Aphorismus #949

Was wirklich Frieder auf Erden bringt

Imagine there’s no countries
It isn’t hard to do
Nothing to kill or die for
And no religion too
Imagine all the people
Living life in peace 

John LennonImagine

und es kann funktionieren:

Vielleicht zuviel Streicher, dafür aber Moslem, Jude und Christ vereint in einem Lied:

You may say that I’m a dreamer
But I’m not the only one
I hope someday you’ll join us
And the world will be as one

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Deutschland ist Weltmeister!

Weltmeister der Herzen

Was denn sonst? Drunter macht es das Volk der Dichter und Denker nicht. Und weil es auf dem Platz mit „unsren Jungs“ nicht geklappt hat, dann sind „wir“ wenigstens „Weltmeister der Herzen“, so ex cathedra verkündet von der vereinigten Medienmafia. Nach „Exportweltmeister“ und „Weltmeister im Meckern und Schwarzsehen“, nun also zum zweiten Mal und das in Folge „Herzensweltmeister“. Was brauchst du mehr, deutsche Seele? War der erster Herzens-WM-Titel 2006 der Gastgeberschaft Deutschlands geschuldet, will heißen aus reiner Höflichkeit „verliehen“, so hat sich die DFB-Auswahl diesen Titel diesmal regelrecht erspielt. Chapeau! Und die deutschen Medien kriegen sich nicht ein im Zitieren von positiven Berichten aus England, Italien, Frankreich… Der einstige deutsche Rumpelfußball ist passé! Es lebe der kreative, schnelle, begeisternde Fußball der „Jungen Wilden“.
Endlich haben also unsere europäischen Nachbarn mal was Positives über Deutschland zu berichten. Und vor lauter Begeisterung über das Spiel schreiben sie auch von Löws Multikulti-Truppe, vom neuen „unverkrampften Patriotismus“ der Deutschen usw usf Auch darin werden, wie zu erwarten ist, die Deutschen ganz bestimmt Weltmeister sein! Zumindest werden sie es sein wollen. Der Herrenmenschen-Weltmeister-Tick ist nun mal tief in der Volksseele verankert. Weltmeister in Multikulti, Weltmeister im Public Viewing, Weltmeister in schwarz-rot-goldener Entspanntheit- wo man hinblickt, überall nur Weltmeister. Die Wahrheit sieht jedoch anders aus.

Multikulti

Nicht nur in rechtslastigen Foren gab und gibt es so abschätzige Bezeichnungen wie „Gastarbeitertruppe“, und auch wer Boateng am Platz bewundert, kann andernorts weiter über „die Kanaken“ herziehen. Das Gestammel von Deutschtürken oder Polendeutschen in der Mannschaft, das am Anfang der WM bei jedem Kommentator zu hören war, ist während der Wochen in Südafrika einer wohltuenden sprachlichen Neutralität gewichen und bei den besonders guten Spielern wie Özil entfällt inzwischen jeder Hinweis auf seine türkischen Wurzeln, und- man höre und staune- er wird glatt als Deutscher bezeichnet. Merke: Du musst nur der beste sein (das gehört sich für einen Deutschen nun mal), dann wirst du auch als Deutscher gesehen. Solange du nicht durch schlechte Spiele dein Vaterland verrätst. Multikulti, dieses Label muss sich die Mannschaft erst noch erspielen. Auf und vor allem neben dem Platz. Und selbst wenn es für die DFB-Auswahl zutrifft, für das Mitgehen auf diesem Weg der Bevölkerung ist damit rein gar nichts gewonnen.

Die neue Entspanntheit des neuen deutschen Patriotismus

Manchmal sieht man nur, was man sehen will. Davon sind die Auslandskorrespondenten unserer europäischen Nachbarn nicht ausgenommen. Kein Wunder, ich wäre es auch leid, immer wieder darüber berichten zu müssen, was in Deutschland nun mal Fakt ist, auch wenn es der Landsmann nicht zugeben will: immer wieder Neo-Nazi-Übergriffe, von der Öffentlichkeit nicht wahrgenommen, ein alltäglicher Rassismus, der das Zusammenleben unterschwellig mehr prägt als alle Multikulti-Veranstaltungen zusammen, eine Gesellschaft die auseinander driftet: wirtschaftlich, sozial, in der Bibldung, in der Partizipation am öffentlichen Leben, Politiker, die mit nichts als Law & Order Wahlen gewinnen… Darüber zu schreiben ist auf Dauer frustrierend und „einseitig“, deswegen lassen es ja unsere Journalisten auch zu gerne bleiben. Da ist für sie und ihre Kollegen aus dem Ausland der „neue deutsche ach so entspannte Patriotismus“ eine willkommene Abwechslung. Und weil es alle schreiben, fangen auch irgendwann an alle es zu glauben und, ehe man sich versieht, ist von den Deutschen eine neue Weltmeisterschaft errungen, die des enspannten blala
Wie entspannt diese Variante des alten Nationalismus ist, kann man dann auf und besonders nach den Fanfesten sehen, wenn ganz entspannt die erste Strophe der Hymne gesungen wird, wenn Fans der gegnerischen Mannschaften angepöbelt und beschimpft werden- natürlich nur, wenn man gegen sie verloren hat, – schließlich haben die Spanier verhindert, dass „wir“ Fußballweltmeister „in echt“ werden, nicht nur in den Herzen. Ich für meinen Teil sehe an Fahnen schwenkenden „Fans“ nichts von Entspanntheit, ja nicht einmal Überspanntheit. Ich sehe nur die niedrigsten und dürftigsten Reflexe der Volksgemeinschaft, das „wir“ gegen alle anderen, das Schland über alles, den unbedingten Willen, wieder wer zu sein.

Wir sind schon wieder wer!

Wir sind wieder wer- diese Parole von 1954 und der folgenden Wirtschaftswunderjahre, ist zwar heute nicht mehr zu hören,  stattdessen, dass wir ein „normales“ Land und „ein normales Volk“ sind wie andere auch. Aber das ist natürlich beides noch nie richtig gewesen. Gerade wenn das „Normale“ so betont werden muss, zeigt sich, dass eben nichts normal ist.  Im Grunde sind wir darum nicht viel weit über das „Wir sind wieder wer!“ hinausgekommen:

  • Wir sind wieder wer als Weltmeister der Herzen.
  • Wir sind wieder wer als Integrations-Weltmeister.
  • Wir sind wieder wer als entspannte Patrioten.
  • Wir sind wieder wer als Exportweltmeister.
  • Wir sind wieder wer als Welt-Klima-Lehrmeister.
  • Wir sind wieder wer als Retter des Euros.
  • Wir sind wieder wer Friedensapostel bei allen und jedem.

Dass das alles heiße Luft und bloßes Wunschdenken ist;  dass, wenn es hart auf hart kommt, nichts mehr entspannt sein wird am deutschen Patriotismus, das wird spätestens dann klar, wenn diese Liste an der Realität geprüft wird. Hinter dem vielfachen „Wir sind wieder wer“ verbirgt sich die (seit dem 19. Jahrhundert) typisch deutsche Mischung aus Minderwertigkeitskomplex und Größenwahn, die überall Weltmeister sein will und bei gefühlter Bedrohung in Hass und Aggression umschlägt auf alles andere, alle Ausländer, alle anderen Meinungen, Gott und die Welt. Noch immer ist bei allzu vielen Zeitgenossen das dumpfe Grundgefühl da, wir Deutschen seien betrogen worden- von allen anderen, von den Amis, den Russen sowieso, und vor allem von Israel. Dagegen muss man sich doch wehren dürfen?
Vielleicht als Vorbereitung darauf sind wir immerhin Europameister im Waffenexport.
Das mit dem Weltmeister werden wir auch noch schaffen. Schließlich sind wir wieder wer.

Aphorismus #756

Patriotism, on the other hand, is a superstition artificially created and maintained through a network of lies and falsehoods; a superstition that robs man of his self-respect and dignity, and increases his arrogance and conceit.
Indeed, conceit, arrogance, and egotism are the essentials of patriotism.

Emma Goldman (1869 – 1940), Patriotism: A Menace to Liberty; Deutsch: Patriotismus – Eine Bedrohung der Freiheit

Aphorismus #754

Das war für Miroslav Klose ein innerer Reichsparteitag. Jetzt mal ganz im Ernst, dass der heute hier trifft!

Dass in Deutschland Nationalmannschaft, Nationalimus und Nazis verdammt nahe beieinander liegen, gedanklich, begrifflich und gefühlt sowieso- das hat die ZDF-Journalistin Katrin Müller-Hohenstein stilsicher auf den Punkt gebracht. Wer weiß, was noch alles kommt, wenn die DFB-Auswahl so gut und erfolgreich weiterspielt? Heute gehört uns Durban und morgen…
Und noch ne Frage: Gibt es auch einen inneren Polenfeldzug? Oder ein inneres Auschwitz?
(Wer’s nicht weiß: Klose wurde in Polen geboren, seine Familie siedelte später in die BRD über.)

Aphorismus #750

Wird eine Fußballweltmeisterschaft vom Radio übertragen, deren jeweiligen Stand die gesamte Bevölkerung aus allen Fenstern und durch die dünnen Wände der Neubauten hindurch zur Kenntnis zu nehmen gezwungen ist, so mögen selbst spektakulär verschlampte Gammler und wohlsituierte Bürger in ihren Sakkos einträchtig um Kofferradios auf dem Bürgersteig sich scharen. Für zwei Stunden schweißt der große Anlass die gesteuerte und kommerzialisierte Solidarität der Fußballinteressenten zur Volksgemeinschaft zusammen. Der kaum verdeckte Nationalismus solcher scheinbar unpolitischen Anlässe von Integration verstärkt den Verdacht ihres destruktiven Wesens.

Theodor W. Adorno (Zitiert nach dem lesenswerten Artikel: Daniel Keil, Der „FC Deutschland 06“ -Die Fußball-WM als nationale Massenzeremonie) – Das hat sich bis heute nicht geändert, im Gegenteil: Dank Public Viewing ist es endgültig zum „Normalzustand“ geworden.