Aphorismus #852

Immer spür‘ ich: da ist einer hinter mir her – das bin ich selber – und verfolgt mich …

Peter Lorre (1904 – 1964) als Kindermörder Hans Beckert in Fritz Langs (1890 – 1976) Meisterwerk „M – eine Stadt sucht einen Mörder„, Deutschland 1931

Aphorismus #752

Wort zum Sonntag #57

Warum ich kein Christ bin – Teil IV

Teil I: Die Bibel, ein orientalisches Märchenbuch

Teil II: Erbsünde – Gott, was sind wir alle schlecht!

Teil III: Gnade dir Gott!
Die selbst ernannte Religion der Liebe kennt keine Gnade, keine Liebe, keine Menschlichkeit

Teil V: Der größte Feind der Vernunft ist das Christentum (und die anderen Religionen)

Tei VI: Das Weib schweige in der Gemeinde. Und nicht nur dort!

Teil VII: Von wegen „lieber Gott“

4. Christlicher Verfolgungswahn – Ketzer, wohin man blickt!

4.1. Paulus, Ahnherr kirchlicher Rechthaberei und Archetyp des Inquisitors

Christentum und Ketzertum, Kirche und Schismen, Orthodoxie und  Häresie- das alles gehört von Anfang an zusammen. Eine vollständige Kirchengeschichte kann nur schreiben, wer auch gleichzeitig eine Ketzergeschichte schreibt. Das eine ist ohne das andere nicht zu haben. Von Anfang an wähnte sich die „kleine Schar“ der Rechtgläubigen umgeben von einer Unmenge an Verführern, Ketzern und Dämonen. Diese Art religiöser Paranoia begann nicht erst im Mittelalter, sondern wie so vieles in der Kirche bereits im Neuen Testament. Sie ist dem Christentum inhärent. Dem aufmerksamen Leser dieser kleinen Reihe „Warum ich kein Christ bin“ wird es sicher nicht wundern, wenn ich den Namen Paulus als Anfang der Geschichte des christlichen Verfolgungswahns und der damit einhergehenden „Ketzeritis“ nenne. In seiner unnachahmlich „sanften“ und „kritikfähigen“ Art schreibt er:

13 Denn solche sind falsche Apostel, betrügerische Arbeiter und verstellen sich als Apostel Christi. 14 Und das ist auch kein Wunder; denn er selbst, der Satan, verstellt sich als Engel des Lichts. 2. Korinther 11, 13f

Wenn also jemand nicht der Meinung des Herrn Paulus war, kam dies nicht nur einer Majestätsbeleidigung gleich, nein: Hinter jeder abweichenden Meinung steckt in den Augen des ehemaligen Christenverfolgers Paulus, der sich nun als Verfolgter wähnt,  der Leibhaftige höchstselbst Es geht gar nicht anders. Jede differenzierende Betrachtungsweise passt nicht in sein naives Schwarz-Weiß-Denken auf dem Niveau eines 7-Jährigen! So kommt es, dass jeder, der sich nicht der Meinung des großen „Heidenapostels“ anschließt, umgehend von ihm den Ketzerhut aufgesetzt bekommt und vom selbst ernannten „Boten Gottes“ zur Ausgeburt der Hölle erklärt wird. Was für ein kleiner und enger Geist! Und was für ein Riesen-Ego, das sich ständig in einem Kampf um ALLES wähnt, einen, bei den Gott gegen Satan kämpft- und Paulus ist mitten drin:

24 Wisst ihr nicht, dass die, die in der Kampfbahn laufen, die laufen alle, aber einer empfängt den Siegespreis? Lauft so, dass ihr ihn erlangt. 25 Jeder aber, der kämpft, enthält sich aller Dinge; jene nun, damit sie einen vergänglichen Kranz empfangen, wir aber einen unvergänglichen. 26 Ich aber laufe nicht wie aufs Ungewisse; ich kämpfe mit der Faust, nicht wie einer, der in die Luft schlägt, 27 sondern ich bezwinge meinen Leib und zähme ihn, damit ich nicht andern predige und selbst verwerflich werde. 1. Kor 9, 24ff

Der später wegen angeblicher Irrlehren verketzerte Kirchenvater Tertullian (150 – 230) schrieb einmal den gerne zitierten Satz über die Christengemeinden seiner Zeit: „Seht, wie haben sie einander so lieb!“ Welch ein Irrtum! Das war schon zu Zeiten des NT eine Lüge, und wie Tertullian am eigenen Leibe erfahren durfte, zu seiner erst recht. Hätte er mal lieber gesagt: „Seht, wie hauen sie sich die Köpfe ein!“ Das hätte ihm vielleicht manches erspart und vielen anderen auch, die auf die Propaganda von der Kirche als Gemeinschaft der Liebe hereingefallen sind. Nein, sie hatten sich nicht alle lieb. Sie liebten immer nur die, welche eines Sinnes waren, welche dem Gemeindeleiter hinterhertrotteten wie die Schafe, welche keine Handbreit vom „schmalen Pfad“ (Mt 7, 12ff) abwichen und natürlich die potentiellen „Bekehrungsopfer“. Dafür braucht es aber keine Bibel, keinen Paulus, keine selbstgefällige Religion der Liebe- das kriegt jeder Sportverein besser hin. Nur macht ein solcher nicht so ein Gewese darum wie die sich in höheren Sphären wähnenden Christen. Wenn es im SC Kleinkleckersdorf um die üblichen menschlichen Streitigkeiten und Ego-Probleme geht, dann sind das Streitigkeiten und Ego-Probleme und nicht mehr. Und schon gleich gar nicht apokalyptischen Vorzeichen und heilsgeschichtliche Katastrophen. Zu solch anmaßender Selbstüberschätzung braucht es schon eine Religion. Jede Sekte, jede besonders fromme Gruppe in den Kirche(n), jeder „sich von Gott berufen“ wissender Prediger lebt davon: In unserem Glauben, unserem Ergehen, unserer Gemeinde entscheidet sich das Heil nicht nur für uns, sondern für unsere Stadt, unsere Kirche, ja die ganze Welt.
Paulus in seinem grenzenlosen Besessenheit von DER Wahrheit und in seinem halluzinierten Kampf gegen Satan machte mit seinem maßlosen Absolutheitsanspruch nicht einmal vor seinen apostolischen Kollegen halt. Neben Petrus bekam dies besonders Jakobus zu spüren, des „Herrn Bruder“ (Gal 1, 19), also ein leiblicher Bruder Jesu und der eigentliche Chef der Jerusalemer Urgemeinde. Auslöser des Streits war die Frage unter den ersten Christen, ob ein Heide, der Christ werden will, vorher erst zum Judentum übertreten muss. Ob es wirklich ausschließlich theologische Gründe waren, die Paulus diese Frage verneinen ließen, wage ich zu bezweifeln. Wahrscheinlich war er trotz alles Fanatismus schlau genug, um zu wissen, dass SO das Christentum keine Chance in der „heidnischen“ Welt haben würde, sondern es eine jüdische Sekte unter vielen bleiben würde mit drohender Marginalisierung und alsbaldigem Untergang. Also taufte Paulus auch Heiden, unterzog sie vorher nicht der Beschneidung und verlangte von ihnen auch keine Einhaltung der jüdischen Speisegesetze. Bei den Jerusalemer Judenchristen machte ihn solches alles andere als beliebt. Es kam zum offenen Konflikt mit der Fraktion des Jakobus und des Petrus (=Kephas):

11 Als aber Kephas nach Antiochia kam, widerstand ich ihm ins Angesicht, denn es war Grund zur Klage gegen ihn. 12 Denn bevor einige von Jakobus kamen, aß er mit den Heiden; als sie aber kamen, zog er sich zurück und sonderte sich ab, weil er die aus dem Judentum fürchtete. 13 Und mit ihm heuchelten auch die andern Juden, sodass selbst Barnabas verführt wurde, mit ihnen zu heucheln. 14 Als ich aber sah, dass sie nicht richtig handelten nach der Wahrheit des Evangeliums, sprach ich zu Kephas öffentlich vor allen: Wenn du, der du ein Jude bist, heidnisch lebst und nicht jüdisch, warum zwingst du dann die Heiden, jüdisch zu leben? Gal 2, 11-14

In diesen wenigen Sätzen in Verbindung mit solchen Stellen wie 1. Kor 3,1; 2. Kor 11, ; Phil 3, ; Röm 16, 17ff ist in der Person des Paulus und seiner Denkweise bereits der Grundstock gelegt für so ziemlich alles, was später in der Kirchengeschichte noch kam an Ausschlüssen, Verketzerungen, Verfolgungen bis hin zur Inquisition. Die katholische Kirche hat recht. Die Inquisition ist biblisch, zumindest ist sie paulinisch. Warum aber der Nachfolger Petri sich auf Paulus beruft, der doch seinen Kollegen Petrus coram publico abwatscht, ist mal wieder so ein Treppenwitz, wie ihn nur katholische Theologie hinbekommen kann.

Kanzelmärchen #3

Jeder Mensch glaubt!

Jeder glaubt. Ausnahmslos. Jeder! Wenn nicht an einen Gott, dann eben an das Schicksal, die Sterne, die Evolution, an eine Ideologie, an Freitag den 13ten oder an Erdstrahlen… Egal was. Der Mensch glaubt, jeder, auch der Atheist.

Noch nie gehört? Noch nie dem arroganten Grinsen eines Vertreters göttlicher Weisheiten begegnet, der meinte, damit jeglichen Atheismus endgültig ad absurdum führen zu können? Noch nie in trauter Runde nach ein paar Bieren „Einen Glauben braucht ein jeder!“ vernommen?  Wohl kaum. Dass jeder glaubt, ja glauben muss, das ist für die Gläubigen eine Binsenweisheit. Schließlich glauben sie ja selbst! Welch umwerfende Logik! Dass es schlicht Unfug ist, interessiert die Vertreter des organisierten wie des frei fluktuierenden Aberglaubens nicht. Einen Nicht-Gläubigen darf es einfach nicht geben, denn nicht der Unglaube, sondern der Nicht-Glaube stürzt die Verfechter der Glaubenswahrheiten in größte Aporie!
Man könnte sich mit einem entschiedenen „Nein!“ als Kommentar zum Unfug des „Jeder glaubt etwas“ begnügen, aber so einfach möchte ich es in den „Kanzelmärchen“ den Propagandisten göttlicher Wahrheiten nicht machen. Ihre Lehren und „Weisheiten“ kommen hier auf den Prüfstand, ihre Vereinnahmung der Wirklichkeit und ihr Herrschaftsanspruch über den philosophisch-weltanschaulichen Diskurs ebenso. Im Gegensatz zu ihrem Gejammere, dass das Abendland immer unchristlicher werde, haben die Kirchen noch viel zu viel Einfluss in Deutschland. Spätestens an hohen Feiertagen merkt man das, wenn die festlich gewandeten Würdenträger in die dankbar auf sie gerichteten Kameras andachtsvoll hineinglotzen sehen und noch bereitwilliger in jedes ihnen willfährig  vorgehaltene Mikrofon salbadern. Ein schauriges Schauspiel, das sich jedes Weihnachten, jedes Ostern, jedes Pfingsten, jede Bischofskonferenz und jede Generalsynode wiederholt. „Herr erlöse uns vor diesem Übel!“ Das wäre mal ein sinnvolles Gebet, wenn es denn helfen würde. 😉
Atheismus ist im Gegensatz zu den Religionen keine Angelegenheit für irgendwelche äffischen Zeremonien, für in Scheinheiligkeit erstarrte alte Herren und für ein tumbes Volk, das zu fressen hat, was ihm vorgesetzt wird. Atheismus ist nichts für Denkfaule, für Köhler und für die Gefangenen ihrer simpel gestrickten Weltbilder. Atheismus ist etwas für denkende Menschen, die nachbohren, die nachfragen, die sich nie zufrieden geben mit billigen Antworten. Diesem empirisch und logisch begründeten Atheismus stoßen viele, allzu viele Thesen der vereinten Glaubensfront sauer auf. Schon allein deswegen muss der Atheismus desavouiert werden, z.B. indem die Mär vom Glauben als conditio humana, die Legende vom Jedermann-Glauben erzählt wird und so en passant auch  der Atheismus vereinnahmt wird.

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Und was ist jetzt die Narrenkappe?

Aphorismus #331

Von Über-Ich und Es in die Zange genommen, erhält das Ich die passende gesellschaftliche Form und Triebausrichtung nach dem Schema der Paranoia. Angst davor, die Beherrschung zu verlieren und dafür bestraft zu werden, treibt es dazu, sich der Autorität vollkommen zu unterwerfen und seinen Haß gegen sie in eine allgemeine Zerstörungswut abzuleiten.

Thomas Becker, Der Terror der Terrorisierten und die Gewalt werdende Aufklärung

Aphorismus #128

Es ist, als hätte die Schlange, die den ersten Menschen sagte: ihr werdet sein wie Gott, im Paranoiker ihr Versprechen eingelöst. Er schafft alle nach seinem Bilde. Keines Lebendigen scheint er zu bedürfen und fordert doch, daß alle ihm dienen sollen. Sein Wille durchdringt das All, nichts darf der Beziehung zu ihm entbehren. Seine Systeme sind lückenlos. Als Astrologe stattet er die Sterne mit Kräften aus, die das Verderben des Sorglosen herbeiführen, sei es im vorklinischen Stadium des fremden, sei es im klinischen des eigenen Ichs. Als Philosoph macht er die Weltgeschichte zur Vollstreckerin unausweichlicher Katastrophen und Untergänge. Als vollendet Wahnsinniger oder absolut Rationaler vernichtet er den Gezeichneten durch individuellen Terrorakt oder durch die wohlüberlegte Strategie der Ausrottung. So hat er Erfolg. Wie Frauen den ungerührten paranoiden Mann anbeten, sinken die Völker vor dem totalitären Faschismus in die Knie.

Max HorkheimerTheodor W. Adorno: „Dialektik der Aufklärung – Philosophische Fragmente„, Kapitel V „Elemente des Antisemitismus. Grenzen der Aufklärung“