann. (S.160)…
Der Erfolg der ethischen Liebespropaganda kann angesichts der bisherigen Gewaltgeschichte der Menschheit nicht überzeugen. Alle Bemühungen, ihre Anforderungen praktisch werden zu lassen, haben bisher nicht allzu viel erreicht. Ethische Gebote, die die Gewalt verurteilen, und soziale Zwänge, die sie „polizeilich“ abstützen, sind wohl unverzichtbar, aber sie allein können die destruktiven Potentiale der menschlichen Triebhaftigkeit nicht bändigen. Die christliche Ethik hält sich durch das Versprechen aufrecht, daß die Tugendhaften mit Belohnungen in einem besseren Jenseits rechnen können. Nicht nur, daß dieser Glaube zunehmend zerfallen ist, er war auch früher in frommen Zeiten schon relativ wirkungslos. (S.161) …
Bewußt bearbeitete Aggressivität kann eher entschärft und ungefährlich gemacht werden als bloß durch soziale Tabus und Über-Ich-Forderungen abgewehrte. Soziale Normen, die die aggressive menschliche Triebausstattung nicht angemessen zur Kenntnis nehmen und deshalb allzu viel Friedfertigkeit verlangen, müssen notwendig übertreten werden. Diese permanente Übertretung produziert statt mehr wechselseitigem Verständnis notwendig mehr Gleichgültigkeit und Zynismus und damit auch mehr Gewalt. Eine Moral, die nicht eingehalten werden kann, wirkt zerstörerisch, weil sie die Diskreditierung alles Moralischen begünstigt. Anstatt mehr ethischer Propaganda sind vor allem soziale Verhältnisse nötig, unter denen der Andere, der Fremde, der Gegner noch praktisch als jemand erfahren werden kann, mit dem man als menschliches Wesen verwandt ist, und die es erlauben, leichter zu erkennen, daß man mit ihm in einer gemeinsamen Welt, wie vermittelt auch immer, gemeinsame Interessen hat. (S.162)…
Wie problematisch die christliche Liebesethik ist, läßt sich schon dem Neuen Testament entnehmen. Jesus, der die Gebote der Nächsten- und Feindesliebe in der Bergpredigt aufrichtet, hält sich selbst kaum an diese. Der Stifter selbst scheint nicht wirklich an die Macht seiner Liebesgebote zu glauben. (S.163)…
Die bereits im Matthäus-Evangelium [2], dem ersten Text des Neuen Testaments, sichtbar werdende simple Aufteilung der Menschen in gute und böse, in Schafe und Böcke, wobei den ersten das Heil zukommen soll während letzteren Verdammnis, Gewalt und Vernichtung drohen, wird am Ende der Bibel, in der Offenbarung des Johannes, besonders drastisch vorgeführt. Die durch die Liebesgebote und Aggressionstabus der Bergpredigt abgewehrten zerstörerischen Regungen kommen hier wieder völlig ungehemmt und auf erschreckend brutale Art zum Vorschein. Den Gläubigen wird hier nicht nur ein Bild der Rettung angeboten, ihre Identifikation mit den „Guten“ im Text erlaubt ihnen darüber hinaus, die vorher abgewehrten Aggressionen durch eine Identifikation mit einer erbarmungslos strafenden göttlichen Macht zu genießen. Die Liebesreligion endet mit einem von den Guten veranstalteten Schlachtfest und widerlegt sich damit zugleich selbst. (S.165)…
In den Bildern der Offenbarung sind die Menschen radikal in Gute und Böse aufgeteilt, was dazwischen liegt, was beide verbinden könnte, ist nicht vorhanden oder wird als „lau“ ausgespien. Der Theologe und Psychoanalytiker Raguse benennt das Fatale, das aufgrund dieser Spaltung beim Leser ausgelöst werden kann. „Die Spaltung erlaubt dem Leser die Identifikation mit einem nur-guten und reinen Objekt, und zugleich die Möglichkeit, ein äußerstes Maß an Sadismus ohne jedes Schuldgefühl auszuleben, weil der Sadismus sich auf das böse Objekt richtet, für das es keine Sorgen geben darf. Als Vorbild kann sich der Leser dafür Gott selber nehmen, der mit den Ungläubigen – in der Phantasie des Lesers – real so verfährt, wie dieser es sich vorstellt. Damit wird die Eigenschaft Gottes als eines guten Objektes in keiner Weise berührt, weil es gut ist, das Böse zu beseitigen. Der Sadismus und die Rachegelüste der Glaubenden sind deshalb durch Gott immer schon gerechtfertigt.“[3] … Weil der Glaube an die erlösende Kraft der Liebe in der christlichen Lehre offensichtlich nicht ausreicht, sucht sie das Heil letztlich wieder in der Androhung von brutaler Gewalt, die die Feinde strafen soll. Den insgeheim an der Macht des Guten Zweifelnden wird ein Umgang mit der Destruktivität zugebilligt, der noch hinter das „Auge um Auge, Zahn um Zahn“ des Alten Testaments zurückfällt. Ihre Rachegelüste brauchen sie noch nicht einmal entsprechend der mosaischen Lehre an ein Äquivalent des ihnen Angetanen zu binden, sie dürfen völlig maßlos sein. Daß die meisten Christen die Erbarmungslosigkeit, die in biblischen Texten immer wieder sichtbar wird, gerne übersehen, zeigt, daß die Aggressionstabus, die die christliche Lehre verordnet, bei ihren Anhängern fatale Wirkungen zeitigen können. Solche Tabus begünstigen offensichtlich nicht zuletzt die Verleugnung des aggressiven Potentials der eigenen Anschauungen und sorgen so allzu leicht dafür, daß die verdrängte oder abgespaltene eigene Aggressivität auf prekäre Art wirksam wird. Die Offenbarung des Johannes fällt sicherlich weit hinter die Lehren der Bergpredigt zurück, aber sie kann auch als die geheime Wahrheit der Bergpredigt gelesen werden. Nietzsche bemerkt: „Unterschätze man übrigens die tiefe Folgerichtigkeit des christlichen Instinktes nicht, als er gerade dieses Buch des Hasses mit dem Namen des Jüngers der Liebe überschrieb.“ [4] Nicht nur die „Kriminalgeschichte des Christentums“ (Deschner), auch seine heiligen Texte zeigen, daß das Christentum in vielem von dem lebt, was es zu überwinden vorgibt. (S. 167 – 168)

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[1] Nietzsche, F.: Zur Genealogie der Moral. Werke II, Hgb. Schlechta, K., Darmstadt, 1994, S. 864
[2] Vinnai hat vorher folgende Stellen zitiert: Mt 10, 14-15.32-33.38; 13, 41-42.49-50; 18, 5-6; 21, 43-44; 23, 32-33 und natürlich den „Klassiker“ Mt 25!
[3] Raguse, H.: Psychoanalyse und biblische Interpretation. Stuttgart, 1993, S. 156 f.
[4] Nietzsche, F.:Zur Genealogie der Moral. Werke in 3 Bänden. Hgb. K. Schlechta, Darmstadt, 1994, S. 795

Aphorismus #657

Eine Verbotslogik kann Wunschphantasien nicht abschaffen, sondern allenfalls so massive Ängste schüren, dass diese Phantasien Verdrängungsprozessen anheimfallen. […] Wo aggressive und sexuelle Regungen durch ausgrenzende Verbote tabuisiert werden, kann nicht gelernt werden, gekonnter“ (Mitscherlich) mit ihnen umzugehen und sie in reifere soziale Beziehungen einzubringen.

Der Psychoanalytiker Prof. em. Dr. Gerhard Vinnai in: Jesus und Ödipus – Zur Psychoanalyse der Religion – S. 154f – in dem Kapitel „Die Liebesreligion als Religion der Gewalt“
Das beschreibt m.E. ziemlich genau, warum es zu den vielen Missbrauchsfällen in der katholischen Kirche kam und immer kommen wird. Der Zölibat als inhumanes rigoroses Verbot macht nun mal nicht automatisch asexuell. Aber leiden müssen immer die anderen. Ob in den Folterkellern oder in der Sakristeien.