Aphorismus #962

Mit dem Dreikönigstreffen eröffnen wir unser Liberales Jahr 2011.

Dieses Pfeifen im Walde hat gestern die Oberpfeife der FDP Guido W. auf dem Dreikönigstreffen seines Pfeifenclubs von sich gegeben.
Wie sehr ihn der dunkle Wald des Machtverlusts ängstigt, wird klar bei seiner abschließenden Litanei darüber, wozu Deutschland die FDP so dringend braucht. Wer so redet steht mit dem Rücken zur Wand. Und wie immer in D kommt die Gefahr nicht von rechts, nicht von Glatzen, NPD, Rassisten und Antisemiten, auch nicht von der z.Zt. so beliebten „Das wird man doch noch sagen dürfen“-Attitüde, sondern die Gefahr von links. Als wenn die SPD links wäre und die Linke tatsächlich linke Politik machen würde, wo sie mitregiert.
Lächerlich.

Wir Liberale gehen auf Angriff, weil wir linke Mehrheiten in Deutschland verhindern wollen.

Wem die Bürgergesellschaft wichtiger ist als Staatsgläubigkeit, der hat nur die FDP.
Wer die Mittelschicht stärken will, damit sich die Gesellschaft nicht spaltet, der hat nur die FDP.
Wer den Mittelstand in das Zentrum der Wirtschaftspolitik rücken will, der hat nur die FDP.
Wer die Bürgerrechte schützen will, weil es Sicherheit ohne Freiheit nicht gibt, der hat nur die FDP.
Wer in der Bildung Chancengleichheit will, aber nicht Ergebnisgleichheit, der hat nur die FDP.
Wer eine Umweltpolitik der besten Ergebnisse will statt der guten Absichten, der hat nur die FDP.
Wer einen Sozialstaat will, der den Bedürftigen hilft und nicht den Findigen, der hat nur die FDP.
Wer in neuen Technologien zuerst die Chancen sieht und nicht nur Risiken, der hat nur die FDP.
Wer will, dass sich die eigene Anstrengung lohnt, der hat nur noch die FDP.
Wer die Freiheit liebt, der braucht eine starke FDP. Und eine starke FDP braucht Sie.

Besser kann man die Gründe nicht zusammenfassen, warum jeder denkende Mensch einen weiten Bogen um diese drittklassige Schauspieltruppe machen sollte. Womit ich keinesfalls die ehrbaren Schauspieler beleidigen möchte. Aber die FDP (und nicht nur sie) tut nur so, als würden sie Politik machen. Ihre Aufführung des Stückes Regierungspolitik ist billigstes Schmierentheater ohne Unterhaltungswert. Regiert und entschieden wird nicht in Berlin, früher nannte man das Kapital. Aber das ist ja Kommunismus, wenn man so redet.

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Aphorismus #846

Das Zeitalter der Atomenergie beginnt. Elf Jahre nach Hiroshima breitet sich die Erkenntnis aus, dass der neue Brennstoff Uran 235, der drei Millionen mal besser ist als Kohle, offenbar gewaltige Umwälzungen mit sich bringen wird, wenn genügend davon auf der Welt vorhanden sein sollte. (..) die unterentwickelten Völker werden die benötigte Energiebasis erhalten. Wüsten können durch Entsalzen des Meerwassers bewässert, Urwälder oder arktische Gebiete mit Hilfe von Elektrizitätswerken, die durch die Luft versorgt werden, erschlossen werden. Schiffahrt und Luftfahrt werden auf den neuen Brennstoff übergehen. (..) Wahrhaft eine grosse Aufgabe für die technisch fortgeschrittenen Völker, den vorwärtsstrebenden zu helfen, aber auch ein zunächst unerschöpfliches Wirkungsfeld für Exportindustrien in der Lieferung von Produktionsmitteln und Konsumgütern für den Aufbau der Wirtschaftsgebiete draussen in Übersee.

Leo Brandt, Staatssekretär im Wirtschafts- und Verkehrsministerium von Nordrhein-Westfalen und stellvertretender Vorsitzender der Deutschen Atomkommission; Ansprache auf dem SPD-Parteitag 1956.

NB! Wenn es um Atomkraft geht, wurde schon immer munter drauflos fabuliert, das Blaue vom Himmel versprochen und gelogen was das Zeug hält. Die deutschen Energieriesen stehen da in gute alter Tradition. Für eine strahlende Zukunft!

Das jammervolle Geächz der aus der Regierung herausgeworfenen Sozialdemokraten

Eines aber möchten wir in absehbarer Zeit gewiß nicht hören: das jammervolle Geächz der aus der Regierung herausgeworfenen Sozialdemokraten, weil man sie dann grade so behandeln wird, wie sie heute den Reaktionären helfen, die Arbeiter zu behandeln.
Eines Tages wird es soweit sein. Die furchtbare Drohung, sich nunmehr bald an die frische Luft zu verfügen, wird von der Partei wahrgemacht werden, wahrscheinlich eine halbe Minute, bevor man sie auch in aller Förmlichkeit bitten wird, den Tempel zu räumen. Und dann wird sich die Führung besinnen: Jetzt sind wir in der Opposition. Mit einem großen O. Wie macht man doch das gleich …?
Da werden sie dann die Mottenkisten aufmachen, in denen – ach, ist das lange her! – die guten, alten Revolutionsjacken modern, so lange nicht getragen, so lange nicht gebraucht! Werden ihnen zu eng geworden sein. Und dann frisch als Sansculotten maskiert, vor auf die Szene. »Die Partei protestiert auf das nachdrücklichste gegen die Gewaltmaßnahmen …« Herunter! Abtreten! Faule Äpfel! Schluß! Schluß!
Die werden sich wundern. Und sie werden keinen schönen Anblick bieten. Denn nichts ist schrecklicher als eine zu jedem Kompromiß bereite Partei, die plötzlich Unnachgiebigkeit markieren soll. Millionen ihrer Anhänger sind das gar nicht mehr gewöhnt; die Gewerkschaftsbureaukratie auch nicht, für die uns allerdings nicht bange ist: es findet sich da immer noch ein Unterkommen. Wären die Stahlhelm-Industriellen nicht so maßlos unintelligent – sie könnten sich das Leben mit denen da schon heute wesentlich leichter machen. Sie werden es sich leicht machen.
Alles gut und schön. Aber erzählt uns ja nichts von: Recht auf die Straße; Polizeiwillkür; Verfassung; Freiheit … erzählt sonst alles, was ihr lustig seid. Aber dieses eine jemals wieder zu sagen –: das habt ihr verscherzt.

Kurt Tucholsky, Die Weltbühne, 22.09.1931, Nr. 38, S. 454

Der link zum Bild udn zu viel guter Musik

Aphorismus #425

Die Linke könnte an einem schönen Morgen finden, daß ihr parlamentarischer Sieg und ihre wirkliche Niederlage zusammenfallen. Die deutsche Entwicklung bedarf vielleicht solcher Kontraste.

Karl Marx MEW 5, S.168 „Verhaftungen“ in: Neue Rheinische Zeitung“ Nr. 35 vom 5. Juli 1848

Köhlerglaube reloaded

Eine erste Version dieses Textes habe ich ziemlich genau vor einem Jahr veröffentlicht. Und ihn bis jetzt zweimal der aktuellen Situation angepasst. Inzwischen sind kosmetische Korrekturen aber zuwenig, deswegen nun „Köhlerglaube* reloaded“.

Bundespräsidenten genießen in unserem Land trotz der vielen Nullnummern, die dieses Amt eines „Grüßaugust“ bisher inne hatten, ein dermaßen hohes Ansehen, dass der aufmerksame Zeitgenosse sich nur die Augen reiben kann. Nach dem Kabarett-Liebling Lübke (Meine Damen und Herren, liebe Neger!), dem deutschesten aller Wandersmänner Carstens samt Frau Veronica als Ober-Heilpraktikerin der Republik , dem gleichnamigen Ruck-Herzog, inzwischen besser bekannt als Industrie-Baron und dem verhinderten Pastor Bruder Johannes, genießt die Republik also nun schon 5 Jahre die Peinlichkeiten eines Horst K. als ihres alleröbersten Repräsentanten udn weitere 5 liegen noch vor uns.

Böse Zungen könnten nun behaupten: jedes Land hätte die Repräsentanten, die es verdient: die diversen Monarchien in Europa eine Elizabeth II., einen Juan Carlos, eine Beatrix und wie sie alle heißen; die BRD eben ihre Bundespräsidenten. Das greift aber zu kurz. Ich wüsste nicht, warum D einen Heinemann oder einen von Weizsäcker verdient hätte! Die waren- bei allen Beschränkungen, die ihr Amt und vorher ihr Weg dorthin mitgebracht hatte, wirkliche Staatsmänner und hatten was zu sagen.

Aber zurück zum derzeitigen Amtsinhber, besser versuchten Amtsinhaber. Obwohl er von einer Peinlichkeit zur nächsten stolpert, genießt er sowohl bei den Parteien, in der Wirtschaft und in der breiten Bevökerung weithin hohes Ansehen. So weit und so hoch, dass uns eine zweite Amtszeit beschert wurde. Es bleibt einem wirklich nichts erspart!
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* Köhlerglaube: Angeblich rührt die Bezeichnung davon her, dass ein Köhler einem Theologen auf die Frage, was er glaube, antwortete: „Was die Kirche glaubt“, und auf die weitere Frage, was denn die Kirche glaube, zur Antwort gab: „Was ich glaube“.

Alle Zitate im Text sind der Wikipedia entnommen, den Artikeln über Köhler und über das Amt des Bundespräsidenten.

Aphorismus #327

Der Revoluzzer

(Der deutschen Sozialdemokratie gewidmet)

War einmal ein Revoluzzer,
im Zivilstand Lampenputzer;
ging im Revoluzzerschritt
mit den Revoluzzern mit.

Und er schrie: „Ich revolüzze!“
Und die Revoluzzermütze
schob er auf das linke Ohr,
kam sich höchst gefährlich vor.

Doch die Revoluzzer schritten
mitten in der Straßen Mitten,
wo er sonsten unverdrutzt
alle Gaslaternen putzt.

Sie vom Boden zu entfernen,
rupfte man die Gaslaternen
aus dem Straßenpflaster aus,
zwecks des Barrikadenbaus.

Aber unser Revoluzzer
schrie: „Ich bin der Lampenputzer
dieses guten Leuchtelichts.
Bitte, bitte, tut ihm nichts!

Wenn wir ihn‘ das Licht ausdrehen,
kann kein Bürger nichts mehr sehen.
Laßt die Lampen stehn, ich bitt! ­
Denn sonst spiel ich nicht mehr mit!“

Doch die Revoluzzer lachten,
und die Gaslaternen krachten,
und der Lampenputzer schlich
fort und weinte bitterlich.

Dann ist er zu Haus geblieben
und hat dort ein Buch geschrieben:
nämlich, wie man revoluzzt
und dabei doch Lampen putzt.

Erich Mühsam (1878 – 1934), von den Nazis im KZ Oranienburg ermordeter unbeugsamer Freigeist und Anarchist, Publizist und Schriftsteller.

Was tun? – Part 3

War der erste Teil ein wütender Rückblick auf den Weg der SPD, die im 19. Jhd. als sozialistische Partei begann und im 21. Jhd. als Kleinkoalitionär der Christdemokraten ihren vorläufigen Tiefpunkt erreichte; so handelte der zweite Teil von der Fehlinterpretation der Marxschen Theorie als „Ökonomismus„, d.h. als Erklärung von allem und jedem ausschließlich aus den ökonomischen Beziehungen von Einzelnen, Gruppen und Völkern nicht nur durch die neoliberalen Gegner, sondern auch durch so manche Linke; so soll es in diesem dritten Teil um einen Aspekt des allgemeinen politischen Klimas inklusive des linken gehen, der m.E. sehr starke Auswirkungen hat, wie es angesichts der aktuellen Krise des Kapitalismus und seines selbst erzeugten Siechtums weitergehen kann. Er handelt von der überhand nehmenden Emotionalisierung aller Lebensbereiche seitens der Medien und die Folgen für linke Politik.

Also: Was tun…? Die dritte!