Aphorismus #975

Waffen kann man nicht mit Küssen und Kugeln nicht mit Blumen besiegen.

Isabel Allende, DER SPIEGEL, 3.11.1986

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Aphorismus #938

Faulheit und Feigheit sind die Ursachen, warum ein so großer Teil der Menschen, nachdem sie die Natur längst von fremder Leitung frei gesprochen (naturaliter maiorennes), dennoch gerne zeitlebens unmündig bleiben; und warum es Anderen so leicht wird, sich zu deren Vormündern aufzuwerfen. Es ist so bequem, unmündig zu sein. Habe ich ein Buch, das für mich Verstand hat, einen Seelsorger, der für mich Gewissen hat, einen Arzt, der für mich die Diät beurteilt, u.s.w., so brauche ich mich ja nicht selbst zu bemühen. Ich habe nicht nötig zu denken, wenn ich nur bezahlen kann; andere werden das verdrießliche Geschäft schon für mich übernehmen.

Wer hat’s geschrieben? – Bitte erst mal selbst überlegen. Die Auflösung gibt es hier.

Aphorismus #896

Wir glauben, daß der Klassencharakter der Gesellschaft, wie ihn der Kapitalismus bis zum Auseinanderklaffen der Völker in zwei verschiedene Tiergattungen ausgebildet hat, nur durch die Ueberwucherung des gesamten Lebens von materialistischem Denken und Trachten möglich wurde; daß aber umgekehrt die Uebersteigerung der materialistischen Triebe immer und unter allen Umständen zu Klassenscheidungen der Gesellschaft, mithin zur Versklavung des einen Teils und zur Herrenmacht des anderen Teils führen muß. Wir glauben ferner, daß die Verrottung der kapitalistischen Gesellschaft, ihr hilfloses Herumtorkeln in der eigenen Mißwirtschaft, ihr Zufluchtsuchen bei Kriegen und immer brutalerer Knechtung der enteigneten und entrechteten Massen ihre tiefste Ursache im Widersinn des nur materialistischen Fühlens, Denkens und Handelns hat.

Die etwas altmodischen Formulierungen verraten zwar, dass dieser Text nicht von heute stammt, aber er trifft genauso auf das Jahr 1932 zu, aus dem er stammte, wie auf das Jahr 2010. Er stammt von Erich Mühsam (1878 – 1934), dem großen Anarchisten. „Die Befreiung der Gesellschaft vom Staat“  ist das programmatische Hauptwerk Erich Mühsams und die letzte Veröffentlichung vor seiner Verhaftung durch die SA am 28. Februar 1933. Das Werk erschien zunächst in drei Fortsetzungen in der Zeitschrift: Die Internationale. Zeitschrift für die revolutionäre Arbeiterbewegung, Gesellschaftskritik und sozialistischen Neuaufbau. Herausgegeben von der Freien Arbeiter-Union Deutschlands, Anarcho-Syndikalisten. Berlin. Jg. 5. Heft 6 (Juni 1932), Heft 7 (Juli 1932) und Heft 8 (August 1932). Im folgenden Jahr wurde ein Sonderheft als Einzelveröffentlichung im „Fanal-Verlag Erich Mühsam“ gedruckt.

Aphorismus #882

Our instinctive apparatus consists of two parts — the one tending to further our own life and that of our descendants, the other tending to thwart the lives of supposed rivals. The first includes the joy of life, and love, and art, which is psychologically an offshoot of love. The second includes competition, patriotism, and war. Conventional morality does everything to suppress the first and encourage the second.

Bertrand Russell (1872 – 1970), On the Value of Scepticism. Einleitung zu: Sceptical Essays, 1928

Aphorismus #822

Wort zum Sonntag #67

Die Kritik der Religion ist die Voraussetzung aller Kritik.
Karl Marx

Eine kleine Zitatensammlung*

Religion ist eine menschliche Erfindung, die sich schleichend ausbreitet. Man weiß sehr wohl, wie sie beginnt, wie sich schüchtern die ersten Kulte etablieren und dann entwickeln, wie die ersten Götter Gestalt annehmen und diverse Funktionen bekommen, und wie sich ihre Zahl verringert, bis es schließlich nur noch einen gibt.

Umberto Eco

Die Religion hat viel Schlechtes und nur wenig Gutes hervorgebracht.

Claude Adrien Helvétius (1715 – 1771), französischer Philosoph

Gefängnisse werden mit den Steinen des Gesetzes erbaut, Bordelle mit den Backsteinen der Religion.

William Blake (1757 – 1827), englischer Dichter

Das ethische Verhalten des Menschen ist wirksam auf Mitgefühl, Erziehung und soziale Bindung zu gründen und bedarf keiner religiösen Grundlage. Es stünde traurig um die Menschen, wenn sie durch Furcht vor Strafe und Hoffnung auf Belohnung nach dem Tode gebändigt werden müssten.

Albert Einstein (1879 – 1955)

Religion ist Feigheit vor dem Schicksal. Nichts weiter.

Rudolf von Delius (1878 – 1946), deutscher Schriftsteller und Philosoph

Die Religion stützt sich vor allen und hauptsächlich auf die Angst.

Ich betrachte die Religion als Krankheit, als Quelle unnennbaren Elends für die menschliche Rasse.

Bertrand Russell (1872 – 1970)

Der Mensch macht die Religion, die Religion macht nicht den Menschen.

Die Kritik der Religion endet mit der Lehre, dass der Mensch das höchste Wesen für den Menschen sei, also mit dem kategorischen Imperativ, alle Verhältnisse umzuwerfen, in denen der Mensch ein erniedrigtes, ein geknechtetes, ein verlassenes, ein verächtliches Wesen ist.

Karl Marx (1818 – 1883)

Der Religion ist nur das Heilige wahr, der Philosophie nur das Wahre heilig.

Ludwig Feuerbach (1804 – 1872)

Die Religion ist eine Krücke für schlechte Staatsverfassungen.

Religionen sind Kinder der Unwissenheit, die ihre Mutter nicht lange überleben.

Arthur Schopenhauer (1788 – 1860)

Denken Sie an den betrübenden Kontrast zwischen der strahlenden Intelligenz eines gesunden Kindes und der Denkschwäche des durchschnittlichen Erwachsenen. Wäre es so ganz unmöglich, dass gerade die religiöse Erziehung ein großes Teil Schuld an dieser relativen Verkümmerung trägt?

Eine Neurose ist individuelle Religiosität, und Religion ist eine universelle Zwangsneurose.

Religion – den Wahn erkennt natürlich niemals, wer ihn selbst noch teilt.

Sigmund Freud (1856 – 1939)

Die Religion ist eine Art geistigen Fusels, in dem die Sklaven des Kapitals ihr Menschenantlitz und ihre Ansprüche auf ein halbwegs menschenwürdiges Leben ersäufen.

Lenin (1870 – 1924)

Die Religion der Liebe, die christliche, ist seit mehr als achtzehn Jahrhunderten gegen alle Andersdenkenden eine Religion des Hasses, der Verfolgung, der Unterdrückung gewesen. Keine Religion der Welt hat der Menschheit mehr Blut und Tränen gekostet als die christliche, keine hat mehr zu Verbrechen der scheußlichsten Art Veranlassung gegeben; und wenn es sich um Krieg und Massenmord handelt, sind die Priester aller christlichen Konfessionen noch heute bereit, ihren Segen zu geben, und hebt die Priesterschaft der einen Nation gegen die feindlich ihr gegenüberstehende Nation flehend die Hände um Vernichtung des Gegners zu einem und demselben Gott, dem Gott der Liebe, empor.

August Bebel (1840 – 1913), deutscher sozialistischer Politiker
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* Man möge mir nachsehen, dass ich diesmal nur auf die Wikipedia-Artikel der Autoren verlinke und keine Quellenangaben mache- mehr war aus zeitlichen Gründen leider nicht drin. Jedoch sind es seriös scheinende Quellen aus dem Netz, aus denen die Zitate entnommen sind.

Aphorismus #715

Sobald das Eigentumsrecht auch nur das geringste Stück Boden in seine technokratisch-lukrativen Zangen nimmt, wird die natürliche Kostenlosigkeit zerstückelt und versteigert. Das Wasser zur Bewässerung, der fruchtbar zu machende Boden, der Siedlungsraum, das Umherschweifen und sogar die Luft, alles läßt sich verzinsen, alles muß bezahlt und wieder zurückgezahlt werden, wobei Haß, Frustration und Aggressivität den Wuchersitten das Geleit geben.

Raoul Vaneigem, An die Lebenden! Streitschrift gegen die Welt der Ökonomie

Aphorismus #697

Das Elend als Gegensatz von Macht und Ohnmacht wächst ins Ungemessene zusammen mit der Kapazität, alles Elend dauernd abzuschaffen.

Theodor W. Adorno/ Max Horkheimer, Dialektik der Aufklärung, Begriff der Aufklärung

Wie so oft bei Adorno und Horkheimer braucht es mehr als nur oberflächliches Drüberhuschen, um zu verstehen, was gemeint ist. Darum ein wenig Erklärung dazu: Seit Jahrzehnten wird uns bei jeder technischen Neuerung das Paradies auf Erden versprochen, weniger schwere und dafür erfüllendere Arbeit, mehr Teilhabe an den Entscheidungen im Unternehmen, mehr Freizeit usw. Aber was passiert wirklich? Mit jeder neuen Runde der Automatisierung und Modernisierung wächst das Heer der Ausgemusterten und Nutzlosen, der Ohnmächtigen und Verelendeten. Genau um dieses Heer zu maßregeln und ja unten zu halten, dazu ist Hartz IV in erster Linie da. Und um denen, die noch Arbeit haben, das Letzte an Kraft und Einsatz abzupressen. Bis sie eines Tages ausgebrannt und gebrochen doch da landen, wo sie nie hin wollten.