Aphorismus #913

Wort zum Sonntag #79

Blutiger Sieg des Eingottglaubens

Historiker Prof. Dr. Michael Borgolte über die Dominanz von Christentum, Judentum und Islam in der „monotheistischen Weltzone

Die heutige weltweite Dominanz der monotheistischen Religionen Judentum, Christentum und Islam ist laut Historikern das Ergebnis blutiger Konflikte im Mittelalter. „Christliche Missionen und arabische Eroberungen haben seit dem frühen Mittelalter andere Religionen, die mehr als eine Gottheit akzeptierten, fast vollständig verdrängt“, sagte der Berliner Mediävist Prof. Dr. Michael Borgolte am Dienstagabend in Münster. Polytheistische Religionen seien meist gewaltsam aus Europa, Vorderasien und in Afrika zurückgedrängt worden, erläuterte er in der Ringvorlesung des Exzellenzclusters „Religion und Politik“. „Danach konnte sich kein Aggressor mehr von außen in diese ‚monotheistische Weltzone‘ festsetzen, der nicht christlich oder muslimisch war oder wurde.“
Anders als die Kultreligionen mit mehreren Göttern hätten Judentum, Christentum und Islam aufgrund ihrer heiligen Bücher und theologischen Lehren eine „dogmatische Religiosität“ entwickelt, sagte Borgolte. „Im Gegensatz zu den Polytheisten konnten den Monotheisten der Glaube und Kult der anderen nicht gleichgültig bleiben, da es für sie nur einen einzigen allmächtigen Gott gibt“, so der Mittelalter-Historiker. „Der Eingottglaube ist in der daraus folgenden aggressiven Bekämpfung von Heiden, Dualisten und Polytheisten für viel Leid und Blutvergießen verantwortlich.

„Labiles Gleichgewicht“
Die Verbindung von Eingottglaube, Offenbarung und Schriftauslegung begünstigte laut Borgolte zugleich den Dialog und die Verständigung zwischen Juden, Christen und Muslimen. „Während alle drei die Polytheisten kompromisslos bekämpften, konnten sie sich trotz Gegensätzen untereinander rechtlich und religiös immer wieder dulden.“ Diese Duldungen seien jedoch so dynamisch wie instabil gewesen und hätten stets im Kontext von Gewalt und Verfolgung gestanden, betonte er. „Über ein labiles Gleichgewicht ist das Zusammenleben der monotheistischen Religionen im Mittelalter nicht hinausgekommen.“ Ein „labiles Gleichgewicht zwischen den Religionen“ ist nach Einschätzung des Experten aber auch heute noch „das Beste, was wir schaffen können“.

Aus einer Pressemitteilung der Universität Münster über eine Veranstaltung mit Prof. Dr. Michael Borgolte, (Mittelalter-Historiker an der Humboldt-Universität zu Berlin) am 16.11.2010 in Münster
Hervorhebungen von mir.

Aphorismus #703

Wort zum Sonntag #50

Was würde Jesus dazu sagen?

Eine immer wieder gestellte Frage, nicht nur von gläubigen Christen. Und die Vorgänge in der katholischen Kirche um prügelnde und missbrauchende Priester fordern sie  heraus. Jedoch sie zu stellen ist müßig:

  • Wir können Jesus schließlich nicht mehr selbst fragen.
  • Wir wissen nicht mit Sicherheit, welche von denen in der Bibel ihm zugeschriebenen Worte wirklich von ihm stammen.
  • Zwischen ihm, der Bibel und uns liegt der „garstige breite Graben“ der Geschichte von 2000 Jahren, und der lässt sich nicht wirklich überbrücken. [1]
  • Jesu konkrete Antworten auf die Probleme seiner Zeit sind nicht wirklich auf die in unserer hochkomplexen und technisierten Welt übertragbar.
  • Es stellt sich die Frage, ob er mit seinen Antworten nicht schon damals gescheitert ist.
  • Und hat er berhaupt noch irgendeine Relevanz für die Menschen des 21. Jahrhunderts?

Weil aber die Frage nach dem, „was Jesus dazu sagen würde“, immer noch gerne gestellt wird und weil die Kirchen insgesamt und einzelne Christen sich noch immer auf ihn berufen, darum schiebe ich für einen Augenblick die grundsätzlichen Einwände des denkenden und (darum) nicht glaubenden Menschen beiseite und vergleiche die Taten und Lehren der Kirche(n) mit dem, was Jesus sagte, oder auch nur von den Evangelien in den Mund gelegt wurde.
Schlagen wir also die Schläger mit ihren eigenen Waffen!
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[1] Gotthold Ephraim Lessing, Über den Beweis des Geistes und der Kraft, S. 13: „… das ist der garstige breite Graben, über den ich nicht kommen kann, so oft und ernstlich ich auch den Sprung versucht habe.“

Aphorismus #430

Wort zum Sonntag #11

Noch mal zum Nachlesen: Islam in 30 Sekunden

  • Glaube an einen Gott, der allmächtig ist, der Schöpfer, Lenker und Herrscher des ganzen Universums
  • Er hat die Menschen erschaffen, damit sie ihm dienen
  • Er hat Gesandte und Bücher geschickt:Wer an die Gesandten glaubt und den Büchern folgt, wird ins Paradies gehen
  • Wer nicht, wird in die Hölle gehen
  • Der letzte Bote Gottes: Mohammed mit dem Koran, der letzten Botschaft Gottes
  • Das hast du zu glauben

Pierre Vogel, der Meister dieser 30 Sekunden, ist Konvertit und Prediger eines reaktionären aber nicht als aggressiv bekannten Spielart des Islam, auch mit dem entsprechenden Frauenbild. Ziel seiner Arbeit ist es, möglichst viele vor allem junge Menschen zu Allah zu bekehren, ein islamischer Erweckungsprediger also.  Auch wenn für manchen sein „Islam in 30 Sekunden“ die Sache total verkürzen mag, hat diese Darstellung doch den Vorteil, dass sie die zentralen Punkte eines orthodoxen Islam auf den Punkt bringt, und dies jenseits des üblichen 5 Säulen-Geblubbers, das nur den äußeren Kultus beschreibt und kaum den Inhalt. Zudem lässt sich an seinem Verhalten und seinen Worten sehr schön nicht nur die „Psychopathologie“ eines islamischen Erweckungspredigers erkennen, sondern auch die seiner christlichen Kollegen: die Strukturen sind gleich, nur die Etiketten sind andere.

Soweit das Vorspiel, kommen wir zum Eigentlichen, dem 30-Sekunden-Islam.

Kanzelmärchen #3

Jeder Mensch glaubt!

Jeder glaubt. Ausnahmslos. Jeder! Wenn nicht an einen Gott, dann eben an das Schicksal, die Sterne, die Evolution, an eine Ideologie, an Freitag den 13ten oder an Erdstrahlen… Egal was. Der Mensch glaubt, jeder, auch der Atheist.

Noch nie gehört? Noch nie dem arroganten Grinsen eines Vertreters göttlicher Weisheiten begegnet, der meinte, damit jeglichen Atheismus endgültig ad absurdum führen zu können? Noch nie in trauter Runde nach ein paar Bieren „Einen Glauben braucht ein jeder!“ vernommen?  Wohl kaum. Dass jeder glaubt, ja glauben muss, das ist für die Gläubigen eine Binsenweisheit. Schließlich glauben sie ja selbst! Welch umwerfende Logik! Dass es schlicht Unfug ist, interessiert die Vertreter des organisierten wie des frei fluktuierenden Aberglaubens nicht. Einen Nicht-Gläubigen darf es einfach nicht geben, denn nicht der Unglaube, sondern der Nicht-Glaube stürzt die Verfechter der Glaubenswahrheiten in größte Aporie!
Man könnte sich mit einem entschiedenen „Nein!“ als Kommentar zum Unfug des „Jeder glaubt etwas“ begnügen, aber so einfach möchte ich es in den „Kanzelmärchen“ den Propagandisten göttlicher Wahrheiten nicht machen. Ihre Lehren und „Weisheiten“ kommen hier auf den Prüfstand, ihre Vereinnahmung der Wirklichkeit und ihr Herrschaftsanspruch über den philosophisch-weltanschaulichen Diskurs ebenso. Im Gegensatz zu ihrem Gejammere, dass das Abendland immer unchristlicher werde, haben die Kirchen noch viel zu viel Einfluss in Deutschland. Spätestens an hohen Feiertagen merkt man das, wenn die festlich gewandeten Würdenträger in die dankbar auf sie gerichteten Kameras andachtsvoll hineinglotzen sehen und noch bereitwilliger in jedes ihnen willfährig  vorgehaltene Mikrofon salbadern. Ein schauriges Schauspiel, das sich jedes Weihnachten, jedes Ostern, jedes Pfingsten, jede Bischofskonferenz und jede Generalsynode wiederholt. „Herr erlöse uns vor diesem Übel!“ Das wäre mal ein sinnvolles Gebet, wenn es denn helfen würde. 😉
Atheismus ist im Gegensatz zu den Religionen keine Angelegenheit für irgendwelche äffischen Zeremonien, für in Scheinheiligkeit erstarrte alte Herren und für ein tumbes Volk, das zu fressen hat, was ihm vorgesetzt wird. Atheismus ist nichts für Denkfaule, für Köhler und für die Gefangenen ihrer simpel gestrickten Weltbilder. Atheismus ist etwas für denkende Menschen, die nachbohren, die nachfragen, die sich nie zufrieden geben mit billigen Antworten. Diesem empirisch und logisch begründeten Atheismus stoßen viele, allzu viele Thesen der vereinten Glaubensfront sauer auf. Schon allein deswegen muss der Atheismus desavouiert werden, z.B. indem die Mär vom Glauben als conditio humana, die Legende vom Jedermann-Glauben erzählt wird und so en passant auch  der Atheismus vereinnahmt wird.

Bild via link

Und was ist jetzt die Narrenkappe?

übrigens…

… gibt es mal wieder eine neue Kategorie beim Ungenannten: „übrigens…“ sammelt außergewöhnliche, verblüffende, schräge oder einfach nur interessante Fundstücke aus dem Netz. Viel Vergnügen, Verblüffung, Verständnis und Verwunderung wünscht

der ungenannte

Jahwe Gatte der Aschera?

Das legen zumindest Funde nahe, die vor einiger Zeit gemacht wurden. Dass die Anfänge der jüdischen Religion sich in zahllosen Stammesreligionen mit je eigenen „elohim“ (Göttern) verlieren, und erst später in der Verehrung Jahwes zu einer monotheistischen Religion zusammengeführt wurden,  ist schon lange Allgemeingut in der Forschung, dass aber viel später von Jahwes Frau Aschera die Rede ist, das war mir neu. Im Wissenschaftlichen Bibellexikon* der Deutschen Bibelgesellschaft, wahrlich keine Ansammlung von Ketzern, Atheisten und Kirchengegnern heißt es:

„Die Textfunde von Kuntillet ‘Ağrūd (Kuntillet ‘Ağrūd [Kuntillet Agrud]) und Chirbet el-Qōm (Chirbet el-Qōm) haben ein unerwartetes Licht auf die israelitische Religion geworfen. Sie verweisen auf „Jahwe und seine Aschera“. Außerdem ist eine große Anzahl von Pfeilerfigurinen gefunden worden, die Frauen mit großen Brüsten zeigen und eine dea nutrix („nährende Göttin“) darstellen. Die Texte und die Artefakte haben in der alttestamentlichen Wissenschaft eine Debatte entzündet, ob der Jahwismus ursprünglich monotheistisch war oder nicht. Obwohl es noch einige Unsicherheiten in der Detailinterpretation gibt, wird inzwischen allgemein akzeptiert, dass der Jahwismus lange Zeit nicht monotheistisch war. Sowohl in der Familienreligion als auch im höfischen Bereich (vgl. Jer 44) wurde – mindestens bis zur Exilszeit – Jahwe als der Gatte Ascheras angesehen und verehrt.“

Nachzulesen im Artikel „Jahwe“ im WiBiLEx. Ich habe lediglich die Verweise weggelassen. Ein Bild der erwähnten Tafel ist auch dabei.

*Den Vollzugriff gibt es leider erst nach kostenloser und unproblematischer Anmeldung. Wer wissen will, welche „Ketzereien“ wissenschaftlich akzeptiert sind und eben nicht auf den Kanzeln verkündet werden, wird hier viele gute Argumente gegen die kirchliche religiöse Verdummung finden. Außerdem gibt es hier sieben Online-Bibeln einschließlich der Urtexte.