Aphorismus #843

Wort zum Sonntag #70

Die Liebesreligion als Religion der Gewalt

Die folgenden Abschnitte sind dem Buch „Jesus und Ödipus“ des Sozialpsychologen Gerhard Vinnai entnommen. Steht man manchmal fassungslos da, wenn mal wieder ein Fundi in den USA durchdreht und einen Koran verbrennen will- kann er gerne machen, wenn er auch die Bibel, die Veden, die Schriften des Dalai Lamas, die Hl. Schriften des Grünen Schleims von Onk und all den anderen religiösen Müll obendrauf schichtet-, oder wenn ein katholischer Würdenträger ein scheinheiliges Doppelleben führt, wenn Priester aller Konfessionen in zahllosen Bürgerkriegen zum Völkermord aufrufen, wenn die kleinen und großen Päpste in ihren Gemeinden und Kirchen für Zucht Ordnung sorgen und also alle ausschließen, die nicht ihrer Meinung sind- ist man angesichts dessen manchmal fassungslos, wie wenig dies mit dem wohlfeilen Geseier von der christlichen Nächsten-, ja Feindesliebe zu tun hat, so wird in diesen wenigen Zeilen klar, wie die Mechanismus funktionieren, die dazu führen, vor allem aber, wie sehr Gewalt von Anfang an zum Christentum gehörte. Es ist keine Fehlentwicklung, keine Degeneration, erst recht nicht eine Glaubensprüfung oder gar das Werk des Teufels, nein, die angebliche Religion der Liebe ist zuallererst und zuallerletzt eine der Gewalt:

Liebe kann nicht als göttliches Gebot von der Kanzel verkündet werden, deshalb haben alle Liebespredigten einen falschen Tonfall. Moralische Gebote, wie sie von Jesus verhängt werden, gewinnen ihre Macht letztlich durch die Androhung des Liebesentzugs. Die Androhung des Liebesentzugs durch die Autorität, die in der Gewissensinstanz, im Über-Ich, verinnerlicht ist, sorgt letztlich dafür, daß die Gebote eingehalten werden. (S. 156) …
In der christlichen Religion wird versucht, die Einhaltung von Geboten durch die Androhung zu erreichen, bei ihrer Mißachtung der Liebe Gottes verlustig zu gehen: Wer die Gebote des Herrn mißachtet hat keinen Anspruch mehr auf seinen Schutz und seine Liebe. Aber läßt sich Liebesfähigkeit durch die Androhung des Liebesentzugs hervorbringen? Verlangt die Entfaltung von Liebesfähigkeit nicht vor allem die Erfahrung von sich wiederholender spontaner, anstatt bloß moralisch verordneter Zuwendung? … Wo Aggressivität, der letzlich niemand wirklich entkommen kann und die ein notwendiger Teil jeder Lebendigkeit ist, allzu sehr verdammt wird, verschwindet sie nicht, sondern nimmt die Gestalt des Hasses auf das eigene Selbst an. Wer sich überfordernden Geboten unterwerfen muß, die nur um den Preis der Abtötung der eigenen Lebendigkeit einzuhalten sind, muß sich in seinen eigenen Henker verwandeln. Das erlaubt kaum, die Selbstliebe zu entwickeln, die nötig ist, um andere Menschen zu lieben, die mit dem eigenen Selbst verwandt sind. (S.157) …
Verschärfte Gebote verschärfen innere Widersprüche zwischen Über-Ich-Anforderungen und ihnen widersprechenden Triebregungen und bringen als Konsequenz eine sich verschärfende innere Zerrissenheit hervor. Die Eindämmung von eigenen Aggressionen durch Tabus, die sie abwehren sollen, verlangt notwendig mehr verinnerlichte Aggression gegen das eigene Selbst, die als Unlust erfahren wird. Fällt diese Unlust zu massiv aus, entsteht in der Psyche der Drang, sich durch amoralische aggressive Triebdurchbrüche Entlastung zu verschaffen. Verbote erzeugen immer auch das Begehren, sie zu überschreiten, das Verbotene reizt besonders. Je belastender Verbote ausfallen, desto mehr begünstigen sie insgeheim diesen Drang. Die übersteigerte Moral gebiert so die Unmoral. Sie begünstigt im gesellschaftlichen Rahmen eine moralische Arbeitsteilung zwischen einer moralisierenden Minderheit, die sich für etwas Besseres hält, und einer Masse, die sich kaum um die Moral schert. (S. 157 – 158) …
Lieben diejenigen, die glauben, alle Menschen lieben zu können, im Grunde vielleicht nur auf fragwürdige Art sich selbst? Wollen sie nicht vielleicht heimlich bloß, daß alle anderen sie lieben? Lieben die, die alle Menschen lieben wollen, nicht bloß auf narzißtische Art ihre angebliche Tugendhaftigkeit? Lieben sie nicht mehr die Ideale, mit denen sie sich identifizieren, als andere Menschen? Nietzsche hat fromme Christen sehr bissig als „Spezies der moralisierenden Onanisten und Selbstbefriediger“ [1] bezeichnet. Je ausgeprägter die narzißtischen Anteile der Liebe sind, desto gleichgültiger wird die Qualität ihrer Objekte: Liebe schlägt so in Kälte um. (S.159)…
Wer glaubt, die menschliche Aggressivität vor allem durch Liebe und Friedfertigkeit fordernde Gebote neutralisieren zu können, verkennt ihre Macht. Wo das Aggressionspotential der Gattung Mensch wirklich zur Kenntnis genommen wird, wird sichtbar, daß es das Verhältnis zum Nächsten in einem Ausmaß zu stören vermag, das durch Liebesgebote kaum zureichend bekämpft werden kann. (S.160)…
Der Erfolg der ethischen Liebespropaganda kann angesichts der bisherigen Gewaltgeschichte der Menschheit nicht überzeugen. Alle Bemühungen, ihre Anforderungen praktisch werden zu lassen, haben bisher nicht allzu viel erreicht. Ethische Gebote, die die Gewalt verurteilen, und soziale Zwänge, die sie „polizeilich“ abstützen, sind wohl unverzichtbar, aber sie allein können die destruktiven Potentiale der menschlichen Triebhaftigkeit nicht bändigen. Die christliche Ethik hält sich durch das Versprechen aufrecht, daß die Tugendhaften mit Belohnungen in einem besseren Jenseits rechnen können. Nicht nur, daß dieser Glaube zunehmend zerfallen ist, er war auch früher in frommen Zeiten schon relativ wirkungslos. (S.161) …
Bewußt bearbeitete Aggressivität kann eher entschärft und ungefährlich gemacht werden als bloß durch soziale Tabus und Über-Ich-Forderungen abgewehrte. Soziale Normen, die die aggressive menschliche Triebausstattung nicht angemessen zur Kenntnis nehmen und deshalb allzu viel Friedfertigkeit verlangen, müssen notwendig übertreten werden. Diese permanente Übertretung produziert statt mehr wechselseitigem Verständnis notwendig mehr Gleichgültigkeit und Zynismus und damit auch mehr Gewalt. Eine Moral, die nicht eingehalten werden kann, wirkt zerstörerisch, weil sie die Diskreditierung alles Moralischen begünstigt. Anstatt mehr ethischer Propaganda sind vor allem soziale Verhältnisse nötig, unter denen der Andere, der Fremde, der Gegner noch praktisch als jemand erfahren werden kann, mit dem man als menschliches Wesen verwandt ist, und die es erlauben, leichter zu erkennen, daß man mit ihm in einer gemeinsamen Welt, wie vermittelt auch immer, gemeinsame Interessen hat. (S.162)…
Wie problematisch die christliche Liebesethik ist, läßt sich schon dem Neuen Testament entnehmen. Jesus, der die Gebote der Nächsten- und Feindesliebe in der Bergpredigt aufrichtet, hält sich selbst kaum an diese. Der Stifter selbst scheint nicht wirklich an die Macht seiner Liebesgebote zu glauben. (S.163)…
Die bereits im Matthäus-Evangelium [2], dem ersten Text des Neuen Testaments, sichtbar werdende simple Aufteilung der Menschen in gute und böse, in Schafe und Böcke, wobei den ersten das Heil zukommen soll während letzteren Verdammnis, Gewalt und Vernichtung drohen, wird am Ende der Bibel, in der Offenbarung des Johannes, besonders drastisch vorgeführt. Die durch die Liebesgebote und Aggressionstabus der Bergpredigt abgewehrten zerstörerischen Regungen kommen hier wieder völlig ungehemmt und auf erschreckend brutale Art zum Vorschein. Den Gläubigen wird hier nicht nur ein Bild der Rettung angeboten, ihre Identifikation mit den „Guten“ im Text erlaubt ihnen darüber hinaus, die vorher abgewehrten Aggressionen durch eine Identifikation mit einer erbarmungslos strafenden göttlichen Macht zu genießen. Die Liebesreligion endet mit einem von den Guten veranstalteten Schlachtfest und widerlegt sich damit zugleich selbst. (S.165)…
In den Bildern der Offenbarung sind die Menschen radikal in Gute und Böse aufgeteilt, was dazwischen liegt, was beide verbinden könnte, ist nicht vorhanden oder wird als „lau“ ausgespien. Der Theologe und Psychoanalytiker Raguse benennt das Fatale, das aufgrund dieser Spaltung beim Leser ausgelöst werden kann. „Die Spaltung erlaubt dem Leser die Identifikation mit einem nur-guten und reinen Objekt, und zugleich die Möglichkeit, ein äußerstes Maß an Sadismus ohne jedes Schuldgefühl auszuleben, weil der Sadismus sich auf das böse Objekt richtet, für das es keine Sorgen geben darf. Als Vorbild kann sich der Leser dafür Gott selber nehmen, der mit den Ungläubigen – in der Phantasie des Lesers – real so verfährt, wie dieser es sich vorstellt. Damit wird die Eigenschaft Gottes als eines guten Objektes in keiner Weise berührt, weil es gut ist, das Böse zu beseitigen. Der Sadismus und die Rachegelüste der Glaubenden sind deshalb durch Gott immer schon gerechtfertigt.“[3] … Weil der Glaube an die erlösende Kraft der Liebe in der christlichen Lehre offensichtlich nicht ausreicht, sucht sie das Heil letztlich wieder in der Androhung von brutaler Gewalt, die die Feinde strafen soll. Den insgeheim an der Macht des Guten Zweifelnden wird ein Umgang mit der Destruktivität zugebilligt, der noch hinter das „Auge um Auge, Zahn um Zahn“ des Alten Testaments zurückfällt. Ihre Rachegelüste brauchen sie noch nicht einmal entsprechend der mosaischen Lehre an ein Äquivalent des ihnen Angetanen zu binden, sie dürfen völlig maßlos sein. Daß die meisten Christen die Erbarmungslosigkeit, die in biblischen Texten immer wieder sichtbar wird, gerne übersehen, zeigt, daß die Aggressionstabus, die die christliche Lehre verordnet, bei ihren Anhängern fatale Wirkungen zeitigen können. Solche Tabus begünstigen offensichtlich nicht zuletzt die Verleugnung des aggressiven Potentials der eigenen Anschauungen und sorgen so allzu leicht dafür, daß die verdrängte oder abgespaltene eigene Aggressivität auf prekäre Art wirksam wird. Die Offenbarung des Johannes fällt sicherlich weit hinter die Lehren der Bergpredigt zurück, aber sie kann auch als die geheime Wahrheit der Bergpredigt gelesen werden. Nietzsche bemerkt: „Unterschätze man übrigens die tiefe Folgerichtigkeit des christlichen Instinktes nicht, als er gerade dieses Buch des Hasses mit dem Namen des Jüngers der Liebe überschrieb.“ [4] Nicht nur die „Kriminalgeschichte des Christentums“ (Deschner), auch seine heiligen Texte zeigen, daß das Christentum in vielem von dem lebt, was es zu überwinden vorgibt. (S. 167 – 168)

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[1] Nietzsche, F.: Zur Genealogie der Moral. Werke II, Hgb. Schlechta, K., Darmstadt, 1994, S. 864
[2] Vinnai hat vorher folgende Stellen zitiert: Mt 10, 14-15.32-33.38; 13, 41-42.49-50; 18, 5-6; 21, 43-44; 23, 32-33 und natürlich den „Klassiker“ Mt 25!
[3] Raguse, H.: Psychoanalyse und biblische Interpretation. Stuttgart, 1993, S. 156 f.
[4] Nietzsche, F.:Zur Genealogie der Moral. Werke in 3 Bänden. Hgb. K. Schlechta, Darmstadt, 1994, S. 795

Aphorismus # 570

Wort zum Sonntag #31

Verfolgte Unschuld

Die „kleine Herde“, die „geringe Schar“, die „wenigen Auserwählten“, das ach so überschaubare Volk Gottes- seit seinen Anfängen tituliert sich das Christentum so und gefällt sich in diesem simplen Weltbild: Auf der einen Seite die wenigen von Gott höchstpersönlich Auserwählten, die den Versuchungen der bösen Welt trotzen , die den „schmalen Pfad“, der zum Heil führt, gehen; auf der anderen Seite der ganze Rest der Welt. Und die geht nun mal den Bach runter. Seit mindestens 2000 Jahren und wird es die nächsten 1000 Jahre auch tun, wenn nicht ein Wunder geschieht und das Reich Gottes, von dem Jesus dachte, morgen würde es kommen, endlich kommt. Aber letzteres ist bestimmt nicht zu befürchten, denn 2000 Jahre Ausbleiben sind genug Widerlegung des apokalyptischen Weltbilds.
Dass solches Denken in den Kopf steigt, ist klar. Was muss man doch für ein toller Hecht sein, dass der liebe Gott einen aus dem baldigen Gericht rettet und Millionen andere nicht! So sagt das natürlich niemand, da wird viel von Gnade, Demut und den unbegreiflichen göttlichen Ratschlüssen salbadert, aber im Kern ist es so. Wer sich von Gott auserwählt wähnt, dessen Ego ist so groß wie der Petersdom. Mindestens. Die einen verbergen es hinter liturgischen Gewändern, die anderen hinter frommen Gefasel und andere hinter ihren „Taten der Nächstenliebe“. Wehe, wehe man zeiht sie unlauterer Motive, indem man ihnen den Spiegel vorhält vor ihr aufgeblasenes Ich. Oh, ja. Fromme fluchen nicht, die verfluchen lieber. Selbstbild und Realität klaffen mehr oder weniger bei jedem Menschen auseinander, aber nur religiöser Glaube schafft es, dies zum System zu machen. Ein System, das im Christentum zum Dogma erhoben ist, dem Dogma der verfolgten Unschuld. In diesem Wort zum Sonntag geht es um die hartnäckige und unausrottbare christliche Lüge, dass der Gläubige mehr oder weniger immer auf der „Abschussliste“ der bösen bösen Welt steht.

Aphorismus #559

Der neutestamentliche Satz: »Wer nicht für mich ist, ist wider mich« war von jeher dem Antisemitismus aus dem Herzen gesprochen. Es gehört zum Grundbestand der Herrschaft, jeden, der nicht mit ihr sich identifiziert, um der bloßen Differenz willen ins Lager der Feinde zu verweisen: nicht umsonst ist Katholizismus nur ein griechisches Wort für das lateinische Totalität, das die Nationalsozialisten realisiert haben. Sie bedeutet die Gleichsetzung des Verschiedenen, sei’s der »Abweichung«, sei’s des Andersrassigen, mit dem Gegner.

Theodor W. Adorno, Minima Moralia 85 Musterung

Aphorismus #535

Wort zum Sonntag #26

Jesus Christ Superstar

oder

Wie man es als einfacher Wanderprediger schafft, 2000 Jahre lang verehrt zu werden!

„Wenn die Kirchen machen würden, was Jesus gepredigt hat, die Welt wäre ein besserer Ort!“
„Wenn die Christen immer tun würden, was Jesus gewollt hat, dann könnte ich vielleicht auch glauben!“
„Nächstenliebe, Friedfertigkeit, Barmherzigkeit- alles Dinge, die Jesus wollte, und die Christen nicht tun!“
„Jesus war der erste Hippie! Deswegen musste er sterben!“
„Jesus wurde wegen seiner revolutionären Lehren hingerichtet. DAS hat den Mächtigen nicht gepasst!“

Es ist schon seltsam: mit wem man auch diskutiert, ob mit dem Hardcore-Katholiken, dem „normalen“ Kirchgänger, dem New-Age-Jünger, dem linken Aktivisten, dem Agnostiker oder sogar manchem Atheisten- eines eint sie fast immer: die Bewunderung für diesen Jesus von Nazareth! Das sollte einen doch sofort stutzig machen, oder? Dass Leute mit diametralen Positionen, wie es scheint, einen gemeinsamen Punkt haben: die Bewunderung für eine Person, in deren Namen Großes aber auch Furchtbares vollbracht wurde. Die Gründe für die Bewunderung des Nazareners sind allerdings sehr, sehr unterschiedlich. Ist er für die einen der Sohn Gottes und der kommende Herr und Richter der Welt, so ist er für die andere ganz einfach der Mensch, wie er sein sollte, der Sozialrevolutionär, der Weisheitslehrer, der Guru eines neuen Zeitalters oder oder… So hat jeder sein Bild von Jesus und darum hat er, wie es scheint, immer und überall große Fürsprecher. Aber woher rührt diese ungeteilte Beliebtheit? Warum hat Jesus so eine unverschämt gute Presse?

Jesus Riding a Dinosaur Pictures, Images and Photos

„Und ich sah den Himmel aufgetan; und siehe, ein weißes Pferd.
Und der darauf saß, hieß: Treu und Wahrhaftig, und er richtet und kämpft mit Gerechtigkeit.“
Offenbarung 19, 11
Irgendwie habe ich mir das anders vorgestellt…

Kanzelmärchen #3

Jeder Mensch glaubt!

Jeder glaubt. Ausnahmslos. Jeder! Wenn nicht an einen Gott, dann eben an das Schicksal, die Sterne, die Evolution, an eine Ideologie, an Freitag den 13ten oder an Erdstrahlen… Egal was. Der Mensch glaubt, jeder, auch der Atheist.

Noch nie gehört? Noch nie dem arroganten Grinsen eines Vertreters göttlicher Weisheiten begegnet, der meinte, damit jeglichen Atheismus endgültig ad absurdum führen zu können? Noch nie in trauter Runde nach ein paar Bieren „Einen Glauben braucht ein jeder!“ vernommen?  Wohl kaum. Dass jeder glaubt, ja glauben muss, das ist für die Gläubigen eine Binsenweisheit. Schließlich glauben sie ja selbst! Welch umwerfende Logik! Dass es schlicht Unfug ist, interessiert die Vertreter des organisierten wie des frei fluktuierenden Aberglaubens nicht. Einen Nicht-Gläubigen darf es einfach nicht geben, denn nicht der Unglaube, sondern der Nicht-Glaube stürzt die Verfechter der Glaubenswahrheiten in größte Aporie!
Man könnte sich mit einem entschiedenen „Nein!“ als Kommentar zum Unfug des „Jeder glaubt etwas“ begnügen, aber so einfach möchte ich es in den „Kanzelmärchen“ den Propagandisten göttlicher Wahrheiten nicht machen. Ihre Lehren und „Weisheiten“ kommen hier auf den Prüfstand, ihre Vereinnahmung der Wirklichkeit und ihr Herrschaftsanspruch über den philosophisch-weltanschaulichen Diskurs ebenso. Im Gegensatz zu ihrem Gejammere, dass das Abendland immer unchristlicher werde, haben die Kirchen noch viel zu viel Einfluss in Deutschland. Spätestens an hohen Feiertagen merkt man das, wenn die festlich gewandeten Würdenträger in die dankbar auf sie gerichteten Kameras andachtsvoll hineinglotzen sehen und noch bereitwilliger in jedes ihnen willfährig  vorgehaltene Mikrofon salbadern. Ein schauriges Schauspiel, das sich jedes Weihnachten, jedes Ostern, jedes Pfingsten, jede Bischofskonferenz und jede Generalsynode wiederholt. „Herr erlöse uns vor diesem Übel!“ Das wäre mal ein sinnvolles Gebet, wenn es denn helfen würde. 😉
Atheismus ist im Gegensatz zu den Religionen keine Angelegenheit für irgendwelche äffischen Zeremonien, für in Scheinheiligkeit erstarrte alte Herren und für ein tumbes Volk, das zu fressen hat, was ihm vorgesetzt wird. Atheismus ist nichts für Denkfaule, für Köhler und für die Gefangenen ihrer simpel gestrickten Weltbilder. Atheismus ist etwas für denkende Menschen, die nachbohren, die nachfragen, die sich nie zufrieden geben mit billigen Antworten. Diesem empirisch und logisch begründeten Atheismus stoßen viele, allzu viele Thesen der vereinten Glaubensfront sauer auf. Schon allein deswegen muss der Atheismus desavouiert werden, z.B. indem die Mär vom Glauben als conditio humana, die Legende vom Jedermann-Glauben erzählt wird und so en passant auch  der Atheismus vereinnahmt wird.

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Und was ist jetzt die Narrenkappe?

Kanzelmärchen #2

Gottlos leben heißt sinnlos leben!?

So tönt es nur zu gerne von den Kanzeln. So lassen es sich die Lohnschreiber unserer Zeitungen und Zeitschriften bereitwillig in die Feder diktieren von den Beauftragten des kirchlichen Wahrheitsministeriums. So versichern es die kirchlichen Amtsinhaber in ihren wöchentlichen Kolumnen der Tageszeitungen, in ihren 3 Minuten „Gedanken zum Tag“ und anderen Propagandasendungen im Radio*. So bekommt man es wie selbstverständlich vom Fernsehen aufgetischt: angefangen beim unvermeidlichen Wort zum Sonntag, über „Kerners Pfaffen“, Meischbergers Betroffenheitsgurus und all dem anderen Plaudertaschen mit geistlichem Beistand.
Gottlos = sinnlos, das ist ein beliebtes Mantra, ja mehr als das. Es ist ein Panier, hinter dem sich viele nur zu gerne einreihen: sowohl der Papst und seine Bischöfe, als auch ein verhinderter Fernsehprediger wie der evangelikale Peter Hahne** und die vielen  anderen, die mal mehr mal weniger für ihre Kirche, für eine allgemeine Religiosität oder bei den „Gebildeten unter ihren Bewunderern“ für den Dalai Lama „Zeugnis ablegen“. Aber wie so oft stellt sich die Frage:

Muss es automatisch wahr sein, wenn alle es sagen?

Nein, natürlich nicht. Jeder Atheist, der ein erfülltes Leben hat, der diesem höchstselbst einen Sinn abgewinnen kann, und das ganz ohne Gott und Glaube; jeder Gottlose, der weiß, dass diese „Wahrheit“ vom ach so sinnlosen Leben der Gottlosen, Stuss ist, beweist das Gegenteil. Aber es hilft ja nichts, manchmal ist es nötig, dem Gegenüber in seinem arroganten- ich hab die Wahrheit!- Bekehrungseifer seine Behauptungen argumentativ zu zerlegen. Dazu braucht es erst einmal Fakten, Fakten, Fakten, und dann gilt es, die richtigen Schlüsse daraus zu ziehen. Dieser Text will beides an die Hand geben. Er kann aber eigenes Nachdenken nicht ersetzen. Atheismus kann manchmal ganz schön anstrengend sein, man kann ja nicht, wenn es brenzlig wird, solche universellen Joker wie „Gott“, „Wahrheit“ und „Glaube“ aus den Ärmeln holen. Man muss selbst denken. Und sollte sich nicht auf andere verlassen.

Dieser Text richtet sich ausdrücklich NICHT an gläubige Menschen, außer sie sind bereit, herabzusteigen von ihrem persönlichen Berg Horeb, der aufgetürmt ist aus tatsächlicher Arroganz und behaupteter Offenbarung. Herabzusteigen in die Niederungen von Fakten und Argumenten! 

Cogito ergo impius! – Ich denke, also bin ich gottlos.

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*  Dieses ganz besondere Genre „Radio-Andacht“ oszilliert in seinem Erscheinungsbild meist irgendwo wischen Lächerlichkeit, Anbiederung und frommer Überheblichkeit, wie z.B. auf NDR 2 das tägliche Quantum Trost namens „Moment mal!“ oder auf  Bayern 3 die nicht minder mediokre Reihe „Auf ein Wort“. Schlägt das drumherum gesendete gruselige Musikangebot noch um Längen! Und das will was heißen…

** Bücher von ihm heißen z.B: „Was wirklich wichtig ist.“ oder „Leid, warum lässt Gott das zu?“- Das frage ich mich auch, wie es Gott zulassen kann, solch einen Rohrkrepierer als Sprachrohr für seine Anliegen zu haben! Allein das ist schon ein Beweis gegen die Existenz eines intelligenten und liebenden Gottes! Und noch was. So ein Frömmler wie er hat natürlich kein Problem damit, in der BamS seine eigene Kolumne zu haben. Aber vielleicht meint er ja, sein Mist würde weniger stinken in dem ganzen Dreck drumherum?