In Richtung Polen

Hin und wieder lässt einer jener Vertriebenen-Funktionäre, eines jener armen Opfer von Flucht und Vertreibung, einer jener aus dem noch immer fruchtbaren Schoß Kriechenden die Maske fallen und sagt offen seine braune Meinung. Es folgt das ewig gleiche Ritual, dass das Publikum sich geschockt gibt, ja vielleicht muss der alte neue Nazi seinen Posten räumen- aber eines bleibt bestimmt, wie es war. Weiterhin werden BDV & Co. mit Steuermitteln finanziert und politisch hofiert, vor allem wird nichts getan, den braunen Sumpf auszutrocknen. Können doch die sog. Vertriebenen in vieler Hinsicht für konservative Politik nützlich sein: als sichere Wählerstimmen, als Hebel gegen allzu freche Polen und Tschechen und als Wahrer solch wichtiger Begriffe wie Heimat, TraditionDeutschtum etc.
Dieser Tage hatte die Ehre die verfolgte braune Unschuld spielen zu dürfen: Arnold Tölg, Jg. 1934, CDU-Politiker in Baden Württemberg, Träger der Verdienstmedaille ebendort, stellvertretendes Mitglied des Stiftungsrates Flucht, Vertreibung, Versöhnung… Was die Gemüter so erregt, ist ein Interview, das er am 3.8.2010 dem Deutschlandfunk gegeben hat, wo er offen und ehrlich sagt, was seinesgleichen wirklich meint:

Gleich zu Beginn macht er das, was Revanchismus so sympathisch macht. Zerknirscht gibt er zu, was auch ernicht unterschlagen kann: die Kriegsverbrechen Deutschlands, ach sorry, Hitler-Deutschlands natürlich, nur um dann sofort bei den Verbrechen gegen, nein nicht gegen Hitler-Deutschland, sondern gegen die armen, armen Deutschen zu landen:

Ich habe mich immer zu dem bekannt, was passiert ist, nämlich auf der einen Seite dass schreckliche Verbrechen von Hitler-Deutschland und den Verantwortlichen begangen wurden, aber am Kriegsende auch grauenvolle Verbrechen an Deutschen begangen wurden.

So ist der Weg vorbereitet, den Focus ausschließlich auf die Verbrechen gegen die Opfer-Deutschen zu richten:

… Angebliche Verbrechen – hier disqualifizieren sich doch die Kritiker von selbst! Wenn die noch nicht gemerkt haben, was im Osten passiert ist 1945, dann tut es mir leid. Die wollen einfach die Tatsachen nicht erkennen.

Dummerweise will er aber nicht sehen, was im Osten 1939 bis 1945 passiert ist. Ach ja, das war ja nur Hitler-Deutschland, hat also nichts mit dem, was am Ende oder nach dem Krieg geschehen ist, zu tun.
Auch zu den Ursachen des Krieges hat Herr T. eine sehr differenzierende Meinung: Es war auf keinem Fall Deutschland allein. Er versteigt sich schließlich sogar zu dieser Aussage:

Ich bin der Meinung, dass in erster Linie natürlich Adolf Hitler und sein Anhang dafür verantwortlich ist, dass der Zweite Weltkrieg begonnen hat… Ja natürlich in erster Linie. Es gehören ja immer mehrere dazu. Großbritannien hat schließlich mit Frankreich zusammen Deutschland den Krieg erklärt.

Was bilden sich diese Schurkenstaaten ein, eine Garantie für Polen abzugeben, ja sogar ein Bündnis mit diesen slawischen Untermenschen einzugehen? Die Welschen wollten klar Krieg führen! Von wegen Schutz für Polen, Aufhalten eines Diktators! Nein! Hitler blieb gar nichts anderes übrig, als diese aggressiven Ostler davon abzuhalten, mit GB und F über das arme gebeutelte D herzufallen! – Man möge mir meinen triefenden Spott nachsehen, aber bei solch braunem Dreck kann ich nicht mehr brav und artig sein.
Weil Herr T. selbst merkt, dass er a bisserl übers Ziel hinausgeschossen ist, antwortet er sibyllinisch auf die Frage, ob die anderen Länder eine Verantwortung am Ausbruch des WK II tragen:

Das habe ich nicht gesagt, sondern ich sage, ich weise nur auf die Tatsachen hin, nichts weiter.

Dass er vorher die Tatsachen kräftig verdreht und ins Gegenteil verkehrt hat, das ist äh, hm, nun ja …. schon vergessen.
Nach ein paar weiteren Fakten zum Thema Zwangsarbeit, kommt es noch mal zum Thema Verantwortung für den Krieg. Und da spannt der CDU-Mann den Bogen ganz weit:

Da bin ich der Meinung, dass der Krieg natürlich – der von Hitler ausgelöste Krieg – den Ländern, die die Deutschen vertrieben haben, eine Chance gegeben hat, die Deutschen loszuwerden. Es war ja ein von Polen und auch teilweise Tschechien, ein langfristiger Plan, schon 1848 wollte man die Linie Stettin-Triest herstellen. Also, da sind Dinge zusammengekommen: Auf der einen Seite war das der Krieg Hitlers, der Schreckliches in diesen Ländern angerichtet hat; auf der anderen Seite kam es auch der polnischen und wohl auch tschechischen Politik entgegen, siehe Londoner Exilregierung, die sich intensiv darum bemüht hat, die deutschen Ostgebiete in die Hand zu bekommen, sodass hier durchaus auch Schuld auf der anderen Seite zu sehen ist.

Die armen Deutschen. Immer müssen sie leiden! Alle wollen ihnen an den Kragen! GB und F sowieso, aber eben auich die Polen und die Tschechen. Die Annektierung durch die Deutschen war reine Selbstverteidigung. Alles Tatsachen! Ehrlich. Darum muss isch D endlich wehren:

Ich bin der Meinung, dass Deutschland sich auch gegen so etwas wehren müsste, in Geiselhaft genommen zu werden, kommt gar nicht infrage. Wir können selbstbewusst genug sein. Warum – weil wir das einzige Land in der Welt sind, das sich einmal für die Verbrechen, die es begangen hat, bekannt hat, und das über Jahrzehnte, jetzt 65 Jahre lang. Jeden Tag können wir in der Zeitung davon lesen oder im Rundfunk hören oder im Fernsehen.

Am Ende umreißt er seine Ziele in der Arbeit der Stiftung:

… die Stiftung heißt Flucht, Vertreibung, Versöhnung. Wenn alles richtig dargestellt wird in Wahrheit, das ist für alle wichtig, dann können wir die Versöhnung, zu der ich schon längst in Richtung Polen gefunden habe, an der können wir weiter arbeiten.

Und da steht er in guter Tradition. In Richtung Polen haben sich schon mal ganz viele Deutsche aufgemacht. Am 1. September 1939.

Aphorismus #754

Das war für Miroslav Klose ein innerer Reichsparteitag. Jetzt mal ganz im Ernst, dass der heute hier trifft!

Dass in Deutschland Nationalmannschaft, Nationalimus und Nazis verdammt nahe beieinander liegen, gedanklich, begrifflich und gefühlt sowieso- das hat die ZDF-Journalistin Katrin Müller-Hohenstein stilsicher auf den Punkt gebracht. Wer weiß, was noch alles kommt, wenn die DFB-Auswahl so gut und erfolgreich weiterspielt? Heute gehört uns Durban und morgen…
Und noch ne Frage: Gibt es auch einen inneren Polenfeldzug? Oder ein inneres Auschwitz?
(Wer’s nicht weiß: Klose wurde in Polen geboren, seine Familie siedelte später in die BRD über.)

Die Täter stilisieren sich als Opfer

„In seiner Predigt am Samstagabend anlässlich des 100-jährigen Bestehens des Katholischen Deutschen Frauenbunds sagte [der Regensburger Bischof Gerhard Ludwig] Müller, den Medien gehe es darum, „die Glaubwürdigkeit der Kirche zu erschüttern.“ Müller verglich die Berichterstattung in den Medien mit der kirchenfeindlichen Haltung des nationalsozialistischen Regimes. Er würdigte in seiner Predigt den Widerstand des Frauenbunds in den 30er- und 40er-Jahren gegen das kirchenfeindliche Nazi-Regime. Er sagte: „In einer großen Krisensituation“ hätten die Frauen des Frauenbundes sich gegen die damals christenfeindliche, nationalsozialistische Ideologie gewandt. „Jetzt erleben wir wieder eine Kampagne gegen die Kirche“, so Müller…“
Quelle: Missbrauchsfälle – Regensburger Bischof kritisiert Medien (Zu finden auf den Seiten des Bayerischen Rundfunks, ganz gewiss keine all zu großen Kirchenkritiker.)

Wurde auch Zeit, dass endlich ein Offizieller der Kirche die Hosen runter lässt und zeigt, wes Geistes Kind dieser verkommene Verein wirklich ist.
In diesem Zusammenhang erinnere ich an meinen Artikel Nazivergleiche

Écrasez l’infâme!

Aphorismus #429

Denn über Eines bin ich mir klar: so wie der Einfluß, welchen die Juden auf unser geistiges Leben gewonnen haben, und wie er sich in der Ablenkung und Fälschung unsrer höchsten Kulturtendenzen kundgibt, nicht ein bloßer, etwa nur physiologischer Zufall ist, so muß er auch als unleugbar und entscheidend anerkannt werden.

Aus Anlass der Eröffnung der Bayreuther Festspiele ein Zitat Richard Wagners (1813 – 1883) aus seiner programmatischen Schrift von 1869 „Das Judentum in der Musik„. Kein Wunder, dass ihn der Österreicher so schätzte. Und damit es ein jeder kapiert, wes Geistes Kind Herr Wagner war und was vor allem nicht, nämlich ein Jude, setzte er noch eins drauf:

Ob der Verfall unsrer Kultur durch eine gewaltsame Auswerfung des zersetzenden fremden Elementes aufgehalten werden könne, vermag ich nicht zu beurteilen, weil hierzu Kräfte gehören müßten, deren Vorhandensein mir unbekannt ist. Soll dagegen dieses Element uns in der Weise assimiliert werden, daß es mit uns gemeinschaftlich der höheren Ausbildung unsrer edleren menschlichen Anlagen zureife, so ist es ersichtlich, daß nicht die Verdeckung der Schwierigkeiten dieser Assimilation, sondern nur die offenste Aufdeckung derselben hierzu förderlich sein kann.

Nachdem das mit dem Assimilieren nicht so geklappt hatte, entschied sich Hitler  dazu, die benötigten „Kräfte“ zu sammeln, die zur „gewaltsamen Auswerfung des zersetzenden fremden Elements“ nötig waren. Wer behauptet, man könne, ja müsse Wagneropern losgelöst sehen von dem, was seine Verehrer daraus gemacht haben, ist entweder naiv und will nicht wahrhaben, dass sich die NS-Ideologie auch aus den kruden Werken und Gedanken eines RW speiste., oder er teilt diese mit dem Meister und hält nur aus politischer Opportunität damit hinter dem Berg, besser: hinter dem grünen Hügel.

Kanzelmärchen #1

Von gottloser Unmoral und ethischer Beliebigkeit

Bischof Mixa hat Ostern 2009 in seiner Predigt mal wieder das getan, was so gerne von den Würdenträgern des organisierten Aberglaubens getan wird: er hat ein Märchen erzählt. Diesmal keines aus der Bibel, sondern eines aus der Gegenwart. Eines über den Lieblingsgegner der römischen Krägen, über den Ursprung alles Bösen seit der Aufklärung, über den vermaledeiten Atheismus. Der erhebt je länger je mehr keck sein Haupt und vergrault dem Klerus die Kundschaft. Dagegen muss angegangen werden. Mit allen Mitteln. Und seien diese noch so idiotisch und noch so leicht zu durchschauen! Getreu dem Motto: Du musst deinen Gegner nur lange genug mit Dreck bewerfen, es wird bestimmt etwas haften bleiben. Das Rauschen im Blätterwald nach dem bischöflichen Ausraster war zwar diesmal heftiger als gewohnt, jedoch wird das weder ihn noch die anderen Kanzeldemagogen von ihrer plumpen plumpen Dämonisierung des Atheismus abhalten.
Hier nun ein wenig Futter für die ach so „spaßigen“ Diskussionen mit den Frommen und Frömmlern dieser Erde. Denn nichts macht es den Glaubensaposteln leichter, als wenn die Ungläubigen sich nicht zu wehren wissen. Es braucht schon ein wenig mehr als nur ein billiges „Jesus hat nie gelebt!“, will man in einem Disput mit den frommen Hansguckindielufts bestehen. Dieser Text ist die Nummer 1 einer kleinen von mir geplanten Reihe, in der ich einige ihrer beliebtesten Vorwürfe gegen den Atheismus einerseits und ihre angeblich ewigen Wahrheiten andererseits  genauer unter die Lupe nehmen möchte. Wer der Meinung ist, dass ich dabei zu schroff bin, mich dabei einer zu herben Sprache bediene, und doch bitteschön mehr Respekt vor den Glauben anderer zeigen sollte, dem kann ich nur entgegnen: vor meinem Nichtglauben, vor meinem Pochen auf den Vorrang der Vernunft zeigt das fromme Bodenpersonal auch keinen Respekt. Quid pro quo, meine Herren, meist sind es ja Herren, die in den Hierarchien bestimmen. aber das bekommt man nicht von Leuten, die meinen Gott stünde auf ihrer Seite.

Die Juden, immer die Juden! Denkmuster des Antisemitismus

Der Antisemitismus erschafft selbst, was er den Juden vorwirft und an ihnen hasst

„Darum schreit man: haltet den Dieb! und zeigt auf den Juden. Er ist in der Tat der Sündenbock, nicht bloß für einzelne Manöver und Machinationen, sondern in dem umfassenden Sinn, daß ihm das ökonomische Unrecht der ganzen Klasse aufgebürdet wird.

Adorno/ Horkheimer: Dialektik der Aufklärung

“Der Antisemitismus … ist keine Doktrin, die kritisiert werden kann, sondern eine Haltung, deren soziale Wurzeln so geartet sind, daß sie keine Begründung erfordert. Man kann ihm keine Argumente entgegensetzen, denn er ist mit einer Reaktionsart verbunden, der die Beweisführung als Denkart fremd und verhaßt ist. Er ist ein Mangel an Kultur und Menschlichkeit, etwas, was im Gegensatz zu Theorie und Wissenschaft steht. Davon hat sich jeder überzeugt, der Gelegenheit hatte, mit einem Antisemiten eine jener hoffnungslosen Diskussionen zu führen, die immer dem Versuch ähneln, einem Tier das Sprechen beizubringen.”

Leszek Kolakowski

Hier möchte ich einige der gängigen Zirkelschlüsse, Fehlleistungen und Scheinargumente  des Antisemitismus vorstellen, in gebotener Kürze demontieren und so zum eigentlichen Kern vordringen: dem primitiven, dummen und abgeschmackten Vorurteil, gespeist aus den trüben Sumpf von 2000 Jahren Judenhass.

Was machen die Juden verkehrt, dass sie schon seit Jahrhunderten verfolgt werden?

Was, DAS soll Antisemitismus sein? Das ist doch eine ganz harmlose Frage! Nein ist es nicht. – Wie hinterhältig diese Frage ist, merkt man, wenn man das Subjekt und das Verb tauscht:

Was machen die Frauen verkehrt, dass sie seit Menschengedenken vergewaltigt werden?

Ist jetzt die Perfidie der Frage klar? Aus dem Opfer wird per scheinheiliger Frage der Täter! Die Generalabsolution erteilt sich und seinen Vorgängern der Frager selbst.
Heuchlerisch ist m.E. noch ein zu schönrednerisches Adjektiv für diese plumpe Volte.